<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>ecke:sócrates &#187; hintergrund:ecke</title>
	<atom:link href="http://www.eckesocrates.de/?cat=6&#038;feed=rss2" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.eckesocrates.de</link>
	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
	<lastBuildDate>Tue, 16 Sep 2014 16:33:48 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
		<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
		<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=4.0.38</generator>
	<item>
		<title>Epilog: Die Geschichte von ecke:sócrates</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=561</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=561#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 13 Sep 2014 07:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[fußball:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Brasilien]]></category>
		<category><![CDATA[Epilog]]></category>
		<category><![CDATA[WM]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=561</guid>
		<description><![CDATA[Die WM ist vorbei. Die Brasilien-Reise ist vorbei. Einer meiner permanenten Lebensinhalte der letzten 10 Monate hat sich in Luft aufgelöst. Es ging so schnell. Von einem Tag auf den nächsten war ich schon in einem neuen Kapitel meines Lebens...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die WM ist vorbei. Die Brasilien-Reise ist vorbei. Einer meiner permanenten Lebensinhalte der letzten 10 Monate hat sich in Luft aufgelöst. Es ging so schnell. Von einem Tag auf den nächsten war ich schon in einem neuen Kapitel meines Lebens angekommen, einem Praktikum in Buenos Aires. Doch irgendwo, in einer Ecke meines Hinterkopfes rumort es immer noch. ecke:sócrates hallt nach. Um also nicht nur physisch, sondern auch mental mit dem Projekt ecke:sócrates abzuschließen, habe ich mich dazu entschlossen, die ganze Geschichte noch einmal schriftlich Revue passieren zu lassen.</em></p>
<p>Es begann an einem dieser eisig kalten Leipziger Wintertage im Januar 2013. Als ich abends aus der Uni nach Hause komme, liegt ein Brief auf der Türschwelle meines WG-Zimmers. Er ist vom akademischen Auslandsamt und ich habe ihn schon seit Tagen erwartet. Nervös öffne ich ihn und schmeiße ihn direkt danach vor Freude in die Luft. Ich habe die Zusage für ein Auslandssemester in Argentinien im Frühjahr 2014.</p>
<p>Über ein Jahr lang hatte ich also Zeit, mich auf dieses besondere Semester vorzubereiten. Einen Gedanken hatte ich seitdem im Kopf: »Zur selben Zeit findet doch im Nachbarland Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Du musst da irgendwie hin.« Menschen, die mich kennen, wissen, dass der Fußball einen ziemlich großen Teil meines Lebens ausmacht. Die Idee, bei einer WM in Brasilien, im Land des Fußballs dabei zu sein, elektrisierte mich. Die Frage war bloß, wie. Geld, um nach Brasilien zu reisen, hatte ich keines. Das halbe Jahr in Argentinien würde schon teuer genug werden.</p>
<p>Dass dieser Traum nicht gleich zerplatzte lag schließlich daran, dass sich zu dieser Zeit eine weitere Entwicklung in meinem Leben abzeichnete: Ich machte die ersten Schritte im Journalismus. Ein Jahr lang hatte ich nun schon als Redakteur beim Leipziger Uni- und Lokalradio mephisto 97.6 mitgearbeitet. Jetzt, im Juni 2013, war ich mir sicher, dass ich diesen Weg weitergehen wollte, Journalist werden wollte.</p>
<p>Daher hatte ich auch schon entschieden, meine Semesterferien für ein dreimonatiges Praktikum beim Leipziger Stadtmagazin kreuzer einzutauschen. Im selben Monat brachen in Brasilien während des Confederations Cup die Massenproteste los, die die WM auch für Außenstehende auf einmal in einem anderen Licht erscheinen ließen. Ich hatte zuvor nicht viel mehr über Brasilien gewusst, als die gängigen Klischees. Fußball, Samba, Bikinis. Doch die sozialen Unruhen ließen mich aufhorchen. Bisher hatte ich die Weltmeisterschaften immer nur aus der fußballerischen Perspektive betrachtet. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir: Wenn ich nach Brasilien reisen würde, dann nicht als WM-Tourist.</p>
<p>Plötzlich lag die Idee so klar vor mir, als hätte es sie immer schon gegeben: Warum nicht meine Leidenschaften für den Fußball und den Journalismus mit einer Reise nach Brasilien verbinden. Den gesellschaftlichen Mehrwert wollte ich liefern, indem ich über Themen abseits des Fußballs berichten würde, zum Beispiel über die sozialen Unruhen im Land. Sportjournalisten gibt es sicher schon genug vor Ort.</p>
<p>Während meines ersten Praktikums im Print-Journalismus beim kreuzer, von August bis Oktober, arbeitete ich diese Grundidee immer weiter aus. Zu der Zeit schrieb ich meine ersten längeren Texte und Reportagen. Das machte so viel Spaß, dass ich auch mein Brasilien-Projekt in Textform realisieren wollte. Ursprünglich war ich von einem reinen Radio-Projekt ausgegangen. So oder so: Online sollte es sein. Gemeinsam mit zwei guten Freunden bastelte ich im Oktober und November an der Website und dem Logo des Projekts. Der Name stand zu der Zeit schon fest: »ecke:sócrates – Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien«. Er ist mir beim Laufen eingefallen. Die Geschichte des legendären brasilianischen Spielmachers, Demokraten und Kinderarztes Sócrates hatte mich schon länger fasziniert.</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/76755353" width="640" height="360" frameborder="0" title="Football Rebels - Socrates and the Corinthians&#039; Democracy" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p>Ich denke, gesellschaftskritischer Journalismus während der WM in Brasilien wäre in seinem Sinne gewesen. Daher wollte ich ihm dieses Projekt widmen. Die Ecke steht für eine einfache und zugleich komplexe Spielsituation im Fußball, in der alles passieren kann. Oder eben nichts. Das undurchsichtige Prinzip der Ecke lässt sich auch auf das Land Brasilien übertragen. Wie wirkt sich das Großevent WM 2014 letztendlich auf die brasilianische Gesellschaft aus? Kann das Land davon profitieren oder verpufft die Ecke im Nichts und übrig bleibt ein großer Scherbenhaufen?</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/83422223" width="640" height="350" frameborder="0" title="ecke:s&oacute;crates - Wof&uuml;r steht das?" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p>Im November und Dezember beschäftigte ich mich neben meinem Soziologie-Studium fast ausschließlich mit der Projektidee und mit Brasilien. Schon damals entschied ich: In mehr als vier Städte könnte ich nicht reisen, da ich mindestens eine Woche lang in jeder Stadt recherchieren wollte. Auch war klar, dass die Städte für brasilianische Verhältnisse nicht allzu weit voneinander entfernt liegen sollten. Nach Rücksprache mit Freunden, die schon in Brasilien gewesen waren, entschied ich mich für São Paulo, Belo Horizonte, Porto Alegre und Rio de Janeiro. Als ich dann Anfang Dezember die skurrile WM-Auslosung (ausgerichtet in einem brasilianischen Luxus-Ressort) per Livestream verfolgte, war ich zunächst enttäuscht: Die deutsche Mannschaft würde leider all ihre Vorrundenspiele im Norden Brasiliens und damit außerhalb meiner Reichweite bestreiten. Da brach dann doch wieder der Fußballfan in mir durch. Immerhin konnte ich meinen Reiseplan noch so zurechtbiegen, dass falls das Team Gruppenerster werden sollte, es mir vielleicht in Porto Alegre über den Weg laufen würde.</p>
<p>Übrigens, was mir im Nachhinein verrückt vorkommt: All das plante ich schon, als noch nicht einmal sicher war, wie und ob ich das Projekt überhaupt finanzieren könnte. Im Endeffekt war aber genau das, nämlich eine ausgereifte und konkrete Projekt-Vorstellung zu haben, für meinen späteren Finanzierungsweg ein großer Vorteil: Viel hatte ich zuletzt von journalistischen Crowdfunding-Kampagnen gehört und je mehr ich drüber nachdachte, desto attraktiver schien mir diese Lösung. Denn welcher Verlag, welche Zeitung, welches Radio bezahlt einen zwar hypermotivierten, aber doch ziemlich unerfahrenen Nachwuchsjournalisten dafür, sechs Wochen lang auf eigene Faust in Brasilien auf Recherche-Reise zu gehen?</p>
<p>Und so musste ich mich mit der Idee anfreunden, mein erstes eigenes Video zu drehen. Eine Grundvoraussetzung beim Crowdfunding und vielleicht der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Kampagne. Das Video lag mir schwer im Magen, da ich in diesem Bereich keine Vorerfahrung hatte. Aber ich musste es wohl oder übel jetzt, Mitte Dezember drehen, da mein Zeitplan eng bemessen war. Im Januar wollte ich die einmonatige Crowdfunding-Kampagne starten, da Anfang Februar schon mein Flug nach Argentinien gehen würde. Und für solch eine Kampagne ist es ratsam, zumindest im selben Land wie die potenziellen Unterstützer zu sein.</p>
<p>An einem kalten Dezembertag kurz vor Weihnachten drehte ich schließlich gemeinsam mit meiner Freundin und einem filmerprobten Kollegen in einem Hamburger Park das Video. Ohne die kompetente Hilfe der Beiden wäre das niemals möglich gewesen. Für ein letztendlich vierminütiges Video drehten wir rund acht Stunden und kurz nachdem die letzte Szene im Kasten war, machte der Akku der Kamera schlapp. Punktlandung. Wie oft ich mich an diesem Tag verhaspelt habe? Ich weiß es nicht mehr. Aber als ich an dem Abend hundemüde einschlief, hoffte ich nur, dass genug brauchbare Szenen im Kasten waren.</p>
<p>Über die Weihnachtstage und Neujahr konnte ich mich davon dann höchstpersönlich überzeugen. Das Schneiden des Videos kostete mich viel Zeit und auch einige Nerven. Ich hatte mir die Deadline 8. Januar gesetzt. An dem Tag, meinem Geburtstag, wollte ich mit dem Crowdfunding online gehen. Den Geburtstagstrubel im blauen sozialen Netzwerk Nummer Eins konnte ich mir nicht entgehen lassen, so der Plan. Doch als das Video fast fertig geschnitten war und ich mich schon auf der Zielgeraden wähnte, passierte das Unglaubliche. Durch eine unglückliche Verkettung von Malheuren gab am 3. Januar der Bildschirm meines Laptops seinen Geist auf. Und ich hatte weder die Videodatei gespeichert, noch das Schnittprogramm auf einem anderen Rechner zur Verfügung.</p>
<p>So schnell wie möglich brachte ich den Laptop in die Reparatur, musste jedoch ein ganzes Wochenende ausharren. Mir waren die Hände gebunden &#8211; und daran war ich auch noch selbst schuld. Die Deadline wackelte, aber sie fiel nicht. Zwei Tage vorher hatte ich meinen Laptop wieder, konnte das Video in einer Nacht- und Nebelaktion fertigstellen und das Projekt schließlich bei krautreporter.de, der Plattform für unabhängigen Journalismus einreichen. Dort wurde es freundlicherweise innerhalb eines Tages geprüft und freigegeben, sodass ecke:sócrates tatsächlich am Morgen meines Geburtstages online gehen konnte.</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/83482332" width="640" height="350" frameborder="0" title="ecke:s&oacute;crates - Projektvorstellung" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot-1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-563" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot-1.jpg" alt="Screenshot 1" width="455" height="371" /></a></p>
<p>Die erste Vorlesung an diesem Tag ließ ich sausen, da ich zu nicht viel mehr in der Lage war, als gebannt auf meinen Laptop starren und jede (nicht nur monetäre) Reaktion auf das Projekt in Echtzeit zu verfolgen. Die Zahl der Klicks auf den Aktualisierungsbutton an diesem Morgen deckte sich in etwa mit der Zahl meiner Atemzüge. 2200 Euro hatte ich als Finanzierungsziel ausgegeben und je mehr ich in diesen Stunden darüber nachdachte, desto wahnwitziger kam mir diese Summe vor. Wie sollte ich bloß so viel Geld zusammenbekommen?</p>
<p>So überzeugt ich von der Projektidee auch war, ich war mir in diesem Moment unsicher, dass sie auch genügend andere Menschen überzeugen würde. Was mir ebenfalls zu schaffen machte: Zuvor hatte ich nur meinen engen Freunden und meiner Familie von dem Projekt erzählt, aber jetzt hatte ich mich der Öffentlichkeit gestellt. Hielt im wahrsten Sinne des Wortes mein Gesicht dafür in die Kamera. Wenn die Kampagne Erfolg haben sollte, würde ich jetzt jeden einzelnen Tag die Werbetrommel rühren müssen. Leute ansprechen, anschreiben, anrufen. Alle meine Netzwerke auf das Projekt aufmerksam machen. 2200 Euro in 30 Tagen. Wie beim Crowdfunding üblich galt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Käme nur ein Euro weniger zusammen, wäre das Projekt gescheitert.</p>
<p>Als am Abend dieses bewegenden Geburtstages aber schon rund 160 Euro auf dem virtuellen Konto erschienen waren, waren die pessimistischen Gefühle vom Morgen wie weggeblasen. Zumal ich viele positive Rückmeldungen zur Projektidee bekam. Diese zwei Gefühle zogen sich übrigens durch die gesamte Crowdfundingphase. Immer, wenn ein neuer Unterstützer hinzukam, dachte ich: »Eigentlich müsstest du das doch locker schaffen.« Aber sobald die Seite mal mehr als einen halben Tag keine Bewegung verzeichnete, dachte ich ans Scheitern.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Krötenwanderung: Noch 600 Kröten to go&#8230; <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> Das passende Update dazu gibt&#39;s auf krautreporter.de <a href="https://t.co/UX9lCDRqqp">https://t.co/UX9lCDRqqp</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/426676717860573184">January 24, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Der Crowdfunding-Monat verlief wie im Rausch. Ich hatte meine Augen und Ohren überall, nur nicht in den Uni-Büchern. Die drei Klausuren Anfang Februar ließen sich allerdings mit keiner noch so raffinierten Kampagne verschieben. Trotzdem mussten die Bücher auf mich warten. Bis dahin waren zu viele andere Dinge zu tun. Neben dem Werben um Unterstützer, musste ich ecke:sócrates ja auch inhaltlich vorantreiben. Seit Wochen schon sog ich alle Informationen, die ich über Brasilien und die WM bekommen konnte auf, speicherte Zeitungsartikel, schrieb mögliche Informanten an, sprach mit Leuten, die schon einmal in Brasilien waren.</p>
<p>Im November schon hatte ich meinen ersten Interviewpartner gefunden: Luiz Ruffato, einen bekannten brasilianischen Schriftsteller, der bei der Frankfurter Buchmesse 2013 die Eröffnungsrede gehalten hatte und kurz zuvor eine Anthologie mit brasilianischen Fußballgeschichten herausgegeben hatte. Ihn traf ich bei einer Lesung in Leipzig und sprach mit ihm über das Verhältnis von Literatur und Fußball, die Eigenheiten der brasilianischen Gesellschaft und über seine Sichtweise der WM. Das <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=159">Interview</a></strong> mit ihm war die erste Veröffentlichung bei ecke:sócrates und sollte möglichen Unterstützern einen Vorgeschmack liefern.</p>
<p>Außerdem traf ich im Januar auf einem Vortrag in Dresden den ehemaligen SPD-Politiker Johannes Gerlach, der seit mehreren Jahren in Brasilien lebt und die politischen Verhältnisse vor Ort genau kennt. Auch mit ihm führte ich ein längeres <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=182">Interview</a></strong> über die politisch und sozial instabile Situation Brasiliens vor der WM und der Präsidentschaftswahl 2014.</p>
<p>Zuletzt wurde ich durch einen Zufall auf Dr. Bernd Bauchspieß aufmerksam, einen 74-Jährigen Orthopäden und ehemaligen Leipziger Fußballstar. Er hatte 1964 im bei einer Reise mit der DDR-Olympiaauswahl im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro vor 140.000 Zuschauern ein Tor erzielt. Zweimal traf ich ihn in seinem Keller voller Erinnerungen zum <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=272">Interview</a></strong>. Er hatte nicht nur äußerst spannende und pointierte Geschichten aus Brasilien, sondern auch viele brisante Anekdoten aus der Zeit des DDR-Fußballs zu erzählen. Einen ersten Kooperationspartner hatte ich mit dem Radiosender <a href="http://detektor.fm/kultur/crowdfunding-eckesocrates-soll-ein-hintergrund-journal-zur-fussball-wm-werd"><strong>detektor.fm</strong></a> aus Leipzig nach mehreren guten Gesprächen auch schon an Bord. Wenn alles klappen sollte, würde ich im Sommer im Zuge des Projekts auch für detektor.fm aus Brasilien berichten.</p>
<p>Und diese Vision wurde immer konkreter, denn unterdessen lief das Crowdfunding wie am Schnürchen. Die berühmt-berüchtigte Talsohle gegen Mitte des Projekts blieb ecke:sócrates glücklicherweise erspart und so wurde ich von Tag zu Tag zuversichtlicher, dass es tatsächlich gelingen würde. Am 30. Januar war es schließlich so weit. Die 2200-Euro Marke war dank über 80 Unterstützern rund eine Woche vor Ablauf der Frist geknackt. Und ich überglücklich. Ich würde im Sommer tatsächlich als Reporter nach Brasilien reisen.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Da ist das Ding!!! <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a>: <a href="https://twitter.com/hashtag/eckesocrates?src=hash">#eckesocrates</a> ist am Start!!! Großer Dank an alle Unterstützer! <a href="https://twitter.com/krautreporter">@krautreporter</a> <a href="https://twitter.com/detektorfm">@detektorfm</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/428835905625804801">January 30, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Bis hierhin hatte sich die Arbeit also gelohnt und ich hatte immer noch ein wenig Zeit mich auf die Klausuren und meine Reise nach Argentinien vorzubereiten.</p>
<p>Einziger Wehrmutstropfen: Genau einen Tag nach Ablauf meines Projekts, erschien bei krautreporter.de ein weiteres Projekt eines freien Journalisten, der ebenfalls während der WM nach Brasilien reisen wollte. Als ich es anklickte, traute ich meinen Augen nicht: Der Mann kam nicht nur aus Leipzig, sondern ich hatte ihn zufälligerweise zwei Wochen zuvor kennengelernt und mich sogar einmal länger mit ihm unterhalten. Natürlich hauptsächlich über das Brasilien-Projekt, an dem er als Sportjournalist Interesse zeigte. Dass er jetzt direkt nach meinem Crowdfunding auf der derselben Plattform ein Projekt mit sehr ähnlichem Ansatz startete, ließ bei mir nur zwei Schlussfolgerungen zu:</p>
<p>Entweder er hat die Grundidee von mir übernommen oder er plante sein Projekt ebenfalls schon seit längerem und zog es vor, das in unserem ausgiebigen Gespräch über Brasilien nicht zu erwähnen. Beides finde ich persönlich sehr bitter. Was noch hinzukommt und eher für die erstere Erklärung spricht war, dass er einige Formulierungen und Crowdfunding-Prämien eins zu eins aus meiner Projektbeschreibung übernommen zu haben schien.</p>
<p>Ich bin noch nicht lange in der Journalismus-Branche tätig, daher wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, wie ich das einordnen sollte. Sind solche Aktionen gang und gäbe? Sollte man sich nicht so anstellen? Schließlich geht es hier nicht um ein ausgeklügeltes Patent für eine millionenschwere Erfindung, sondern „nur“ um eine Projektidee, die jeder Journalist hätte haben können. Trotzdem: Unter kollegialer Zusammenarbeit stelle ich mir etwas gänzlich anderes vor. Hätte er sein Vorhaben offen kommuniziert, hätte ich zum Beispiel nichts dagegen gehabt an mancher Stelle zu kooperieren oder sich gegenseitig zu ergänzen. Zumal wir auch noch für denselben Radiosender arbeiten.</p>
<p>Einen faden Beigeschmack hatte ich leider auch beim zweiten in dieser Sache involvierten Akteur: <a href="https://krautreporter.de/das-magazin">Krautreporter.de</a>. Ich war bisher mit der Unterstützung dieser Crowdfunding-Plattform hochzufrieden gewesen und unterstütze das auch heute noch das neue Projekt der Krautreporter, da ich von der Kernidee überzeugt bin. Aber es zeugt meiner Meinung nach leider von wenig Fingerspitzengefühl, zwei so ähnliche journalistische Projekte direkt nebeneinander und kurz nacheinander auf seiner Plattform zu veröffentlichen, ohne das zumindest zu kommentieren.</p>
<p>Wie dem auch sei, ich hatte zu dem Zeitpunkt weder die Lust, noch die Zeit mich dieser Angelegenheit weiter zu widmen. Letztlich beschloss ich, derartige Vorfälle auszublenden und mich voll und ganz auf den Erfolg des Projekts ecke:sócrates zu konzentrieren. Darüber hinaus hatte ich noch drei Klausuren innerhalb von fünf Tagen zu schreiben und zwei Tage nach der letzten Klausur ging mein Flieger nach Argentinien.</p>
<p>Auf nach Südamerika! Ein Kontinent, der für mich bis jetzt nicht mehr als eine unbeschriebene Seite in meinem Tagebuch war. Bereits den ersten Zwischenstopp auf dem Weg nach Mendoza, Argentinien verbuchte ich als gutes Omen: São Paulo.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Die ecke schonmal auf Zwischenstation in São Paulo. Im Juni gehts weiter! <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/richtigbock?src=hash">#richtigbock</a> <a href="http://t.co/UNgY8PMrnn">pic.twitter.com/UNgY8PMrnn</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/434607422737362945">February 15, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Brasilianisch ging es auch im Flugzeug zu: Ich saß inmitten einer Gruppe von 17-jährigen Schülern aus Porto Alegre, die von einem Deutschland-Austausch zurückkehrten. Mit meinem Sitznachbarn, Angelo, verstand ich mich ausgezeichnet. Ich erzählte ihm von ecke:sócrates und er brachte mir die ersten Brocken Portugiesisch bei. Am Ende lud er mich sogar während der WM zu seiner Familie nach Porto Alegre ein. Ein gelungener Start.</p>
<p>Die nächsten viereinhalb Monate verbrachte ich in Mendoza, einer idyllischen argentinischen Stadt, gelegen am Fuße der Anden und überregional bekannt als Weinhauptstadt. Dort führte ich eine Art »Doppelleben«: Einerseits studierte ich an der Uni, verbesserte mein Spanisch und genoss die Freuden des Auslandssemesters. Andererseits bereitete ich mich nebenbei intensiv auf die Zeit in Brasilien vor. Es gab viel zu tun: Ich musste die Flüge buchen, Unterkünfte organisieren, Kontakte knüpfen (so führte ich zum Beispiel ein ausführliches und sehr hilfreiches Gespräch mit <strong><a href="https://twitter.com/steffifetz">Steffi Fetz</a> </strong>und <a href="https://twitter.com/weltanschauer"><strong>Lisa Altmeier</strong></a> von <a href="https://twitter.com/crowdspondent"><strong>Crowdspondent</strong></a>, die ein Jahr zuvor ebenfalls als Reporterinnen durch Brasilien gereist waren), die in Deutschland geführten Interviews verarbeiten, Portugiesisch lernen, Themen vorrecherchieren, Flyer und Visitenkarten entwerfen, Facebook und Twitter auf Vordermann bringen…</p>
<p>Zumindest dachte ich, dass ich das alles musste. In der Zeit in Mendoza merkte ich zum ersten Mal, wie eng ich persönlich schon mit dem Projekt ecke:sócrates verbunden war. Das ging so weit, dass ich manchmal samstagsabends, während die anderen Studenten ausgelassen feierten, früher nach Hause ging. Eigentlich nicht meine Art. Aber ich hatte mir vorgenommen, den Sonntag am Projekt weiterzuarbeiten. Im Nachhinein denke ich, dass mir während der Zeit in Mendoza ein bisschen weniger Verbissenheit gutgetan hätte. Ich wollte alles akribisch durchplanen, nichts dem Zufall überlassen. Zu dem Zeitpunkt kannte ich jedoch Brasilien noch nicht und wusste auch nicht, dass gerade die Zufälle und Unwägbarkeiten den Reiz dieses Landes ausmachen. Das Projekt hätte auch mit etwas weniger Vorbereitungszeit funktioniert. Mit einer Ausnahme: Die Entscheidung in Mendoza einen Portugiesisch-Kurs zu besuchen, war mit Abstand die Beste und Wichtigste. Sich in Brasilien allein mit Spanisch und Englisch durchzuschlagen, ist zwar irgendwie möglich, aber vor allem als Journalist keine gute Idee. Ich hörte zuvor, dass in keinem anderen Land der Welt die Menschen so dankbar sind, wenn man als Ausländer ihre Sprache spricht und kann das nur bestätigen.</p>
<p>Auch inhaltlich gab es Fortschritte. Ich lernte in Mendoza viele brasilianische Austauschstudenten und mit einigen von ihnen war ich gut befreundet. Auf einer Wanderung in den Anden erzählte mir mein Freund André aus Maringa in der Provinz São Paulo, dass er als Kind tatsächlich einmal den Namenspaten meines Projekts, Sócrates, getroffen habe. Also führte ich ein <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=194"><strong>Interview</strong></a> mit ihm über diese Begegnung und darüber, wie Sócrates, der Revoluzzer, diese umstrittene WM in seinem Heimatland interpretiert hätte.</p>
<p>Außerdem interessierte mich die Perspektive der brasilianischen Austauschstudenten, die ja durch dieses Semester in Argentinien die Fußball-WM im eigenen Land verpassen würden. Eine Vorstellung, die für mich 2006 einem Albtraum geglichen hätte. Ich bekam in ihrer Deutlichkeit überraschende <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=232">Antworten</a>. </strong></p>
<p>Eine brasilianische Freundin brachte mich bei der Gelegenheit auf eine weitere Idee: Sie fand es schade, dass die Texte bei ecke:sócrates nur auf Deutsch erscheinen würden. Sicher würden auch Brasilianer sich dafür interessieren. Also bot sie mir an, einige Texte zu übersetzen. Ich gründete daraufhin die Rubrik <a href="http://www.eckesocrates.de/?cat=14"><strong>internationale:ecke</strong></a>. Dort sind im Verlauf des Projekts dank der Übersetzungshilfe weiterer Freunde insgesamt fünf Texte auf Portugiesisch und Englisch erschienen.</p>
<p>Der WM-Start im Juni rückte mit großen Schritten näher und die Negativ-Meldungen aus Brasilien häuften sich: Tote beim Stadienbau, Angst vor hoher Kriminalität, Umsiedlungen in den Favelas, Verkehrschaos, unfertige Stadien, Polizeistreiks, Plünderungen und Gewalt gegen friedliche Protestanten. Es glich dem Sammelsurium von blauen Briefen, die früher zur Halbzeit des Schuljahres auf dem Lehrerpult lagen: Brasilien schien seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Ich las alles aus allen Quellen, die mir zugänglich waren und unterhielt mich mit vielen Brasilianern in Mendoza.</p>
<p>Doch trotz dieser Informationsflut kam ich mir unwissend vor. Irgendwann Ende Mai war ich des ewigen Analysierens des Unbekannten überdrüssig. Ich wollte nur noch nach Brasilien, mir selbst ein Bild machen. Und ich hatte trotz aller Bedenken auch große Lust auf den fußballerischen Teil der WM. Gemeinsam mit einem Kollegen schrieb ich daher für das Online-Magazin <a href="http://juiced.de/"><strong>JUICED</strong></a> einen Artikel, in dem wir die deutsche Weltmeister-Mannschaft 1990 mit dem aktuellen Kader 2014 verglichen und <a href="http://juiced.de/20459/poldi-ist-der-neue-litti/"><strong>verblüffende Gemeinsamkeiten fanden</strong></a>. Die Prognose lautete daher nicht von ungefähr: Deutschland wird Weltmeister. Naja, prognostizieren kann man viel. Wirklich daran geglaubt habe ich trotz der überzeugenden Faktenlage dieses Artikels nicht, muss ich zugeben.</p>
<p>Dann, am 5. Juni war es endlich soweit: Ich brach auf nach Brasilien. São Paulo war der erste Ort meiner Reise. Als ich gegen drei Uhr nachts dort am Flughafen ankam, war mein Gepäck leider noch nicht vor Ort. Dafür aber ein ehemaliger Arbeitskollege, der mich netterweise abholte. Und ein Panzer.</p>
<div id="attachment_569" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140606_003.jpg"><img class="size-large wp-image-569" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140606_003-1024x578.jpg" alt="Nette Begrüßung (Bild: T. Zwior" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Nette Begrüßung (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Es war ein holpriger Start in Brasilien, zumal ich mir anscheinend am letzten Abend in Mendoza noch eine ordentliche Erkältung eingefangen hatte, ganze vier Tage brauchte, um eine funktionierende Handykarte zu kaufen und zwangsweise die ersten sechs Tage in den gleichen Klamotten herumlaufen musste. Einen Tag vor Beginn der WM, nach unzähligen Telefonaten mit dem Flughafenpersonal, traf er dann ein, mein Rucksack.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Hupkonzert in <a href="https://twitter.com/hashtag/Saopaulo?src=hash">#Saopaulo</a> und nach 6 Tagen ist endlich das Gepäck da. Jetzt gehts los <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasil?src=hash">#Brasil</a> <a href="http://t.co/uIbNkMHyxE">pic.twitter.com/uIbNkMHyxE</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/477121380014899200">June 12, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Knapp zwei Wochen verbrachte ich in São Paulo. Untergekommen war ich in der Wohnung eines ehemaligen Arbeitskollegen. Zu Anfang hatte ich das Glück, meinen Leipziger Kollegen <a href="https://twitter.com/johnhennig20"><strong>John Hennig </strong></a>wiederzutreffen. Mit ihm ging ich die ersten Recherchen gemeinsam an. So trafen wir zum Beispiel den brasilianischen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=469"><strong>Straßenfußball-Fotografen und »Fixer« Caio Vilela zum Interview</strong></a>. Vilela nahm uns am nächsten Tag mit zu einem brasilianischen Jungen, Vinicius, der in der Nähe des WM-Stadions von São Paulo gewohnt hatte und dessen Familie im Zuge der WM umgesiedelt wurde. Auch Andrew Aris, der Gründer des Sozialprojekts <a href="http://spirit-of-football.de/"><strong>Spirit of Football</strong></a> war mit von der Partie. Wir spielten gemeinsam mit ihm, Vinicius und ein paar Freunden Fußball. Und bekamen einen ersten Einblick ins brasilianische Familienleben, da Vinicius‘ Mutter uns zum Kaffee einlud.</p>
<div id="attachment_570" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140608_018.jpg"><img class="size-large wp-image-570" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140608_018-1024x578.jpg" alt="Teamfoto (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Teamfoto (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Anschließend sahen John und ich uns noch im Hotel der FIFA um, das nur fünf Minuten von unserem Wohnort gelegen war. Die widersprüchlichen Erlebnisse dieses Tages habe ich in der ersten <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=289"><strong>Reportage</strong></a> verarbeitet. Außerdem waren John und ich am nächsten Tag im Radio, bei <a href="http://detektor.fm/"><strong>detektor.fm</strong></a> in der neuen Sendung »Doppelstunde Sport«, <strong><a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/1-korrespondenten-gesprach-aus-sao-paulo-detektorfm">zu hören</a>. </strong>Dort berichten wir ausführlich über unsere ersten Tage in der Mega-Metropole São Paulo und die letzten Tage vor WM-Start.</p>
<p>Am Donnerstag, den 12. Juni, rollte schließlich in der Corinthians Arena der erste Ball der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Brasilien gegen Kroatien. Und ich war live dabei. Zumindest vor dem Stadion.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Itaquera. <a href="https://twitter.com/hashtag/wm2014?src=hash">#wm2014</a> <a href="http://t.co/WvKBF2yNQG">pic.twitter.com/WvKBF2yNQG</a></p>
<p>&mdash; Tobias Zwior (@tzwior) <a href="https://twitter.com/tzwior/status/477178831493951488">June 12, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Gemeinsam mit zwei guten Freunden, die während der WM für die NGO <strong><a href="http://www.footballbeyondborders.org/">Football Beyond Borders</a></strong> arbeiteten und unter anderem in Salvador einen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=346"><strong>Favela World Cup</strong></a> organisierten, saugte ich die Stimmung rund um die Arena auf. Das Spiel selbst verfolgten wir aber im erstbesten Fast-Food-Restaurant, das wir in der Nähe des Stadions fanden. Wir verpassten zwar die Nationalhymnen, nicht aber das erste Tor. Das Eigentor von Marcelo legte sich wie ein Schatten über die Gemüter der in unserer »Kaschemme« anwesenden Brasilianer. Am Ende hatte Brasilien jedoch dank einer zweifelhaften Aktion von Fred und Neymar zur Erleichterung aller das Spiel gedreht. 3:1. Wir machten uns auf ins Nachtleben von Sao Paulo, wo ich noch das ein oder andere inoffizielle Interview führen konnte. Über die Ereignisse dieses Tages schrieb ich eine zweite <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=312"><strong>Reportage</strong></a> und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/2-korrespondenten-gesprach-aus-sao-paulo-detektorfm"><strong>berichtete auch für detektor.fm</strong></a>.</p>
<p>Insgesamt war die Zeit in São Paulo geprägt von der Einstellung auf eine komplett neue Situation: Ich war jetzt offiziell 24 Stunden am Tag für ecke:sócrates im Einsatz. Doch wie sollte ich mir die Zeit am besten einteilen? Ich wollte am liebsten den ganzen Tag in der Stadt unterwegs sein, auf der Suche nach Geschichten und neuen Erfahrungen. Aber wann sollte ich diese dann niederschreiben? Ich konnte doch nicht drinnen am Schreibtisch sitzen, während draußen die WM und die Stadt São Paulo pulsierten. Ein Dilemma, das sicher viele Auslandskorrespondenten bei Großereignissen kennen. Mir war es neu. Letztendlich gelang es mir, einige Nächte und sogar einen ganzen Tag zum Schreiben freizuräumen. Denn ich merkte, dass ich das nicht einfach zwischen Tür und Angel erledigen konnte. Was ich auch merkte war, dass ich viel zu viele Themenideen hatte, die ich rein zeitlich leider gar nicht alle verwirklichen konnte.</p>
<p>Ebenfalls neu für mich waren die Anfragen anderer Medien. So erhielt ich in den ersten Tagen zwei finanziell reizvolle Angebote: Für das eine sollte ich im Rahmen einer PR-Kampagne täglich bunte Meldungen aus Brasilien bei Facebook veröffentlichen. Das andere Angebot kam von einer Lokalzeitung, die jeden Tag einen Text mit Foto über das Drumherum der WM haben wollte. Beide lehnte ich nach reiflicher Überlegung ab, da sie das Projekt ecke:sócrates hätten verwässern können. Meine Grundfinanzierung war ja durch das Crowdfunding gesichert und ich hätte mich durch Annahme dieser Nebenverdienste erheblich in meiner Freiheit eingeschränkt. Auch im Nachhinein erachte ich diese Entscheidung noch als richtig.</p>
<p>In São Paulo entstanden noch zwei weitere Texte. Zum einen ein längeres <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=331"><strong>Interview</strong></a> mit dem bekannten Politikwissenschaftler, Blogger und Journalisten <strong><a href="https://twitter.com/blogdosakamoto">Leonardo Sakamoto</a></strong>, für das ich zuvor einige Hebel in Bewegung gesetzt hatte. Sakamoto hatte den Thinktank <strong><a href="http://reporterbrasil.org.br/">Reporter Brasil</a></strong> mitgegründet, der sich vor allem mit Menschenrechts- und Umweltfragen auseinandersetzt und das Großereignis WM wissenschaftlich fundiert analysiert hat.</p>
<p>Übrigens: Erst hatte Sakamoto mir signalisiert, er habe nur wenig Zeit. Dann wurde das Interview aber doch so lang, dass ich beinahe den Anpfiff des ersten Deutschland-Spiels gegen Portugal verpasst hätte. Das 4:0 war ein Einstand nach Maß. Thomas Müller, dieser Fuchs, hatte mal wieder alles richtig gemacht…</p>
<p>Zum anderen traf ich in der Nähe meiner Wohnung den Straßenhändler Lourival, der sehr krank ist und die WM verflucht. Trotzdem verkaufte er tagein tagaus seine brasilianischen Fanartikel. Das Gespräch mit ihm hat mich sehr bewegt, weshalb ich ihn <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=324"><strong>porträtiert habe</strong></a>.</p>
<p>Nach einem weiteren <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/3-korrespondentengesprach-aus-sao-paulo-mephisto-976"><strong>Korrespondenten-Gespräch</strong></a>, diesmal mit Radio <a href="http://mephisto976.de/"><strong>mephisto 97.6</strong></a>, ging es am Tag des zweiten Vorrundenspiels Brasiliens gegen Mexiko (0:0) weiter zu meiner zweiten Station: Belo Horizonte. Die Hauptstadt des Bundestaates Minas Gerais war mit insgesamt sechs WM-Spielen einer der gefragtesten Spielorte, galt aber auch als Protest-Hochburg.</p>
<p>Eine argentinische Freundin aus Mendoza hatte mir zuvor den Kontakt zu João hergestellt. João studiert in Belo Horizonte und wohnt in einer 8er WG in der Nähe des WM-Stadions. Bei ihm konnte ich eine Woche lang übernachten, was sich als Glücksgriff entpuppte. João und seine Freunde waren sehr engagiert in der Anti-WM-Bewegung, auf deren Spuren ich mich sowieso begeben wollte. So entstand eine weitere <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=366">Reportage</a>, </strong>über die erfolglosen Bemühungen der Studenten, die Proteste aus der Vorjahr wieder von Neuem zu entfachen.</p>
<p>Das Leben in der 8er-WG genoss ich sehr. Fast jeden Abend aßen und tranken wir gemeinsam und es wurde viel gesungen und musiziert. So konnte ich eine weitere Idee verwirklichen, auf die mich ein Freund gebracht hatte: Als neues Element von eckes:sócrates erstellte ich die Youtube-Playlist »Musica da Copa«. Die Idee dahinter: Jeder Brasilianer, den ich auf meiner Reise treffe würde, könnte mir sein Lieblingslied nennen und ich würde es mit in die Playlist aufnehmen. So entstand in den nächsten Wochen ein individueller <a href="http://www.eckesocrates.de/?page_id=461"><strong>ecke:sócrates-WM-2014-Soundtrack</strong></a>.</p>
<p>Außerdem stieß ich in Belo Horizonte auf zwei weitere spannende Geschichten: Ich schrieb über ein Restaurant in Stadionnähe, das wegen einer willkürlich abgesperrten Straße während des Spiels Argentinien gegen den Iran, <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=390"><strong>den Umsatz des Jahres verpasst hatte</strong></a>. Und über den Zwiespalt eines jungen Mannes, der für das Gehalt seines Lebens während der WM als VIP-Betreuer im Stadion arbeitete, <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=405"><strong>diese Scheinwelt aber gleichzeitig aufs Tiefste verabscheute</strong></a>.</p>
<p>In Belo Horizonte ging ich oft spät zu Bett und stand sehr früh wieder auf, um an verschiedenen Tagen Radio-Interviews zu führen. Während meine Mitbewohner in ihrem Zimmern noch tief und fest schlummerten, sprach ich im Wohnzimmer mit den Redaktionen von <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/5-korrespondentengespr-ch-belo"><strong>detektor.fm</strong></a>, <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/6-korrespondentengesprach-belo-horizonte-mephisto-976"><strong>mephisto 97.6</strong></a> und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/4-korrespondentengespr-ch-belo"><strong>MDR Sputnik </strong></a>über meine jüngsten Erlebnisse in Brasilien.</p>
<p>Die Zeit in Belo Horizonte zeigte mir insgesamt einige Schattenseiten der WM auf, die sich auch in den Texten widerspiegeln. Bei den Studenten herrschte doch, sobald das Thema WM auf den Tisch kam, eine entweder gedrückte oder oftmals wütende Stimmung. Für die Spiele interessierte sich dort erst recht keiner, sodass ich mich anpasste und fast jedes Spiel sausen ließ. Einen Fernseher gab es in der WG ohnehin nicht. Ein <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=484">konflikttheoretischer Essay </a></strong>von João, den ich ebenfalls bei ecke:sócrates veröffentlichte, gibt einen weiteren Einblick in die verzwickte Situation in Belo Horizonte.</p>
<p>Das zweite Deutschland-Spiel gegen Ghana konnte ich mir trotz allem nicht entgehen lassen und suchte mir alleine eine Bar. Dort lernte ich drei Deutsch-Brasilianer kennen. Wir verstanden uns blendend, die drei kamen schließlich in deutscher Fanmontur.</p>
<div id="attachment_571" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140621_098.jpg"><img class="size-large wp-image-571" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140621_098-1024x578.jpg" alt="Mit den drei Deutsch-Brasilianern (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Mit den drei Deutsch-Brasilianern (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Stimmung kippte erst, als ein gewisser Miroslav Klose seinen »Kadaver« (Eigenzitat M. Klose) doch noch einmal animieren konnte, einen Kullerball zum 2:2 ins ghanaische Tor zu lenken. Es war sein insgesamt fünfzehntes WM-Tor. Damit hatte er den Rekord des brasilianischen »Phänomens«Ronaldo eingestellt. Fortan wetterten meine deutsch-brasilianischen Freunde lautstark gegen Klose und gegen die deutsche Mannschaft und feierten jeden Ballkontakt der Ghanaer. Ihre Trikots und Hüte jedoch behielten sie an. 2:2 der Endstand.</p>
<p>Schweren Herzens verließ ich nach einer Woche Belo Horizonte und meine neu gewonnenen Freunde. Die nächste Stadt auf dem Reiseplan hieß Porto Alegre.</p>
<div id="attachment_572" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140624_001.jpg"><img class="size-large wp-image-572" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140624_001-1024x578.jpg" alt="Weiter geht die Reise: Wandkunst aus der WG in Belo Horizonte (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Weiter geht die Reise: Wandkunst aus der WG in Belo Horizonte (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Diese Stadt war der südlichste WM-Spielort und das merkte ich auch klimatisch sofort. Hier herrschte im Gegensatz zu São Paulo und Belo Horizonte nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch der Winter. Vom Flughafen holte mich ein alter Bekannter ab: Angelo, der Schüler, der auf meinem ersten Flug von Frankfurt nach São Paulo im Februar neben mir gesessen hatte.</p>
<p>Er und seine Familie hatten mich zu sich eingeladen und ich fühlte mich nach der Junggesellenbude in São Paulo und der Studenten-WG in Belo Horizonte, als sei ich einen weiteren Schritt rückwärtsgegangen, in der Entwicklung des flügge werdenden Menschen. Das Familienleben tat mir sehr gut. Nach rund einer Woche teilten mir Angelos Eltern und sein kleiner Bruder Bruno mit, ich wäre jetzt ein offizielles Familienmitglied und könne doch länger bleiben. Es war eine der schönsten Erfahrungen der gesamten Brasilien-Reise.</p>
<p>Doch ich habe in Porto Alegre nicht nur das Familienleben genossen, sondern auch an neuen Inhalten für ecke:sócrates gefeilt. Einen Tag lang konnte ich Angelo in seine Schule begleiten und sogar nach Absprache mit der Lehrerin eine komplette Deutschstunde mit den Jugendlichen gestalten. Es entstand eine sehr interessante <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=449"><strong>Gruppendiskussion</strong></a> über die Pros und Kontras der WM in Brasilien.</p>
<p>Einen Tag zuvor war Deutschland durch ein 1:0 gegen die USA als Gruppensieger ins Achtelfinale eingezogen, was bedeutete, dass die Mannschaft am Montag nach Porto Alegre kommen würde. Das war neben der Diskussion im Deutschunterricht natürlich das Gesprächsthema Nummer Eins. Auch im <strong><a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/7-korrespondentengesprach-aus-porto-alegre-mephisto-976">Korrespondenten-Gespräch</a></strong> mit mephisto 97.6.</p>
<p>Dass ich dann aber tatsächlich am Montag im Stadion sein sollte, hätte ich mir an diesem Tag nicht träumen lassen. Nach all dem, was ich in den letzten Wochen über die WM, die FIFA und den Ticketschwarzmarkt erfahren hatte, hatte ich einen Stadionbesuch für mich ausgeschlossen. Warum und wie es doch dazu kam, habe ich in einem, zugegeben, sehr emotionalen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=422"><strong>Bericht</strong></a> festgehalten.</p>
<p>Im Stadion, während des enorm schwierigen Spiels gegen Algerien, das Deutschland letztlich in der Verlängerung 2:1 gewinnen konnte, wurde ich auf eine weitere Problematik aufmerksam: Die deutschen Fans standen mit der FIFA auf Kriegsfuß. Die Hintergründe dazu erfuhr ich später im <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=439"><strong>Interview </strong></a>mit dem Fanbetreuer Tom Roeder, das zum meistgeklickten Artikel bei ecke:sócrates avancierte.</p>
<p>Zum ersten Mal machte ich in Porto Alegre auch Bekanntschaft mit einer Institution, die unter dem Namen »FIFA Fan Fest« bekannt wurde. Ein einziges Schaulaufen der Werbepartner garniert mit einer Leinwand, auf der tatsächlich bisweilen Fußball zu sehen ist. Mit Angelo und seinem Bruder Bruno verfolgte ich dort bei strömendem Regen das erste Achtelfinale Brasilien gegen Chile. Das Spiel war für die anwesenden Brasilianer die reinste Qual und auch für mich ein Nervenkitzel. Immer wieder fragte ich mich während des Spiels, was wohl passieren würde, wenn Brasilien tatsächlich jetzt schon ausscheiden würde. Ein Knall riss mich aus den Gedanken: Der Chilene Pinilla hatte in der letzten Minute der Verlängerung <strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=h4OID4AApx0">die Latte getroffen</a></strong>. Unbegreiflich. Doch dann gewinnt Brasilien im Elfmeterschießen. Der Gastgeber bleibt im Turnier. Und die vorher noch so dunklen Regenwolken über Porto Alegre verziehen sich. Vorerst.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Weltuntergangsstimmung in <a href="https://twitter.com/hashtag/PortoAlegre?src=hash">#PortoAlegre</a>. Gerade noch abgewendet. <a href="https://twitter.com/hashtag/BRACHI?src=hash">#BRACHI</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="http://t.co/Ceh6jd8zCK">pic.twitter.com/Ceh6jd8zCK</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/483030359727435776">June 28, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Zwei Tage nach dem deutschen Viertelfinaleinzug gegen Algerien ging es für mich weiter nach Rio de Janeiro, meiner finalen Station. São Paulo, Belo Horizonte und Porto Alegre hatten mir sehr gut gefallen, aber oft bemerkte ich bei den Brasilianern dort eine Art Minderwertigkeitskomplex. In jeder der drei Städte führte ich Gespräche ungefähr dieser Art: »Wie findest du unsere Stadt?« – »Gefällt mir gut hier.« – »Ja, dann warte erstmal ab, bis du nach Rio kommst. Danach hast du uns und unsere Stadt ganz schnell vergessen.«</p>
<p>Soweit würde ich im Nachhinein nicht gehen, aber Rio ist tatsächlich ein besonderer Ort. Als ich abends mit dem Bus zum ersten Mal die Strecke vom Flughafen aus über Botafogo, Flamengo, Copacabana, Ipanema bis nach Leblon fahre, fühlt es sich surreal an. Von diesen Orten hatte ich so viel gelesen, viele Bilder gesehen. Jetzt war ich auch in der Realität dort angekommen. Wieder hatte ich Glück bei der Unterkunft: Ein sehr guter Freund, der vor ein paar Jahren durch Brasilien gereist war, vermittelte mir den Kontakt zu einer Familie im Stadtteil Leblon. Leblon ist eine der wohlhabendsten Gegenden Rios und die Familie wohnte auch noch ganze drei Minuten vom Strand entfernt. Auch bei ihnen fühlte ich mich sehr wohl. Ich hatte also die perfekten Lebens- und Arbeitsbedingungen.</p>
<div id="attachment_573" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140705_005.jpg"><img class="size-large wp-image-573" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140705_005-1024x578.jpg" alt="Blick auf die Strände von Ipanema und Leblon (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf die Strände von Ipanema und Leblon (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>In den ersten Tagen erkundete ich die Stadt, schrieb übrig gebliebene Texte aus Porto Alegre nieder, recherchierte, traf einige alte Bekannte wieder und sah am Freitag, den 4. Juli, kurz nach einem ausführlichen <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/8-korrespondentengesprach-aus-rio-de-janeiro-detektorfm"><strong>Korrespondenten-Gespräch</strong></a> mit detektor.fm, zum ersten Mal das Maracanã-Stadion. Deutschland spielte an diesem Tag hier gegen Frankreich und ich wollte mir die Stimmung vor Ort nicht entgehen lassen. Näher als einen Kilometer kam ich jedoch aufgrund der Absperrungen nicht an das Stadion heran.</p>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-574" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot2.jpg" alt="Screenshot2" width="867" height="492" /></a></p>
<p>Trotzdem unterhielt ich mich an der Absperrung mit vielen Menschen und lernte vier Mexikaner kennen, die ebenfalls kein Ticket hatten. Mit ihnen beschloss ich zum Fanfest an der Copacabana zu fahren &#8211; so kurz vor dem Spiel ein Himmelfahrtskommando. Erst zwanzig Minuten nach Spielbeginn kamen wir an und hatten das einzige Tor des Tages durch Hummels schon verpasst. Es wurde ein langer Tag. Da wir nach Deutschlands knappen aber verdienten Halbfinaleinzug auch noch das Spiel Brasilien gegen Kolumbien dort verfolgten, hatten wir am Ende sechs Stunden in der Gluthitze des Fanfests verbracht.</p>
<p>In Erinnerung bleiben mir von diesem Tag sicherlich tausende Brasilianer, die vor der untergehenden Sonne Rios inbrünstig die Nationalhymne sangen und die spätere Schockstarre nach Neymars Verletzung. Wie schwerwiegend diese war, erzählte mir auf dem Rückweg erst ein aufgewühlter Taxifahrer. Für mich war der Abend allerdings noch nicht vorbei: In einer Bar lernte ich den weltreisenden Video-Blogger <a href="https://twitter.com/flovoss"><strong>Florian Voß</strong></a> kennen. Er kommt, wie ich, aus dem Münsterland und porträtiert in seinem Format »Münster Global« für die Westfälischen Nachrichten Münsteraner im Ausland. Eine <a href="https://www.youtube.com/watch?list=UUwxXeI17qVD0Ng4N-H7Do1w&amp;v=Q8kPRLK4tYs"><strong>Episode</strong></a>, gedreht einige Wochen später in Buenos Aires, handelt auch von mir und ecke:sócrates.</p>
<p>Fest stand nach diesem Tag auch, dass sich im Halbfinale Deutschland und Brasilien gegenüberstehen würden. Die beiden Länder, denen ich den Titel am meisten gönnte. Um mich auf dieses Spiel einzustimmen, waren mir die zwei Ruhetage ohne Fußball sehr willkommen. Der Sonntag, war tatsächlich der einzige Tag, an dem ich das Projekt Projekt sein ließ und mit meiner Gastfamilie surfen fuhr. Erst dort am Strand bemerkte ich, wie bitter nötig auch ich eine Pause hatte.</p>
<p>Den ganzen Montag verbrachte ich damit, Postkarten an die Crowdfunding-Unterstützer zu schreiben. Dreißig an der Zahl. Ich hatte gedacht, dass ich das in wenigen Stunden erledigen könnte, aber auch hier sah die Realität anders aus.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Es haben sich 30 Postkarten aus <a href="https://twitter.com/hashtag/Rio?src=hash">#Rio</a> auf d. Weg nach Deutschland gemacht. Danke an alle Crowdfunder &amp; <a href="https://twitter.com/krautreporter">@krautreporter</a> <a href="http://t.co/PN7M8sQrAa">pic.twitter.com/PN7M8sQrAa</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/486538761204142081">July 8, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Das Halbfinale rückte unweigerlich näher. Mir war klar, dass es unabhängig vom Ergebnis ein einschneidendes Ereignis sein würde. Entweder Deutschlands goldene Generation um Lahm, Schweinsteiger und Mertesacker würde ohne Titel abtreten oder der Gastgeber Brasilien würde in ein Trauertal stürzen – mit unvorhersehbaren Konsequenzen für Land und Leute.</p>
<p>An den Ausgang der Geschichte wird sich ein Großteil der Menschen auf dieser Welt erinnern können. Ich selbst erlebte diese Sternstunde des deutschen und gleichzeitig Tragödie des brasilianischen Fußballs im strömenden Regen am Strand von Rio – mit hunderten Brasilianern um mich herum. Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben. Sieben zu Eins. Meine Erlebnisse an diesem Tag verarbeitete ich in einer weiteren <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=496"><strong>Reportage</strong></a>.</p>
<p>In den nächsten Tagen war die Stadt kaum wieder zu erkennen. Alle gingen ruhig ihren Angelegenheiten nach. Nur die teilweise tiefschwarzen Titelblätter an den Zeitungskiosken ließen noch erahnen, was sich gestern Abend zugetragen hatte.</p>
<p>Das zweite Halbfinale zwischen den Niederlanden und Argentinien lief zwar auf allen Bildschirmen der Stadt, aber kaum jemand schaute hin. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass Deutschland, und damit auch mir, ein Duell mit meinem fußballfanatischen Gastland Argentinien erspart bleiben würde. Gerade weil ich die Woche darauf wieder dorthin zurückkehren würde. Doch es kam bekanntlich anders. Die Deutschen, die ich während dieses zweiten Halbfinales traf, unterhielten sich ohnehin fast ausschließlich über die Preise der Finaltickets als über den möglichen Finalgegner. Unvorstellbar, wie viel Geld einige Leute in meinem Alter für 90 Minuten Fußball auf den Tisch legen würden.</p>
<p>In den Tagen bis zum Finale konnte ich endlich die Früchte meiner Recherchen einfahren und einige spannende Interviews führen. Darunter der stadtpolitische Blogger Jan Tonio Schreiber Kruger, mit dem ich <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=526"><strong>über die sozialen und strukturellen Folgen der Großevents WM und Olympia</strong></a> für Rio sprach und die Filmemacher Fausto Mota, Henrique Ligeiro und Raoni Vidal. Die drei hatten den vielbeachteten Dokumentarfilm <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dKVjbopUTRs"><strong>Domínio Publico</strong></a> gedreht, der die Missstände in Rios Favelas aufzeigt und die aufkeimende soziale Protestbewegung im Land ein Jahr lang begleitet und hinterfragt. Außerdem führte ich noch zwei Korrespondentengespräche mit <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/8-korrespondentengesprach-aus-rio-de-janeiro-mephisto-976"><strong>mephisto 97.6</strong></a>  und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/9-korrespondentengespr-ch-rio"><strong>detektor.fm</strong></a> über das bevorstehende Finalwochenende.</p>
<p>Dann war es wirklich soweit, der 13. Juli 2014 – seit Monaten rot in meinem Kalender markiert – war gekommen. Finaltag.</p>
<p>Ein zweigeteilter Tag: Bis zum frühen Nachmittag trieb ich mich am Maracanã-Stadion herum, um Informationen und Stimmen für eine letzte Reportage zu sammeln. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Polizeiaufgebot am Stadion übertrafen alles, was ich bisher gesehen hatte. An einem angrenzenden Platz fand am letzten Tag des Turniers noch eine letzte größere Anti-WM-Demonstration statt. Ich begleitete sie so lange wie möglich, immer im Hinterkopf, dass ich auf keinen Fall den Anstoß des Finales verpassen dürfte. Das ist er, der Zwiespalt des fußballsüchtigen Reporters. Nachdem ich mich eine Stunde lang vom Stadion aus zurück durch die Stadt Richtung Strand gekämpft hatte, freute ich mich, dass mir ein paar Freunde einen Platz am deutschen Strandkiosk von Leme freigehalten hatten. Dort schauten rund 200 Deutsche Fans das Spiel gemeinsam, während nebenan in Copacabana das Fanfest und auch fast alle Straßen fest in argentinischer Hand waren. 100.000 siegessichere Argentinier sollen an diesem Tag in der Stadt gewesen sein.</p>
<p>Das Spiel war für mich der Höhepunkt einer ohnehin schon hochemotionalen WM und während der ersten 112 Minuten gingen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Wenn dieses Spiel vorbei wäre, würde ja schließlich nicht nur die WM, sondern auch das Projekt ecke:sócrates beendet sein. Je älter das Spiel wurde, desto mehr sehnte ich mir eine Entscheidung herbei. Die Spannung war unerträglich und ich wollte nur noch wissen, ob ich jetzt mit gesenktem Haupt nach Hause gehen oder die Party des Jahres feiern kann. Dank Mario Götzes Geniestreich in der 113. Minute wurde es letztere. Wie viele Kilogramm Ballast von mir nach Abpfiff abgefallen sind, darüber kann ich nur Spekulationen anstellen. Egal. Weltmeister.</p>
<p>Stellvertretend für den Zwiespalt des Finaltages soll zum einen diese <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=512">Reportage über die Begegnungen und Erlebnisse der letzten WM-Tage </a></strong>stehen und zum anderen folgendes Video:</p>
<div style="width: 1280px; height: 720px; " class="wp-video"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('video');</script><![endif]-->
<video class="wp-video-shortcode" id="video-561-1" width="1280" height="720" preload="metadata" controls="controls"><source type="video/mp4" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4?_=1" /><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4">http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4</a></video></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Nacht danach in Rio war lang. Nur so viel dazu: Am Montag stand ich dem MDR um 11 Uhr morgens, nach rund zwei Stunden Schlaf, zum <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/10-korrespondentengespr-ch-rio"><strong>Interview</strong></a> zur Verfügung. Wie ich das geschafft habe, ist mir im Nachhinein ein Rätsel. Jedenfalls kam ich mir &#8211; zumindest ein bisschen &#8211; vor wie Bastian Schweinsteiger, der lädierte Held des gestrigen Spiels.</p>
<p>Ein letztes Interview hatte ich an diesem Tag noch zu führen. Ich unterhielt mich lange mit Eduardo, einem ergrauten Strandfußballer, den ich vor ein paar Tagen kennengelernt hatte. Das <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=534"><strong>Porträt </strong></a>über ihn steht exemplarisch für die tiefe Liebe der Brasilianer zum Fußball und die Vielzahl an herben Enttäuschungen, die sie während der Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land erleiden mussten. Das Gespräch war auch für mich ein schöner und passender Schlusspunkt des Projekts ecke:sócrates.</p>
<p>Einen Tag später packte ich meine Sachen, verabschiedete mich noch kurz vom Cristo Redentor und flog zurück nach Argentinien, ins Land des Vizeweltmeisters.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Zurück in <a href="https://twitter.com/hashtag/Argentinien?src=hash">#Argentinien</a>. Unfassbar, dass man mich mit diesen zwei Utensilien im Gepäck hat einreisen lassen: <a href="https://twitter.com/hashtag/GERARG?src=hash">#GERARG</a> <a href="http://t.co/32kwRthQkH">pic.twitter.com/32kwRthQkH</a></p>
<p>&mdash; Tobias Zwior (@tzwior) <a href="https://twitter.com/tzwior/status/489778397904900096">July 17, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Dass sich bei dieser WM die Wege der Teams meiner beiden Gastländer Brasilien und Argentinien mit dem meines Heimatlandes gekreuzt haben, ist eine weitere schöne Geschichte, die niemand besser hätte schreiben können.</p>
<p>Als ich mich auf den Weg zum Flughafen von Rio machte, überstrahlte ein einziges Gefühl alles andere: Dankbarkeit.</p>
<p>Mein Dank gilt zunächst dem Land Brasilien und seinen unheimlich herzlichen und gastfreundlichen Menschen, die meine Reise geprägt haben. Ein grinsendes »Valeu« oder ein warmes »Nada« von den unterschiedlichsten Menschen haben mir sehr oft den Tag versüßt und dazu beigetragen, dass ich mich immer willkommen gefühlt habe.</p>
<div id="attachment_578" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_001.jpg"><img class="size-large wp-image-578" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_001-1024x578.jpg" alt="Meine Lieblingsbeschäftigung in Brasilien: Visitenkarten ausschneiden (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Lieblingsbeschäftigung in Brasilien: Visitenkarten ausschneiden (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Besonders dankbar bin ich den Menschen in São Paulo, Belo Horizonte, Porto Alegre und Rio de Janeiro, die mir ein Bett zum Schlafen gaben und mich wie einen Freund bei sich aufgenommen haben, bevor wir tatsächlich Freunde wurden.</p>
<p>Und zuletzt möchte ich mich bei <a href="http://www.eckesocrates.de/?page_id=93"><strong>allen Menschen</strong></a> bedanken, die das Projekt ecke:sócrates durch ihre Unterstützung möglich gemacht haben. Ganz besonders möchte ich dabei meine Freunde Ardalan Aram (Homepage), Johannes Berheide (Konzeption, Logo &amp; Flyer) und Jasper Schlump (Übersetzungen) sowie meine Freundin Vivien Winzer (Videodreh &amp; Korrekturlesen) nennen, die nebenbei sehr viel Zeit, Ideen und Arbeit in dieses Online-Journal gesteckt haben. Alleine hätte ich ein Projekt dieses Ausmaßes niemals stemmen können.</p>
<p>Mir war immer bewusst, dass ecke:sócrates ein zeitlich begrenztes Projekt ist, aber es ging dann doch schneller vorbei, als gedacht. Über Anregungen, Anmerkungen und Kritiken freue ich mich jedoch weiterhin.</p>
<p>Ein letzter Gruß geht an das Land, um das sich mein Leben in den letzten Monaten ständig gedreht hat und dessen momentan sehr unsicher erscheinende Zukunft ich gebannt verfolgen werde:</p>
<p>Brasilien, ich komme wieder.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=561</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
<enclosure url="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4" length="35410730" type="video/mp4" />
		</item>
		<item>
		<title>»Das war der beste Deal meines Lebens«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=534</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=534#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2014 13:45:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Finale]]></category>
		<category><![CDATA[Flamengo]]></category>
		<category><![CDATA[Jeitinho]]></category>
		<category><![CDATA[Júnior]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrstunde]]></category>
		<category><![CDATA[Leme]]></category>
		<category><![CDATA[Maracanã]]></category>
		<category><![CDATA[Rio de Janeiro]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=534</guid>
		<description><![CDATA[Wie ein Brasilianer aus Rio die WM verbracht hat, dessen gesamtes Leben aus Fußball besteht. Ein Porträt. (Rio de Janeiro) Jeder in Leme kennt Eduardo. Leme, das ist ein Stadtteil Rio de Janeiros, direkt neben Copacabana gelegen, am Fuße einer...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wie ein Brasilianer aus Rio die WM verbracht hat, dessen gesamtes Leben aus Fußball besteht. Ein Porträt.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Jeder in Leme kennt Eduardo. Leme, das ist ein Stadtteil Rio de Janeiros, direkt neben Copacabana gelegen, am Fuße einer dieser unverkennbaren grünen Hügel. Eduardo Mambrini, ein 45-jähriger Brasilianer mit leichtem Bauchansatz, breitem Lächeln und grauen Schläfen, ist ein ehemaliger Profi-Strandfußballer. Er hat sein ganzes Leben lang in Leme verbracht und für den Club »Colorado do Leme« gespielt. Im richtigen Leben ist er Anwalt, am Strand ist er Freistoßspezialist &#8211; mit viel Gefühl im nackten Fuß.</p>
<div id="attachment_535" style="width: 588px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_040.jpg"><img class="size-large wp-image-535" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_040-578x1024.jpg" alt="Eduardo als Jugendlicher bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Strandfußball (Bild: T. Zwior)" width="578" height="1024" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo als Jugendlicher bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Strandfußball (Bild: privat)</p></div>
<p>Wenn er durch die Straßen seines Viertels geht, muss er an jedem Kiosk, jeder Straßenlaterne, jedem Zebrastreifen kurz stoppen, um mit irgendjemandem einen Plausch zu halten. Er tut es gerne, denn meist geht es um Fußball. Heute, einen Tag nach dem Weltmeisterschaftsfinale, unterhält er sich auf der Straße mit einem alten Kumpel. Gemeinsam hatten sie schon länger überlegt, in naher Zukunft eine Reise nach Deutschland zu machen. »Mein Kumpel hat immer etwas gezögert, als es um die Reiseplanung ging, aber jetzt ist Deutschland Weltmeister und es kann ihm auf einmal nicht schnell genug gehen. Er würde am liebsten schon morgen fliegen«, sagt Eduardo grinsend.</p>
<p>Eduardo hat einen besonderen Bezug zu Deutschland. Seine Jugendliebe ist Deutsche und er hat dort immer noch einige Freunde. Er bezeichnet sich als Fan des 1. FC Köln. Das wissen in Leme aber nicht allzu viele Menschen. Für seine Freunde ist Eduardo derjenige, dessen Herz für den Club Flamengo Rio de Janeiro schlägt, seit er denken kann. Er war ein Junge damals, Anfang der 80er, als Flamengo mehrmals die nationale Meisterschaft gewann, die Copa Libertadores und sogar den Weltpokal im Finale gegen den FC Liverpool. Sein Lebensweg kreuzt sich immer wieder mit dem ehemaliger Flamengo-Legenden.</p>
<p>Eduardo erzählt, wie sein Onkel, ein Journalist, ihn einmal zu einem Bankett der brasilianischen Liga mitnahm und ihn dort Zico vorstellte, dem großen Star der damaligen Mannschaft. Eduardo brachte vor Aufregung kein Wort heraus. Ein anderes Mal besuchte er seine Tante in Leme sonntags nachmittags zum Kaffeetrinken und traute seinen Augen kaum, dass dort auf dem Sofa nicht die übliche Verwandtschaft, sondern Lico, einer von Flamengos Außenstürmern saß: »Da saß Lico, mein Lico, den ich ein paar Tage zuvor noch im Stadion angefeuert hatte«, erinnert er sich. Mit dem Nationalverteidiger Júnior, dessen Original-Trikot er besitzt, hat er öfters am Strand von Leme gekickt. »Auch die Profis genossen es, ab und zu mal bei uns Strandfußballern mitzuspielen, vor allem nach Beendigung ihrer Karriere«, sagt er. Jairzinho, gemeinsam mit Pelé der beste Spieler der Weltmeistermannschaft von 1970, wohnt bei Eduardo um die Ecke. »Jairzinho ist eine Legende. Ich treffe ihn ständig an der Tankstelle oder am Kiosk und dann quatschen wir.«</p>
<div id="attachment_542" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Edu_Junior_neu.jpg"><img class="size-large wp-image-542" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Edu_Junior_neu-1024x578.jpg" alt="Eduardo mit seinem Flamengo-Idol Júnior am Strand (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo mit seinem Flamengo-Idol Júnior am Strand (Bild: privat)</p></div>
<p>Mit seinem Vater ist Eduardo schon von klein auf ins Maracanã-Stadion gepilgert, manchmal zweimal die Woche. Sein bewegendstes Spiel war das Meisterschaftsfinale 1980, das Flamengo gegen Atletico Mineiro vor 154.000 Zuschauern mit 3:2 gewann. Und auch das neue Maracanã kennt er. Er grämt sich nicht ob der Veränderung. »Ich habe fast mein ganzes Leben im alten Maracanã verbracht. Das neue ist eben moderner, sicherer, sauberer. So ist das Leben. Dinge ändern sich.« Dass er jedoch auch während der WM einmal in seinem Stadion sein würde, daran hat er nicht geglaubt.</p>
<p>»Ich hatte keine Tickets und dachte die WM würde vor meiner Nase verstreichen, ohne, dass ich ein Spiel live gesehen habe.« Doch dann kamen ihm seine Gastfreundschaft und der Zufall zu Hilfe. Während der WM haben viele ausländische Gäste auf Eduardos Couch geschlafen. Unter anderem auch ein Chinese, der Freund des Mannes seiner Schwester. Eines Abends saß er mit dem Chinesen in der Kneipe. Es war der Abend vor dem WM-Viertelfinale Deutschland gegen Frankreich in Rio.</p>
<p>»Im Verlauf des Gesprächs fragte der Chinese mich beiläufig, ob ich Fußball möge. Ich, der Fußball in Person, antwortete völlig perplex: Fuß-was?« Das schien dem Chinesen zu genügen. Er hatte tatsächlich zwei Tickets für das WM-Viertelfinale und eines bekam Eduardo. Couch gegen Ticket. »Das war der beste Deal meines Lebens«, sagt Eduardo, der es heute noch nicht begreifen kann: »Ich lief am nächsten Tag um das Stadion herum. Ich war mein ganzes Leben lang hier und jetzt bin ich es immer noch. Aber an dem Tag fühlte es sich so an, als würde ich Geschichte schreiben. Wie oft bin ich mit meinem Vater hierhergelaufen. Und jetzt findet die WM in meinem Stadion statt. Es war Wahnsinn.«</p>
<p>Dass in diesem Spiel der Grundstein für das 1:7 der brasilianischen Mannschaft gegen Deutschland wenige Tage später gelegt wurde, stört Eduardo nicht mehr. Die aktuelle Seleção hat ihn nicht berührt. Er trauert vielmehr immer noch der legendären Mannschaft von 1982 nach, um den Kapitän Sócrates und viele seiner Flamengo-Helden wie Zico, Júnior oder Leandro.</p>
<p>»Das war die beste Mannschaft, die wir jemals hatten. Als sie völlig unerwartet durch die drei Tore des Italieners Paolo Rossi ausgeschieden ist, sind unglaubliche Dinge passiert. Die Menschen auf den Straßen haben geweint. Und es war auch das einzige Mal, dass ich selbst beim Fußball geweint habe. Das war nicht zu vergleichen mit dem 1:7 gegen Deutschland. Damals hatte man noch nicht so viele Optionen im Leben. Der Fußball war allgegenwärtig.« Bis heute kann sich Eduardo die Spiele der 82er Mannschaft nicht ansehen, nicht einmal die grandiosen Siege. Es macht ihn zu traurig.</p>
<div id="attachment_543" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/gruppenbild_leme_neu.jpg"><img class="size-large wp-image-543" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/gruppenbild_leme_neu-1024x578.jpg" alt="Gruppenbild von Eduardos Team Colorado mit einigen Nationalspielern 1993. Mit dabei auch der junge (und etwas schlankere Ronaldo) und Leonardo. Im Hintergrund der markante Berg Morro do Leme. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Gruppenbild von Eduardos Team Colorado mit einigen Nationalspielern 1993. Mit dabei auch der junge (und etwas schlankere) Ronaldo und Leonardo. Im Hintergrund der markante Berg Morro do Leme. (Bild: privat)</p></div>
<p>Die WM 2014 jedoch analysiert er gerne. »Wichtig war vor allem, dass diese WM reibungslos verlaufen ist: Der Verkehr, die Metro und auch die Flughäfen funktionierten. Die Touristen mochten es, das Wetter war genial. Wir Cariocas haben uns gut um die vielen Gäste gekümmert. Die WM war auch fußballerisch super. Gute Tore wie das von James Rodriguez, gute Torwarte wie Neuer, Ochoa oder Navas. Teams wie Costa Rica oder Kolumbien, die den Etablierten Druck gemacht haben. Diese Überraschungen sind es doch, die den Fußball ausmachen.«</p>
<p>Am wichtigsten sei aber die Lehrstunde gewesen, die Brasilien im Halbfinale von Deutschland bekommen habe: »Immer hieß es, Felipão ist der beste Trainer, Neymar der beste Spieler. Wir dachten, wir sind die Besten. Aber das stimmt nicht. Die Mannschaft ist an dem durch solche Prophezeiungen entstandenen Druck zerbrochen. Da die Niederlage so drastisch war, weiß das jetzt auch der Letzte. Das Halbfinale war das Optimum für dieses Team. Jetzt müssen wir von vorne anfangen, den gesamten brasilianischen Fußball umkrempeln.«</p>
<p>Auch den Einfluss der WM auf die zukünftige brasilianische Gesellschaft hebt er hervor: »Finanziell gesehen war die WM für den Großteil der Menschen ein Desaster, da die Steuerzahler viel Geld für dieses Turnier ausgegeben haben, für nichts. Den WM-Titel, der das alles übertüncht hätte, haben wir nicht gewonnen«, sagt er. »Aber aus diesem Scheitern müssen wir lernen. Unsere Gesellschaft sollte professioneller werden. Die Deutschen sind so gut, weil sie so viel arbeiten und sich anstrengen. Das ist wichtig zu sehen, dass man mit harter Arbeit sein Ziel erreichen kann. Wir können nicht von vorneherein davon ausgehen, dass wir die Besten sind und sich alles schon irgendwie fügen wird, wie es die brasilianische Lebenseinstellung des »Jeitinho« besagt. Sondern wir müssen uns fokussieren und hart arbeiten. Das Leben schenkt einem nichts.«</p>
<div id="attachment_538" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_049.jpg"><img class="size-large wp-image-538" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_049-1024x578.jpg" alt="Eduardo heute mit dem Original-Trikot von Júnior: »Damals gab es die Trikots noch nicht zu kaufen, daher hat mein Onkel es für mich besorgt.« (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo heute mit dem Original-Trikot von Júnior: »Damals gab es die Trikots noch nicht zu kaufen, daher hat mein Onkel es für mich besorgt.« (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Viele dieser Eigenschaften habe er bei der deutschen Nationalmannschaft gesehen, daher sei sie verdient Weltmeister geworden. Und Eduardo ist sich sicher, dass diese Mentalität in den Köpfen vieler Brasilianer nicht nur Eindruck, sondern auch Spuren hinterlassen wird. »Wir werden noch lange über diese WM nachdenken“, sagt er.</p>
<p>Das Finale hat Eduardo gemeinsam mit vielen Deutschen am Strand von Leme, drei Minuten von seiner Wohnung entfernt, verfolgt. Als er sich auf dem Rückweg noch einmal umgedreht hat, sei er wehmütig geworden. »Ich dachte nur, wie schade, die WM hat uns verlassen. Und eine Freundin sagte mir noch am selben Abend: Morgen beginnt in Brasilien das Jahr 2014.«</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=534</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Wenig hat sich geändert«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=526</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=526#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 21 Jul 2014 03:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Carioca]]></category>
		<category><![CDATA[Fazit]]></category>
		<category><![CDATA[Infrastruktur]]></category>
		<category><![CDATA[Olympia]]></category>
		<category><![CDATA[Rio de Janeiro]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=526</guid>
		<description><![CDATA[Der Betriebswirt Jan Tonio Schreiber Kruger (Bildmitte, mit Mikrofon), 29 Jahre alt, schreibt seit fünf Jahren in seinem Blog »Caoscarioca« über die Politik und Verwaltung in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. ecke:sócrates hat mit ihm im Nachgang der WM über...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Betriebswirt Jan Tonio Schreiber Kruger (Bildmitte, mit Mikrofon), 29 Jahre alt, schreibt seit fünf Jahren in seinem Blog »Caoscarioca« über die Politik und Verwaltung in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. ecke:sócrates hat mit ihm im Nachgang der WM über sein Fazit der Veranstaltung, infrastrukturelle Veränderungen und die Zukunft Rios vor Olympia gesprochen.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was waren die Beweggründe dein Blog <a href="http://www.caoscarioca.com.br/">»Caoscarioca«</a> zu starten?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Das waren städtische Probleme, über die ich schon als Privatperson mit den Behörden gestritten habe. Mein Grundgedanke war damals, dass diese Probleme nicht nur mich stören. Daher dachte ich, dass ein Blog diese Probleme sichtbarer machen könnte und so einen viel stärkeren Druck auf die auf die Stadtverwaltung ausüben könnte.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was sind das für Probleme und wo setzt du deine Themenschwerpunkte?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Historisch gesehen sind das die Themen Mobilität, Wohnpolitik, oder besser gesagt, mangelnde Wohnpolitik, und auch die Verhaltensweisen der brasilianischen Gesellschaft. Ich glaube, die Brasilianer haben noch nicht die Kultur sich selbst ins Problem miteinzubinden. Sie weisen für gewöhnlich die Probleme einem anderen zu. Dem Bürgermeister, dem Gouverneur, der Präsidentin. Aber sich selbst als einen Faktor in die Formel einzubinden, die eventuell zu einem Problem führt, das tun nur die wenigsten.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie sieht dein persönliches Resümee der WM aus, sowohl in Brasilien als auch in Rio?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Ich hatte von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die Organisation klappen würde. Die Kapazitäten große Events zu hosten haben wir schon seit über 20 Jahren, das haben wir zum Beispiel 1992 bei der Weltklimakonferenz unter Beweis gestellt. Als Fußballfan war die WM super. Allerdings war es auch eine sehr teure WM, meist von Steuergeldern finanziert und ohne, dass die Versprechen, die vor sieben Jahren gemacht wurden, eingehalten wurden. Besonders im Bereich Infrastruktur. Die meisten Investitionen in die Mobilität, die versprochen wurden, sind nicht realisiert worden. Sportlich gesehen sieht es in Brasilien ähnlich aus. Die Idee ist es, dass in der letzten Minute ein »Neymar« auf gut Glück alles verbessert, was über die letzten Jahre hinweg nicht richtig abgearbeitet wurde.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was waren die gravierendsten infrastrukturellen Änderungen in Rio im Zuge der WM?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Rio ist zurzeit eine große Baustelle, aber das hat nur zweitrangig mit der WM zu tun. Die WM ist nur eine Etappe. Der Grund und die Ausrede für alles ist Olympia 2016. Aber im Grunde genommen werden da Projekte in Gang gesetzt die über die letzten 20, 30 Jahre hinweg einfach nicht realisiert wurden. Zurzeit ist sehr schwer zu sagen, ob all dies sich am Ende positiv oder negativ auswirken wird für Stadt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie hast du als Carioca (so nennen sich die Einwohner Rios) die WM in deiner eigenen Stadt erlebt?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Da ich momentan meine Masterthesis schreibe war ich nicht hundertprozentig dabei. Aber von dem, was ich mitbekommen habe, war die Stimmung klasse. Im WM-Finale war ich sogar im Stadion, das war ein einzigartiges Erlebnis.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was wird die FIFA dem Land Brasilien hinterlassen?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Hinterlassen wird sie nichts. Das einzige, was wir Brasilianer von der Fifa hätten lernen können, wäre wie man den Fußball wieder interessant für mehr Zuschauer macht. Das ist nämlich das Problem unserer Liga. Sie zieht kaum Menschen an. Allerdings glaube ich, dass der brasilianische Fußball einfach noch nicht weit genug ist, um aus dieser WM positive Lektionen zu ziehen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie werden sich die WM und das Abschneidens Brasiliens auf die nähere politische Zukunft des Landes auswirken?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Die Opposition wird versuchen das Fiasko der brasilianischen 1:7-Niederlage gegen Deutschland auszunutzen, um die Wiederwahl der Präsidentin Dilma Rousseff zu behindern. Das Ergebnis verstärkt den allgemeinen Unmut der Bevölkerung noch und das ist problematisch für die aktuellen Politiker, die auf eine Wiederwahl hoffen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was ist deine Prognose für die Präsidentschaftswahl im Oktober?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Die Wahl wird sehr knapp. Aber höchstwahrscheinlich wird Dilma wiedergewählt, obwohl auch die ökonomischen Prognosen immer schlechter werden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie geht es in Rio de Janeiro jetzt weiter im Hinblick auf Olympia?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Obwohl die Beliebtheit des aktuellen Bürgermeisters Eduardo Paes stetig sinkt, weil die ganze Stadt zu einer Baustelle geworden ist, glaube ich, dass Rio de Janeiro nach 2016 grundsätzlich eine bessere Infrastruktur haben wird als zuvor. Der Bürgermeister setzt seine politische Karriere darauf. Allerdings haben wir eine Gesellschaft, die sehr kurzfristig denkt, also stellt sich die Frage, ob er überhaupt von seinen Leistungen politisch profitieren kann.</p>
<p><strong>ecke:</strong> In einem deiner Texte schreibst du über »die Kultur des Hinterfragens«, die in Brasilien nicht sehr ausgeprägt sei: Wie schätzt du diese aktuell nach dem Erleben dieser WM ein?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Wenig hat sich geändert. Sich einmal auf die Straße zu setzen mit einem Plakat in der Hand, das ist erst ein kleiner Schritt Richtung Mitverantwortung gegenüber dem Staat. Die nächsten Schritte wurden nicht gegangen. Wer etwas fordert, muss auch Verantwortung übernehmen. Diese wird in Brasilien aber weiterhin immer dem Nächsten zugeschoben.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=526</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Das Finale ist noch nicht gespielt«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=512</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=512#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 16 Jul 2014 05:13:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
		<category><![CDATA[Domínio Publico]]></category>
		<category><![CDATA[Favela]]></category>
		<category><![CDATA[Finale]]></category>
		<category><![CDATA[Rio de Janeiro]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=512</guid>
		<description><![CDATA[Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans. (Rio de Janeiro) Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen in Brasilien erst einmal sammeln. Am Samstagmorgen, dem Tag des ungeliebten Spiels um Platz 3 gegen die Niederlande, ziehen dann aber doch wieder Horden gelbgrüner Fans durch die Straßen von Rio. Sie wollen zumindest den dritten Platz erreichen und damit ihre Ehre retten, so der Tenor. Zwei jungen Männern ist dies völlig egal. Es sind die Filmemacher Fausto Mota und Henrique Ligeiro, 27 und 29 Jahre alt. Den Interviewtermin legen sie auf Punkt 17 Uhr. Anstoßzeit des letzten Brasilien-Spiels. Am Treffpunkt, einer Bar in der Nähe der Metrostation Largo do Machado, setzen sie sich demonstrativ mit Rücken zum Fernseher.</p>
<p>»Morgen ist die WM endlich vorbei«, sagt Fausto. Kurz vor Beginn WM hat er gemeinsam mit Henrique und dem dritten im Bunde, Raoni Vidal die viel beachtete Dokumentation »Domínio Publico“ veröffentlicht. In dem rund 90-minütigen Film geht es um die Situation in den Favelas von Rio und die Demonstrationen im Zuge der WM. Seit 2011 haben die drei Material gesammelt und Menschen interviewt. Vom Favelabewohner, über den bekannten brasilianischen Journalisten Juca Kfouri bis hin zu Romario, dem Weltmeister von 1994, der jetzt Politiker ist. Herausgekommen ist ein Film, der wie kaum ein anderer einen Einblick in Favela-Problematiken wie die »Befriedung« durch die UPP oder Vertreibungen von Anwohnern gibt, aber auch die Protestbewegung 2013 von Anfang an dokumentiert.</p>
<p><iframe width="640" height="360" src="http://www.youtube.com/embed/dKVjbopUTRs?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Während im Hintergrund Robin van Persie das 1:0 für die Niederlande schießt, beginnen Fausto und Henrique zu erzählen. Wie sie eigentlich 2011 nur eine Dokumentation über den Alltag in Rios Favelas drehen wollten. Wie sie dann immer tiefer in die Materie hineingezogen wurden. Wie sie im letzten Jahr entschieden die Recherchen auszudehnen und dafür per Crowdfunding rund 116.000 Reais (rund 39.000 Euro) gesammelt haben.</p>
<p>»Mit dem Film möchten wir so viele Menschen wie möglich auf die Missstände in Rio vor, während und natürlich auch nach der WM aufmerksam machen«, sagt Fausto. Schon rund eine Million Menschen haben die Kurzversion des Filmes gesehen. Die ausdrucksstarken Bilder der sozialen Proteste im letzten Jahr werfen die Frage auf, warum es dieses Jahr während der WM nur zu vereinzelten Demonstrationen kam, warum die Bewegung eingeschlafen ist. »Das liegt an verschiedenen Faktoren«, sagt Henrique, der die Bewegung von Anfang an begleitet hat. »Die Repressionen der Polizei gegen Demonstranten waren massiv und haben vielen Menschen Angst eingejagt. Außerdem gab es innerhalb der Bewegung viele innere Querelen, es wurde nicht an einem Strang gezogen. Und auch die Ablenkung durch den Fußball hat ihren Teil dazu beigetragen.«</p>
<p>Letzterer Punkt waren für Henrique, Fausto und auch für Raoni, der im Verlauf des Gesprächs dazustößt das geringste Problem. Sie interessieren sich nicht oder nicht mehr für Fußball. Und sie ärgern sich darüber, dass der Fußball während dieser WM noch mehr aufgebauscht wurde als sonst. »Eine zweistellige Zahl von Menschen, darunter auch Jugendliche ist während der WM, während nebenan im Maracana gespielt wurde, in Rios Favelas von der Polizei erschossen worden«, sagt Fausto. »Darüber hat keine einzige große Zeitung berichtet.«</p>
<div id="attachment_513" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-513" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie-1024x578.jpg" alt="Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die drei waren froh darüber, dass Brasilien im Halbfinale ausgeschieden ist. Sie hoffen nun auf andere Nachrichten als Neymars Verletzung oder Scolaris eventuellen Rücktritt, auf eine neue Art von Berichterstattung. Diese wollen sie in Zukunft mit ihren Filmen mitgestalten. Henrique ist sich sicher, dass die WM noch viele ähnliche soziale und journalistische Projekte inspiriert hat, dass viele Menschen sich nun besser organisieren werden. Das sei aber auch der einzige positive Punkt. Als später in der Bar die Fernseher ausgehen, hat keiner der drei das Endergebnis mitbekommen.</p>
<p>Am nächsten Tag, dem Tag des Finales, herrscht im Umkreis des Maracana-Stadions schon um 10 Uhr morgens geschäftiges Treiben. Wie immer ist das Stadion weiträumig von der Polizei abgesperrt, doch an den Sperren ballen sich die Menschen. Brasilianer, Deutsche, Argentinier. Viele wollen noch Tickets kaufen, trotz horrender Summen von bis zu 5000 Euro für maximal 120 Minuten Fußball.</p>
<p>Nicht weit vom Stadion entfernt liegt die <span class="st">Praça Sáenz Peña</span>. Rund 200 Militärpolizisten stehen an diesem Morgen auf dem ansonsten leeren Platz und warten. Sie sind bereit ihr eigenes Finale zu spielen. Für den Finaltag erwarten sie noch einmal Demonstranten. Diese trudeln nach und nach sehr spärlich ein. Um 13 Uhr haben sich schließlich rund 400 Menschen auf dem Platz versammelt und bereiten sich vor: Singen die ersten Anti-Copa-Lieder, rollen Banner aus, halten Reden. An einer Wand werden Fotos vom letzten Jahr ausgestellt. Die Polizisten stehen drumherum. Es ist friedlich.</p>
<div id="attachment_515" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-515" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie-1024x578.jpg" alt="Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Auch Eron Morais Melo ist vor Ort, besser bekannt als Batman. Er ist ein Symbol der Protestbewegung, ist seit einem Jahr bei fast jeder Demonstration dabei. Seine Atrappe des WM-Pokals mit der Aufschrift »Fuck Fifa« hält er verkehrtherum. Ob es jetzt nicht etwas spät ist gegen die WM zu demonstrieren? »Es ist nie zu spät«, sagt er. »Wir werden auch nach der WM weiter demonstrieren, solange unsere Forderungen nicht erfüllt sind. Außerdem ist das Finale ja noch nicht gespielt.« Das denken auch seine Mitstreiter. Der Plan ist es während des Finales bis vors Stadion zu marschieren.</p>
<div id="attachment_518" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048.jpg"><img class="size-large wp-image-518" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048-1024x578.jpg" alt="Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Als sich die Demonstranten, darunter auch einige Favela-Bewohner, schließlich nach einiger Zeit in Bewegung setzen, kommen sie nicht weit. Die Polizei hat in allen zum Stadion führenden Straßen Sperren errichtet und schon im Vorhinein laut Fausto Mota rund 80 Protagonisten der Bewegung festgenommen. Mit Tränengas und weiteren Festnahmen sprengt sie auch diese letzte Demonstration. Auf der <span class="st">Praça Sáenz Peña</span> wird laut der Facebookseite der Veranstaltung eine große Gruppe von Demonstranten während des gesamten Spieles festgehalten. Das große Finale nebenan soll nicht gestört werden.</p>
<p><em>Weitere Hintergrundberichte rund um das Ende der WM, die Tage in Rio, den deutschen-brasilianischen Jubel und Brasiliens Zukunft folgen.</em></p>
<div id="attachment_517" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048.jpg"><img class="size-large wp-image-517" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048-1024x578.jpg" alt="Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)</p></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=512</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Fixer</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=469</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=469#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 11 Jul 2014 20:20:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Fixer]]></category>
		<category><![CDATA[Fotograf]]></category>
		<category><![CDATA[Stringer]]></category>
		<category><![CDATA[TV-Produktion]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=469</guid>
		<description><![CDATA[Die WM neigt sich dem Ende zu. Millionen von Zeilen sind während dieses Zeitraums von tausenden Journalisten aus nahezu allen Ländern der Welt geschrieben worden. Auch ecke:sócrates gehört dazu. Doch wie gelangen die Journalisten an ihre Geschichten, wie die TV-Sender...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die WM neigt sich dem Ende zu. Millionen von Zeilen sind während dieses Zeitraums von tausenden Journalisten aus nahezu allen Ländern der Welt geschrieben worden. Auch ecke:sócrates gehört dazu. Doch wie gelangen die Journalisten an ihre Geschichten, wie die TV-Sender an ihre Bilder, wenn es um heiklere Themen als Faninterviews geht? Ein Porträt über einen Mann, der diese Berichte möglich macht &#8211; von ecke:sócrates Gastautor John Hennig.</em></p>
<p>(<span class="userContent">São Paulo</span>)</p>
<p>Es dauert keine halbe Stunde, dann antwortet er. Eigentlich immer, sagt Caio Vilela. Es ist mitten in der Nacht in der Multi-Millionen-Metropole Sao Paulo. Die nächste Nachricht folgt keine vier Stunden später, direkt nach dem Aufstehen. Schnell wird ein Treffpunkt verabredet.</p>
<p>Ein paar Anrufe und Kurznachrichten später sitzen plötzlich fünf Männer in Vilelas weißem Pickup. Einer muss sich auf die sporadischen Kindersitze hinter der Rückbank zwängen. Sie kennen sich gegenseitig nicht allzu gut. Vilela hat sie zusammengeführt. Und bringt sie nun ans andere Ende der Stadt. In Itaquera, dem Stadtteil, in dem die neue Arena für die Weltmeisterschaft errichtet wurde, ist er einer Geschichte auf der Spur. Für den dänischen Fernsehsender TV2 geht er in Vorrecherche und sucht einen Jungen, der durch den Stadionneubau umgesiedelt wurde. Es wird nur ein kurzer Beitrag. Trotzdem wird ein halber Tag drauf gehen. Also warum nicht gleich mit weiteren Projekten verbinden?</p>
<p>Vilela ist rastlos. 44 Jahre alt, runde intellektuell wirkende Brille, großer Jazzfan, im hippen Ausgehviertel Vila Madalena lebend, allerdings einen Block entfernt vom nächtlichen Trubel. Für Parties hat der Vater dreier Söhne keine Zeit. Studiert hat er Geographie, von dort aus hat er sich treiben lassen, in die ganze Welt, zunächst für Zeitungen und Magazine wie National Geographic, den Rolling Stone oder Playboy.</p>
<p>Gerne erzählt er von seinen Reisen, in den Iran, nach Nepal, in die Antarktis. Vilela fing an, die Trips immer professioneller zu dokumentieren. Vor etwas mehr als zehn Jahren fragte dann das finnische Staatsfernsehen Yle bei ihm an, ob er sie bei einem Beitrag in Brasilien unterstützen könne. Der passionierte Reiseführer musste nicht lange überlegen. Zumal eine weitere Geschäftsidee für den Autoren und Fotografen geboren war. Seither führt er Fernsehteams aus aller Welt an Orte und zu Personen in Brasilien, an die sie ohne ihn nicht kommen würden.</p>
<p>Vilela ist ein Fixer. »Stringer sagen irgendwie nur die Deutschen«, weiß er von seinen Drehs mit Arte und der ARD. Das Wort möge er aber nicht. Der Fixer arbeitet Ablaufpläne und Reiserouten aus, sucht die passenden Kontakte und Orte, klärt die Drehgenehmigungen, kümmert sich um den Transport und die Sicherheit, übersetzt und dokumentiert. »Wenn ich einen Job mache, dann zu hundert Prozent. Am Ende stehe ich nahezu rund um die Uhr bereit, um etwas zu klären.« Maximal zehn solcher Aufträge nehme er pro Jahr an. Auch, weil er noch genug Zeit für seine anderen Projekte haben möchte. Den Fernsehsendern legt er dann seine Rechnung vor: »Meist streichen sie raus, was sie nicht brauchen oder worum sie sich lieber selbst kümmern wollen.« Oft vertrauen sie sich aber komplett ihrem Kontaktmann an.</p>
<div id="attachment_475" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Caio-Vilela-001.jpg"><img class="size-large wp-image-475" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Caio-Vilela-001-1024x784.jpg" alt="Caio Vilela, rechts im Bild, beim Strippenziehen (Bild: J. Hennig)" width="1024" height="784" /></a><p class="wp-caption-text">Caio Vilela, rechts im Bild, beim Strippenziehen (Bild: J. Hennig)</p></div>
<p>Sein Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen, ein Netzwerken, ein Tippgeben. Hinten links auf der Rückbank sitzt deshalb Ederon Marques. Er hat auf Vilelas Aufruf bei Facebook hin den Tipp gegeben. Mehr als 3700 ´Freunde` hat der Fixer auf seiner bevorzugten Plattform, zwanzig Antworten bekam er auf sein Gesuch. Dem Tipp von Marques geht er nun nach. Eine Fahrstunde später stehen sechs Männer etwas unbeholfen in einem Hinterhof eines brasilianischen Sozialbaus.</p>
<p>Und weitere zehn Minuten später in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung von Vinicius und seiner Mutter. Geld wollen sie keines, sagt Vilela: »Sie wollen sich zeigen, im Fernsehen, das ist ihnen wichtiger.« Auch Marques müsse er nicht bezahlen. Wenn es in die Favelas geht, plane er die lokale Unterstützung dagegen im Budget mit ein. 400 Reais, etwa 130 Euro als Tagessatz, für Führer. Bei Fernsehsendern, konkretisiert Vilela redselig. »Ein guter Anlaufpunkt sind immer soziale Einrichtungen oder Missionen, die die Leute gut kennen. Die wissen auch, in welcher Straße man lieber nicht filmt.« Und dass man in Favelas nicht mit zusätzlichen Sicherheitsleuten auftaucht. Passiert sei in all den Jahren noch nie etwas.</p>
<p>Und das Geschäft läuft. Längst hat Vilela zwei Assistenten. »An die gebe ich kleine Aufträge direkt ab, simple Interviews mit Sportlern oder anderen Prominenten.« Er selbst, auch begeisterter Bergsteiger, liebt größere Herausforderungen. Fälle, bei denen er nicht sofort fündig wird, fixen ihn richtig an. »Wir Fixer sind da speziell.« Bislang habe er am Ende jeden Wunsch erfüllt.</p>
<p>Vinicius und seine Mutter zeigen bereitwillig ihre Wohnung, der Junge blättert durch die Cover seiner Videospiele, die Mutter bringt Kaffee und Kuchen. Später geht Vinicius für Vilela mit zwei Nachbarjungs Fußball spielen. Und beim Projekt »Spirit of Football«, das Andrew Aris vom Beifahrersitz anleitet, machen sie auch noch mit.</p>
<p>Ein paar Tage später wird das dänische Team hier drehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Text: John Hennig</p>
<p>Zuerst erschienen am 18.06.2014 in der taz.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=469</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das Trauma kehrt zurück</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=496</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=496#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 09 Jul 2014 15:48:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Copacabana]]></category>
		<category><![CDATA[Halbfinale]]></category>
		<category><![CDATA[Mineiraço]]></category>
		<category><![CDATA[Rio de Janeiro]]></category>
		<category><![CDATA[Tragödie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=496</guid>
		<description><![CDATA[Der Tag begann, wie er endete. Merkwürdig. Schon am Morgen des 8. Juli ist Rio nicht wiederzuerkennen, denn es regnet. Die einzigen Menschen am Strand von Ipanema sind fünf Müllmänner. Der Cristo Redentor, das Wahrzeichen der Stadt, steckt bis zum...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Tag begann, wie er endete. Merkwürdig. Schon am Morgen des 8. Juli ist Rio nicht wiederzuerkennen, denn es regnet. Die einzigen Menschen am Strand von Ipanema sind fünf Müllmänner. Der Cristo Redentor, das Wahrzeichen der Stadt, steckt bis zum Hals in einer Wolkenmasse. Er kann nicht beobachten, was an diesem Tag in seiner Stadt vor sich geht. Und wird so auch niemals verstehen, warum am Ende des Tages ein Bild von ihm mit Manuel Neuers Gesicht auf Twitter die Runde macht.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Was war passiert? Vor dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien waren doch alle so zuversichtlich. Nach der Verletzung von Neymar und der Sperre von Kapitän Thiago Silva, hatte sich nach einigen Tagen der Trauer spätestens gestern eine »Jetzt-erst-Recht-Stimmung“ breit gemacht. Die Menschen auf den Straßen, an ihren Arbeitsplätzen strahlen Zuversicht aus und tragen Gelb. So wie die Postbeamtin Ana. Sie ist sich sicher: »Die <em>Sele<span lang="pt">ç</span>ao</em> holt den Titel für unser Land, es gibt keine Alternative«, sagt sie. »Wir gewinnen heute 1:0 durch ein Tor von Fred.«</p>
<div id="attachment_497" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_005.jpg"><img class="size-large wp-image-497" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_005-1024x578.jpg" alt="Postbeamtin Ana beklebt die ecke:sócrates-Postkarten und ist fest von einem Sieg Brasiliens überzeugt (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Postbeamtin Ana beklebt die ecke:sócrates-Postkarten und ist fest von einem Sieg Brasiliens überzeugt (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Gegen 14 Uhr, drei Stunden vor dem Spiel, schließen viele Läden. Die Menschen bereiten sich mental auf den Finaleinzug vor. Im nassen Sand der Copacabana, wo wieder ein »Fanfest« stattfindet, stehen, sitzen und liegen tausende Brasilianer und starren in Vorfreude auf die Leinwand. Fliegende Händler lesen ihnen jeden Wunsch in Windeseile von den Augen ab. Das sind zunächst Bier und Caipirinhas und später improvisierte Regenmäntel aus Plastik. Ein Fan hält einen selbstgebastelten Sarg in Deutschland-Farben hoch und eine wilde Polonäse schließt sich ihm an. Deutsche Fans sind hier in der absoluten Minderheit. Nur eine kleine Traube von sieben, acht weißgekleideten Personen hat sich mitten in der gelben Menschenmasse einen Platz mit guter Sicht ergattert.</p>
<div id="attachment_499" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_018.jpg"><img class="size-large wp-image-499" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_018-1024x578.jpg" alt="Ein brasilianischer Fan möchte die deutsche Mannschaft zu Grabe tragen (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Ein brasilianischer Fan möchte die deutsche Mannschaft zu Grabe tragen (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Sekunden vor Anpfiff prasselt ein erneuter Regenschauer auf die Copacabana nieder, doch kaum einer scheint das wahrzunehmen. Dann geht es los. Jetzt gilt es für Brasilien. Die Fangesänge ebben ab und konzentrierte Spannung tritt ein.</p>
<p>Das frühe 1:0 von Thomas Müller ist ein erster Stich in das Selbstvertrauen der brasilianischen Fans. »Das biegen wir noch um, keine Sorge.«, sagt ein Mädchen mit viel grün-gelber Schminke im Gesicht. Sie versucht sich selbst und die Menschen um sich herum zu beruhigen.</p>
<p>Doch als dann in den Minuten 23, 24, 26 und 29 im Rhythmus eines Maschinengewehrs vier Bälle mitten ins brasilianische Herz treffen, ist es vorbei. Keiner kann begreifen, was in diesen sechs Minuten passiert ist. Einige beginnen zu weinen, andere schütteln fassungslos den Kopf. Und eine kleine Gruppe Jugendlicher macht ungläubig und trotzig lachend ein Erinnerungsfoto von sich vor der Leinwand. Halbvolle Bierdosen fliegen umher. Selbst die vereinzelten deutschen Fans, stehen anstatt zu jubeln nur mit offenen Mündern da. Es ist der absurdeste Moment der WM.</p>
<div id="attachment_500" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_034.jpg"><img class="size-large wp-image-500" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_034-1024x578.jpg" alt="Fassungslosigkeit an der Copacabana (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Fassungslosigkeit an der Copacabana (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Kurz vor der Halbzeit wird es plötzlich hektisch. Hunderte Menschen laufen mit Panik im Gesicht vom Strand aus Richtung Straße, immer mehr schließen sich ihnen an, ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist. »Wenn ich ein Deutschland-Trikot anhätte, würde ich es ausziehen und nur noch rennen«, schreit ein Brasilianer. Die deutsche Fan-Traube löst sich innerhalb von Sekunden auf.</p>
<p>Wenige Minuten später ist der Tumult vorüber, es ist merklich leerer geworden vor der Leinwand. Die zweite Halbzeit läuft, aber kaum jemand schaut noch hin. Die Menschen sind mit sich selbst beschäftigt. Einer der wenigen übriggebliebenen deutschen Fans versucht seine brasilianischen Freunde zu trösten: »Wir sind 2006 zu Hause auch im Halbfinale ausgeschieden und trotzdem hatten wir eine tolle WM. Wenn ihr das Spiel um Platz 3 gewinnt, könnt ihr wieder feiern, so wie wir damals.«</p>
<p>Der 19-jährige Lucas, der extra aus Sao Paulo angereist ist, entgegnet daraufhin: »Keiner der Ausländer hier kann verstehen, wie wichtig das Spiel hier für unser Land ist. Ganz ehrlich, ich habe Angst vor dem Spielende. Ich weiß nicht, was dann noch passieren wird. Deutschland hatte nach der WM 2006 eine Zukunft. Wir Brasilianer haben nur diese WM und danach nichts mehr.«</p>
<p>Also Oscar kurz vor Spielende das einzige brasilianische Tor schießt, werden auf der Leinwand kurz nacheinander der lachende Torwart Julio Cesar und der fluchende Manuel Neuer eingeblendet. Sicherlich ein verzerrtes Bild, aber Lucas kann es nicht fassen: »Es sollte andersherum sein«, sagt er leise.</p>
<p>Etwas abseits von der Menge in der Nähe der Dixie-Klos, sitzt ein junger Mann namens Rodolfo zugedeckt mit einer Brasilien-Flagge im Sand. »Mein Vater hat mir immer von den großen Mannschaften aus den 60er und 70er Jahren erzählt, von den Toren Pelés und Mané Garrinchas. Was soll ich später meinen Kindern erzählen von der Heim-WM in Brasilien? Dass wir im Regen an der Copacabana standen und 1:7 gegen Deutschland verloren haben?«</p>
<div id="attachment_503" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_0541.jpg"><img class="size-large wp-image-503" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_0541-1024x578.jpg" alt="Brasilianische Kinder werden vom Fernsehen interviewt. Vielleicht werden sie noch eine weitere WM in Brasilien erleben. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Brasilianische Kinder werden vom Fernsehen interviewt. Vielleicht werden sie noch eine weitere WM in Brasilien erleben. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Sekunden nach dem Abpfiff wird die Leinwand schwarz. Erinnerungen an die letzte WM in Brasilien 1950 werden wach. Sie hat sich in das kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt. Damals erlebte Brasilien seine bislang schmerzhafteste WM-Niederlage zu Hause im Entscheidungsspiel gegen Uruguay. Das Spiel ging als so genannter <em>Maracanaço</em>, als Tragödie im Maracana-Stadion in die Geschichte ein. Schon während des Achtelfinales 2014 gegen Chile wurde, als die Mannschaft am Rande der Niederlage war, vom <em><span lang="pt">Mineiraço</span> </em>gesprochen, in Anlehnung an das Estádio Mineirão in Belo Horizonte. Dieser wurde im Elfmeterschiessen gerade so abgewendet. Nun holt er Brasilien auf der Zielgeraden doch noch ein.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=496</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sind wir alle eins?</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=484</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=484#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 08 Jul 2014 14:01:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=484</guid>
		<description><![CDATA[Während der WM herrscht in Belo Horizonte nicht nur heute, am Tag des Halbfinals Brasilien gegen Deutschland, Ausnahmezustand. Ein einheimischer Student nimmt diesen zum Anlass für einen konflikttheoretischen Essay. Ein Gastbeitrag von João da Mata Belo Horizonte am 28. Juni...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Während der WM herrscht in Belo Horizonte nicht nur heute, am Tag des Halbfinals Brasilien gegen Deutschland, Ausnahmezustand. Ein einheimischer Student nimmt diesen zum Anlass für einen konflikttheoretischen Essay.</em></p>
<p><strong>Ein Gastbeitrag von João da Mata</strong></p>
<p>Belo Horizonte am 28. Juni 2014. Brasilien spielt gegen Chile. Um den regen Verkehr von Menschen und Fahrzeugen in einigermaßen geregelten Bahnen fließen zu lassen, erwies sich der proklamierte städtische Feiertag als sehr nützlich. Denn das vor einem Monat völlig neu implementierte Transportsystem wird selbst mit dem normalen täglichen Aufkommen der Einwohner zu Nicht-WM-Zeiten nicht annähernd fertig, obwohl die kürzliche Änderung des Systems mit R$ 730 Millionen (ca. 240 Millionen Euro) zu Lasten der Staatkasse zu Buche schlug. Aber alles ist gut. Die überwiegende Mehrheit der Fans sieht das dramatische Spektakel aus der Ferne an. Zwischen den Spielen verklären die Werbungen, dass alle Herzen an einem einzigen Ort sind, und, dass die Brasilianer ihre Liebe an den Stollenschuh binden sollen. Immerhin sind wir alle eins. Oder?</p>
<p>Zwei Tage darauf wird das Elfmeterschießen am Ende des dramatischen Spieles zum unzähligen Male im Fernsehen wiederholt. In der am Meisten gesehenen Morgensendung wird darüber eine beinahe philosophische Diskussion geführt, während Internetaktivisten ihre eigenen Thesen publizieren: Ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Mann weint? Es geht darum, dass einige “bedeutende” brasilianische Fußballspieler geweint haben, als sie das Spiel mit dem letzten Elfmeter gewonnen haben. Als ob dies ein extrem gemeinnütziges, wichtiges und allgemein interessierendes Thema wäre. Mit Sympathie und in einem familiären Klima moderiert die Gastgeberin die Redebeiträge an. Sie, eine Musikband, das Publikum und Sportkommentatoren nehmen an der regen Diskussion über das “von der WM-Stimmung Gerührtsein” teil.</p>
<p>Seitdem die Weltmeisterschaft begonnen hat, erscheinen regelmäßig Sportkommentatoren und sogenannte Experten in allen Sendungen, um ihre ,,Expertenmeinung” kundzutun. Bei einer solchen Gelegenheit erklärt ein ehemaliger Spieler, der während der WM in Deutschland 2006 gespielt hat, dass er die Nationalhymne vor einem WM-Spiel geradezu schrie. “Wer nichts fühlt, glaube ich, hat keine Ahnung von Verantwortung.” Solange die Leistung der Spieler nicht beeinträchtigt wird, gäbe es keine Schwäche. Eine vermeintliche Tatsache, die übrigens 91% der Internetnutzer ebenso wie die in der Sendung Anwesenden verstanden. Wer würde nicht von dem Gefühl der Stärke und Einheit gerührt sein, wenn die Nationalhymne gesungen wird? Und wie könnten die Spieler sich davon freisagen, die solch einen Druck zu erleiden haben? Vor allem der Torwart, ein wahrer Held, der 200.000.000 Brasilianer förmlich getragen hat! Es geht um etwas “Grausames”, so die Moderatorin.</p>
<p>Diese Sendung wird aber nicht über die Repressalien und Grausamkeiten sprechen, welche die vernachlässigbare Masse von ca. 100 “Schuften” am 28. Juni 2014 ebenfalls in Belo Horizonte zu erleiden hatte. Was eigentlich vorhersehbar ist, wenn man sich an die Bedeutung des Wortes Schuft auf Portugiesisch und seiner Herkunft aus dem Lateinischen erinnert: Schuft heißt auf Portugiesisch “Vilão”, was vom lateinischen “Villanus” abstammt. “Villanus” ist derjenige, der aus einer “Villa” (lat.) kommt, einem abgeschmackten Vorort der römischen Peripherien, der gar nichts mit der deutschen Bedeutung vom “großen, herrschaftlichen Landhaus“ zu tun hat. Der ehemalige römische Villanus und der zeitgenössische brasilianische Vilão wurden und werden immer noch aufgrund ihres niedrigen sozioökonomischen Status oft der Übeltaten und Verbrechen bezichtigt.</p>
<p>“Vila” und “Favela” sind heutzutage auf Portugiesisch gleichbedeutend und werden synonym verwendet, um ärmliche Peripherien zu bezeichnen. Mit anderen Worten sind die Villanī seit dem alten Rom diejenigen, welche von “außen” kommen, um das gesellige Treiben im Zentrum zu stören. Seither verdienen die “Bösewichte”, (&#8220;Villanī&#8221;), keine lobenswerte Aufmerksamkeit. Dies geht so weit, dass aktuell, am 26. Juni 2014 in Brasilien, ihr Menschenrecht auf Freizügigkeit aufgehoben wurde. Dieses Mal jedoch mit der direkten Unterstützung der Judikative. Nicht mit der bloßen willkürlichen Ausübung der Militärmacht, wie an den “normalen” Tagen. Vor genau einem Jahr war es übrigens anders &#8211; was nicht “besser” bedeutet.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die Ausnahmestadt</strong></p>
<p>Belo Horizonte, am 26. Juni 2013. Brasilien spielt gegen Uruguay. Die Medien sprechen diesmal aber über die 50.000 Personen, die an einer historischen Demonstration teilnehmen. Einer von ihnen wird auf der Flucht vor der Staatsterrorismustaktik nach FIFA-Standard sterben. Es waren Menschen, die sich auf so vielfältige Weise entrechtet, misshandelt und entwürdigt fühlen, dass sie nicht anders konnten, als sich zu widersetzen. Als einen dieser Gründe kann man die Aktionen der FIFA und der Militärpolizei hervorheben: die Akteure, welche genug Macht haben, um einen “Ausnahmenzustand” zu deklarieren.</p>
<p>Die Militärpolizei sichert zwei Arten von Versammlungen: eine für die Villanī und die andere für Fußballfans, die sich entschieden haben, der Party beizuwohnen. Alle ihre Schutzpolitikanstrengungen sind jedoch allein auf die Durchführbarkeit großer Veranstaltungen und Aktionen ausgerichtet, bei denen das “reine”, staatskonforme Austragen und der politisch gewollte reibungslose Ablauf das Wichtigste sind.</p>
<p>In dieser Absicht sind Häuser in brasilianischen Favelas beispielsweise plötzlich markiert und geräumt worden, vergleichbar den Beschmierungen und Evakuierungen jüdischer Häuser und Geschäfte in der Vergangenheit. Viele Menschen wurden im Rahmen der Vorbereitungen der Weltmeisterschaft gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Sie erhielten für diese ungewollte Umsiedelung eine unwürdige Entschädigung, die aus dem Marktwert berechnet wurde, welche Bebauung dort vorherrschte. Villanī wurden in diesem Zuge in andere “Villen” (Slums) deportiert, in denen das Entschädigungsgeld reichte, um einen Platz zum Leben zu bekommen. Diese waren jedoch weit entfernt von ihrer Arbeit und der Schule ihrer Kinder. Aber wer kann sich dem “Fortschritt” wiedersetzen?</p>
<p>Die Rolle der Militärpolizei ist es, Privilegien durch die Schaffung des “Ausnahmezustandes” zu verteidigen. Das heißt im Klartext, die Rechtsstaatlichkeit aufzuheben, um Ungleichheit aufrecht zu erhalten. In einem Rechtsstaat darf keine Person gegen ihren Willen aus ihrem eigenen Haus entfernt werden. Aber wenn er die Wirkung des Ausnahmenzustandes erleiden muss, hat der Mensch seine politische Existenz verwirkt, er wird auf seine bloße biologische Existenz reduziert.</p>
<p>Das Konzentrationslager ist keine Anomalie der Vergangenheit. Das Lager ist der Raum, der sich öffnet, wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt. Man kann daraus den paradoxen Status der Favelas in ihrer Eigenschaft als “Ausnahmestadt” herleiten, weil sie die Materialisierung des Lagers darstellen: den Raum, der außerhalb der normalen Rechtsordnung gesetzt wird. Ein Hybrid von Recht und Faktum, in dem jede Frage nach der Legalität und Illegalität dessen, was dort geschieht, schlicht sinnlos wird.</p>
<p>Was die FIFA gemacht hat, war, die Ausnahmestadt außerhalb der Peripherien &#8211; oder innerhalb der Städte &#8211; nachdrücklich zu verdrängen. Was haben oder hatten Südafrika, Brasilien, Russland und Katar gemeinsam zu der Zeit, in der sie als WM-Gastgeber ausgewählt wurden? Eine schwache gesellschaftspolitische Aufsicht, viel Korruption, sowie eine schlechte Sozialmobilisierung. Was die Einwohner solcher Länder wollten, war eine faire Verteilung von Profiten und Rechten.  Das Konzept der FIFA basiert aber nicht auf der Heiligkeit des menschlichen Lebens, sondern auf der Heiligkeit des privaten Eigentums. Vorzugsweise ihres eigenen und dem ihrer Komplizen. Daher drehen sich ihre Fragen um die WM in Brasilien um Themen wie: Wie viele und welche Aktivisten müssen präventiv verhaftet werden, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden?</p>
<p>Dieses Modell von Politik, die eine Stadt zum Unternehmen zu verwandeln beabsichtigt, und die letztlich eine Ausnahmestadt ermöglicht, hat genügend Mobilisierungsfaktoren erzeugt, um so viele Leute am 26. Juni 2013 auf der Straße zu versammeln. Menschen wollen ihre Rechte. Mit deren sozialer Erfüllung könnten sie rechnen, wenn sie als vollwertiges Mitglied des Gemeinwesens akzeptiert werden würden, und an dessen institutioneller Ordnung sie gleichberechtigt partizipieren könnten. Die moralische Zurechnungsfähigkeit der Mehrheit wird ihr aber nicht in demselben Maße zugebilligt, wie sie den Unternehmern, der FIFA und Politikern zuteilwird. Und wie kann man die Aufrechterhaltung einer ungerechten Ordnung gewährleisten, wenn das Volk sich widersetzt?</p>
<p>Dafür gibt es ausgebildete Soldaten, die dazu in der Lage sind, Terror zu verbreiten. Der größte Teil der Bürgerinnen und Bürger, waren nicht an diese Art der Unterdrückung gewöhnt, welche täglich in den Slums geschieht. Um sie einzuschüchtern, ist es nicht einmal erforderlich, die Waffen zu verwenden, die alltäglich in den Slums verwendet werden. Gummigeschosse, Tränengas und Schlagstöcke reichen diesmal völlig aus. Dafür gibt es die Militärpolizei. Aber nicht nur sie.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Die irreführenden Medien</strong></p>
<p>Die Militarisierung des Alltags wird von einem Blick geprägt, der die Menschen, die aus der Peripherie kommen, insbesondere bedürftige Schwarze, kriminalisiert. Diese Maßnahmen müssen jedoch von irgendeinem Diskurs legitimiert werden. Dafür sind die Referenzmedien da. Wir erleben ja schon Ereignisse als Ergebnis einer medialen Aktion durch Bilder und Töne, die sich als eine Art von Gefühl anbiedern, wie wir <em>in der Welt </em>stehen. Eine Verbreitung von Realitätsbildern, welche neue Formen des Bezeugens hervorbringen. Der Mensch wird täglich spektakulären Bildern ausgesetzt, die ihn fesseln, und, die allmählich seine Weltauslegung durch stetige Wiederholung beeinflussen. Daraus wird erst ein plausibles Szenario geschaffen: Das Risiko des Vandalismus.</p>
<p>Neben der Idee, dass vor allem das Privateigentum verteidigt werden soll, werden jegliche materielle Schäden während der Demonstration abwertend erwähnt. Als Folge der Anwesenheit von Vandalen, die “ein Affront gegen die Rechtsstaatlichkeit” seien. “Anwesende Vandalen”, “anwesende Villanī” und “eminente Risiken” sind in der Medienberichterstattung gleichbedeutend. Solchen Risiken werden allerdings mit der Anonymität und Zwangsläufigkeit von Naturkatastrophen gekennzeichnet: die Stimme der tatsächliche “Vandalen” wird niemals gehört. Und in dieser Art von Szenario sind die Polizisten, “die wahren Helden”. Sie allein wissen, wie in einer solchen Situation vorzugehen ist.</p>
<p>Es geht jedoch vielmehr um Verteilungskonflikte, die natürlich nicht offen thematisiert werden können. Risiken bedeuten dann eigentlich, in diesem Sinne, die Umverteilung knapper gesellschaftlicher Ressourcen, wie Geld und Eigentumsrechte, Einfluss und Macht, Legitimität und Reputation, informatorische Sicherheit und organisatorische Planungskapazität. Der mediale Risikodiskurs führt dazu, dass die Konflikte, die sich an ihm entzünden, in erster Linie als Auseinandersetzungen um ihre soziale Definition geführt werden müssen.</p>
<p>Dies hängt jedoch unbedingt von dem Fehlen kritischer Aufmerksamkeit bzw. Ignoranz der Zuschauer ab. Ignoranz setzt sich dem Wissen allerdings nicht entgegen. Sondern sie <em>ist</em> ein außerordentlich nützliches Wissen, da sie, wenn sie absichtlich gefördert und gepflegt wird, die Aufmerksamkeit ablenkt von einem zentralen gesellschaftlichen Wissen: dem Wissen von dem, was Menschen wollen und wofür sie kämpfen.</p>
<p>Damit oktroyieren solch irreführende Medien den Menschen häufig ihre Realitätsbilder auf. Ein Beispiel: Brasilianische Fans brauchen neue Rufe. Wie wäre es damit? “Oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! Freude! Freude! Oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! oh! Freude! Freude!”. Oder: ist es ein Zeichen von Schwäche, wenn ein Mann weint? Es ist aber wichtig zu erkennen, dass das, was die Medien sagen, das Ergebnis eines Dialogs mit strategisch geformten Referenzen zu einem Kontext und einem Zuhörer ist. Die Medien sind nicht allein und arbeiten nicht umsonst.</p>
<p>Die Art und Weise, in der wir sozialisiert werden, geht unweigerlich mit Differenzierungssystemen einher. Es geht um die alltägliche Verwendung von Kategorien, die die Ausübung der verschiedenen Machtpositionen legitimieren und welche sich unter Umständen wechselseitig stützen und ignorieren: Dies gewährleistet nicht nur die Vorhersehbarkeit und Sicherheit dieser Ordnung, sondern vor allem die der errichteten Unterdrückungsstrukturen. Und solche (nicht immer) feinen Unterschiede hindern die Villanī immer noch daran, die Wahrheit als Waffe zu schwingen. Nein, Claudia Leitte, Pitbull und J.Lo. Ihr habt Unrecht. Leider sind wir nicht alle eins – oder zwei, oder drei.*</p>
<p>*Die Sängerin Claudia Leitte (rechts im Bild) interpretiert das Motte „We are one“ auf <a href="http://ego.globo.com/moda/noticia/2014/06/veja-de-todos-os-angulos-os-looks-de-jlo-e-claudia-leitte-na-copa.html">ihre eigene Weise</a>.</p>
<p><strong>Hintergrund zum Autor</strong></p>
<p>João da Mata ist Student der Medienwissenschaften an der Universität in Belo Horizonte. Ein Auslandsjahr hat er in Augsburg verbracht. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seinem wissenschaftlichen Essay zum Thema „Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien“ an der Universität Augsburg.</p>
<p><strong>Anmerkung</strong></p>
<p>Die Meinung des Autors spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=484</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die WM als Anregung zum Nachdenken</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=449</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=449#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 04 Jul 2014 00:12:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Fifa]]></category>
		<category><![CDATA[Party]]></category>
		<category><![CDATA[Proteste]]></category>
		<category><![CDATA[Schule]]></category>
		<category><![CDATA[WM]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=449</guid>
		<description><![CDATA[Ganz Brasilien redet, diskutiert und streitet über die WM. Verhindert wurde sie trotz vieler Proteste im Vorjahr nicht mehr. Offen ist, welches Vermächtnis sie dem Land hinterlässt. ecke:sócrates hat mit denjenigen gesprochen, die das besonders betrifft: den aktuellen Schülern. (Porto...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ganz Brasilien redet, diskutiert und streitet über die WM. Verhindert wurde sie trotz vieler Proteste im Vorjahr nicht mehr. Offen ist, welches Vermächtnis sie dem Land hinterlässt. ecke:sócrates hat mit denjenigen gesprochen, die das besonders betrifft: den aktuellen Schülern.</em></p>
<p>(Porto Alegre)</p>
<p>In einem großen Klassenraum der Pastor Dohms Schule in Porto Alegre hat der Abschlussjahrgang heute Deutschunterricht. Die Schule ist eine Privatschule, eine der besseren der Stadt. Es ist der erste Ruhetag dieser Weltmeisterschaft, ein Tag ohne Fußball. »Das schlägt sich definitiv in den Anwesenheitszahlen nieder«, sagt Paula Paetzhold, die Deutschlehrerin. »Die WM ist eben eine Ausnahmesituation und ich kann verstehen, dass vielen Schülern die WM-Spiele momentan etwas wichtiger sind als die Deutschvokabeln.« Jetzt sei sie jedoch froh, dass heute alle Schüler da sind. Es ist eine besondere Unterrichtsstunde: Gemeinsam mit ecke:sócrates sollen die Schüler, die zwischen 16 und 17 Jahren alt sind, aus ihrer Perspektive über die WM sprechen– auf Deutsch. Hier sind einige der Antworten, die die Schüler, auf dieses Thema angesprochen, gegeben haben:</p>
<p><strong>Angelo:</strong> »Ich finde, dass die WM ein tolles Event ist, aber in Brasilien haben wir eigentlich so viele andere Dinge, die Priorität haben sollten. Die WM macht Spaß, aber es fehlen Schulen und Krankenhäuser. Es gibt weniger Leute, die protestieren, als im Vorjahr. Aber wir können jetzt eh nichts mehr ändern, denn die WM ist schon da.«</p>
<p><strong>Nina:</strong> »Ich bin gegen die WM. Ich weiß, dass es eine schöne Party ist, aber es gibt zu viele Negativpunkte. Die nächsten Weltmeisterschaften sind in Russland und Katar. Das ist sehr schlecht. Hier in Brasilien gibt es so viele Spannungen. Aber die FIFA denkt, dass das nicht ihre Probleme sind. Und, dass die Welt diese Probleme nicht sieht. Ich weiß, dass wir nicht mehr protestieren können, weil es zu spät ist, aber ich eigentlich müssten wir es gerade jetzt tun, damit unsere Probleme offensichtlich werden und um zu zeigen, dass die FIFA nicht alles mit uns machen kann.«</p>
<p><strong>Eduardo:</strong> »Die WM ist ein großartiges Ereignis. Wir sollten nicht gegen sie protestieren, aber gegen die Regierung schon. Sie hat sehr viel Geld von den Menschen genommen und der FIFA gegeben, zum Beispiel für die Stadien.«</p>
<div id="attachment_452" style="width: 970px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/6.jpg"><img class="size-full wp-image-452" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/6.jpg" alt="Nina, Matheus und Daniela diskutieren (Bild: P. Paetzhold)" width="960" height="720" /></a><p class="wp-caption-text">Nina, Matheus und Daniela diskutieren (Bild: P. Paetzhold)</p></div>
<p><strong>Matheus I.:</strong> »Wir wissen schon seit acht Jahren, dass die WM hier sein würde. Und wir haben nichts gemacht. Letztes Jahr haben wir zwar protestiert aber da war alles schon fast fertig. Unsere Regierung hatte schon alles organisiert. Bei den Protesten ging es um viele Dinge, die schlecht laufen im Land, zum Beispiel die Korruption. Ich war selbst einmal dabei und bin auch immer noch für diese Bewegung. Leider hätte sie eher beginnen müssen, als ein Jahr vorher. Ich finde es seltsam, dass die WM jetzt so eine Party ist. Ich verstehe nicht, wieso dieses Jahr auf einmal so viele Menschen für die Spiele sind.«</p>
<p><strong>Matheus II.:</strong> »Ich denke anders. Wir Brasilianer haben eine sehr schlechte Meinung über uns selbst. Wir denken schlechte Sachen über Brasilien. Aber es gibt viele positive Punkte, die wir nicht sehen wollen. Viele Ausländer sagen das. Wie zum Beispiel die Band »Scorpions«, die ein Lied darüber geschrieben hat. Natürlich gibt es Probleme, aber es ist nicht so schlecht wie wir denken.«</p>
<p><strong>Nicolas:</strong> »Ich denke auch, dass die WM eine gute Sache ist. Wir sollten sie mit der Rugby-WM in Südafrika vergleichen. Dort machte die WM die Menschen stärker, vor allem im Kampf gegen Rassismus. Wir sollten es hier so machen wie in Südafrika. Dann könnten wir uns gemeinsam gegen die Probleme mit dem System auflehnen. Nicht nur gegen Rassismus, sondern auch gegen das politische System. Unsere Generation könnte diese Probleme lösen.«</p>
<div id="attachment_456" style="width: 970px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/12.jpg"><img class="size-full wp-image-456" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/12.jpg" alt="Lehrerin Paula Paetzhold mit Nicolas und Eduardo. Das Deutsch-Wörterbuch bleibt während der gesamten Schulstunde unangetastet. (Bild: privat)" width="960" height="720" /></a><p class="wp-caption-text">Lehrerin Paula Paetzhold mit Nicolas und Eduardo. Das Deutsch-Wörterbuch bleibt während der gesamten Schulstunde unangetastet. (Bild: privat)</p></div>
<p><strong>Nina: </strong>Die WM passiert und die Stadien sind nicht voll. Der Stadionsprecher sagt uns nicht die korrekte Zahl der Personen, die im Stadien sind. Aber wir sehen im Fernsehen, dass die Stadien nicht voll sind. Die Tickets sind zu teuer. Ich möchte zu einem Spiel gehen, aber das geht nicht. In Südafrika gab es Tickets für Kinder, was sehr schön war. Das gab es hier nicht oder nur sehr wenig.</p>
<p><strong>Angelo:</strong> Aber es gibt viele öffentliche Schulen, die Tickets bekommen haben, zum Beispiel die meiner Mutter, die dort als Lehrerin arbeitet. Da konnten 20 Schüler im Stadion das Spiel Frankreich gegen Honduras sehen.</p>
<p><strong>Daniela:</strong> »Ich finde, dass die WM eine große und schöne Party ist. Hier in Brasilien kommen Leute zusammen, die ein gutes Gefühl von ihrem Land haben. Und die Probleme, die wir hier haben nichts mit der FIFA oder der WM zu tun, sondern mit der Regierung. Die sollte besser investieren in öffentliche Schulen und Krankenhäuser. Ich kenne viele Schüler, die es nicht so gut haben wie wir hier. Insgesamt denke ich, dass die WM eine sehr gute Möglichkeit ist für die Leute, solche Probleme zu reflektieren und mehr über das Land nachzudenken. Ich persönlich genieße es sehr, dass so viele Ausländer in der Stadt sind, Holländer, Argentinier, Franzosen, Deutsche, mit denen wir gemeinsam feiern können.«</p>
<div id="attachment_454" style="width: 970px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/9.jpg"><img class="size-full wp-image-454" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/9.jpg" alt="Für Daniela ist die WM ein Grund zum Nachdenken. Das schließe aber das Feiern mit den holländischen Fans nicht aus (Bild: privat)" width="960" height="720" /></a><p class="wp-caption-text">Für Daniela ist die WM ein Grund zum Nachdenken. Das schließe aber das Feiern mit den holländischen Fans nicht aus (Bild: privat)</p></div>
<p><strong>Nicolas:</strong> »Genau, ich habe zum Beispiel am Orange Square viele Holländer kennengelernt. Ich habe rausgefunden, dass Holländisch ein bisschen wie Deutsch ist. Auch die Nigerianer kennenzulernen war super, weil es eine komplett andere Kultur ist. Selbst die Argentinier, gegen die wir in Brasilien viele Vorurteile haben, sind nette Menschen und haben die Stadt nicht verwüstet, wie vorher befürchtet.«</p>
<p><strong>Matheus II.</strong>: »Trotz aller Probleme: Das Gefühl, wenn Brasilien ein Tor schießt und wir zusammen jubeln – das genieße ich am meisten!«</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_450" style="width: 970px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/2.jpg"><img class="size-full wp-image-450" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/2.jpg" alt="Die Gruppendiskussion im Klassenraum (Bild: privat)" width="960" height="720" /></a><p class="wp-caption-text">Die Gruppendiskussion im Klassenraum (Bild: privat)</p></div>
<p>Es klingelt zur Pause. Die Schüler haben jetzt Physikunterricht, verlassen den Klassenraum aber nur zögerlich. Sie könnten noch viel mehr über ihre WM-Erfahrungen berichten und über die Kontroversen diskutieren. Die WM ist ein Ereignis, das sich in der Erinnerung der heranwachsenden brasilianischen Generation fest verankern wird. Ein Ereignis, das viele Menschen schon in sehr jungen Jahren politisiert hat. Ob und wie sie das Land langfristig verändern wird, liegt in der Hand von Schülern wie Angelo, Nina oder Matheus.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=449</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Die FIFA macht so den Sport kaputt«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=439</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=439#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 03 Jul 2014 04:42:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[fußball:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Boykott]]></category>
		<category><![CDATA[Fanclub Nationalmannschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Fifa]]></category>
		<category><![CDATA[Monopol]]></category>
		<category><![CDATA[Verbote]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=439</guid>
		<description><![CDATA[Spätestens seit dem Spiel gegen Ghana stehen viele deutsche Fans in Brasilien mit der FIFA auf Kriegsfuß. Auch während des Achtelfinales gegen Algerien kam es wieder zu Konfrontationen mit FIFA-Ordnern. ecke:sócrates hat mit Tom Roeder, Gründer der Facebookseite »FIFA es...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Spätestens seit dem Spiel gegen Ghana stehen viele deutsche Fans in Brasilien <a href="http://www.fr-online.de/wm-2014-in-brasilien/deutschland---ghana--fifa-raus-,17059760,27568826.html">mit der FIFA auf Kriegsfuß</a>. Auch während des Achtelfinales gegen Algerien kam es wieder zu Konfrontationen mit FIFA-Ordnern. ecke:sócrates hat mit Tom Roeder, Gründer der Facebookseite »FIFA es reicht« über den Konflikt und seine bisherigen WM-Erfahrungen gesprochen.</em></p>
<p>(Porto Alegre)</p>
<p>Tom Roeder, 37, links im Bild, ist Fanclubbetreuer beim Fanclub Nationalmannschaft und dort für die »Sektion Rheinland« zuständig. Er betreut ehrenamtlich mehrere tausend Fans und organisiert Reisen zu jedem Länderspiel der Nationalelf. Bei den letzten fünf großen Turnieren war er selbst mit dabei.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Tom, du bist ehrenamtlicher Fanclubbetreuer. Wie viele Arbeitsstunden gehen dafür in deiner Freizeit drauf?</p>
<p><strong>Tom Roeder:</strong> In den letzten zwölf Monaten kamen da schon gut 1000 Arbeitsstunden zusammen, also hochgerechnet rund drei Stunden pro Tag. Das lag natürlich auch an der WM in Brasilien.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Du bist seit Anfang der WM in Brasilien: Wie gefällt dir das Land als Gastgeber bis jetzt?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Das Land ist schön, aber sehr arm. Das habe ich so nicht erwartet. Es ist vielfältig und interessant. Die Menschen sind freundlich.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Vor einigen Tagen hast du die Facebook-Seite <a href="https://www.facebook.com/FIFAesreicht?fref=ts">»FIFA es reicht</a>« gegründet: Was führte dazu?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Die Seite habe ich im Zuge der WM-Spiele erstellt, weil die FIFA mehr und mehr in Belange der Fans eingreift unter dem Sicherheitsaspekt Regeln erstellt, die übertrieben sind. Keine Fahnen im Stadion an der Bande. Keine Trommel oder andere landestypischen Gegenstände sind erlaubt. Die FIFA macht so den Sport kaputt. Jetzt versuche ich, so viele Follower wie möglich zu sammeln, um darauf aufmerksam zu machen und eventuell irgendwann auch Aktionen zu starten, die Probleme anzusprechen und hörbar zu machen.</p>
<div id="attachment_427" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_049.jpg"><img class="size-large wp-image-427" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_049-1024x578.jpg" alt="Deutscher Fan muss vor dem Stadion in Porto Alegre seine selbstgemalte Flagge (»Miro Klose - 16 Tore«) abgeben (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Deutscher Fan muss vor dem Stadion in Porto Alegre sein selbstgemaltes Banner (»Miro Klose &#8211; 16 Tore«) abgeben (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Was sind deine Hauptkritikpunkte an der Fifa allgemein und vor allem während der WM?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Während der WM ist es vor allem das Verbot der Trommeln und Fahnen. Aber auch, dass die FIFA rund um Stadien und Spielorte verbietet, dass nicht lizensierte Produkte verkauft werden. Seien es Getränke, Essen oder einfach kleine fliegende Händler. Die FIFA will das Monopol auf alles und verdient damit Geld. Geld, das dem jeweiligen Land zusteht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Am Freitag spielt die Nationalmannschaft im Maracanã-Stadio in Rio gegen Frankreich. So lange das Team im Turnier bleibt, bist auch du vor Ort. Welche Aktionen planst du noch für den Rest der WM?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Geplant sind noch diverse Ausflüge, um die Umgebung und das Land besser kennen zu lernen. Bezüglich der WM habe ich meine Reisegruppe aufgefordert, keine FIFA Produkte zu kaufen. Der Großteil der Gruppe fand diese Idee sehr gut.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=439</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Wie ein Mensch zweiter Klasse«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=405</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=405#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 Jun 2014 14:45:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Belo Horizonte]]></category>
		<category><![CDATA[Estádio Mineirão]]></category>
		<category><![CDATA[Sponsoren]]></category>
		<category><![CDATA[VIP-Loge]]></category>
		<category><![CDATA[Zwiespalt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=405</guid>
		<description><![CDATA[Seit Beginn der WM arbeitet Brenno als VIP-Betreuer im Stadion von Belo Horizonte. Er verachtet die realitätsferne Welt in den Logen, braucht aber andererseits dringend das Geld. Vom spieltäglichen Zwiespalt eines jungen Brasilianers. (Belo Horizonte) An Spieltagen steht Brenno schon...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Seit Beginn der WM arbeitet Brenno als VIP-Betreuer im Stadion von Belo Horizonte. Er verachtet die realitätsferne Welt in den Logen, braucht aber andererseits dringend das Geld. Vom spieltäglichen Zwiespalt eines jungen Brasilianers.</em></p>
<p>(Belo Horizonte)</p>
<p>An Spieltagen steht Brenno schon morgens um sechs Uhr auf. Noch schlaftrunken wirft er sich in seine Dienstkleidung, hängt sich das Namensschild um und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Stadion. Sein Job nennt sich »Match Venue Supervisor«. Sein Arbeitsort ist das Estádio Mineirão in Belo Horizonte. Seinen Arbeitgeber möchte Brenno, der eigentlich anders heißt, nicht nennen. Es ist ein multinationales Unternehmen, einer der Hauptsponsoren der WM 2014.</p>
<p>Brenno ist 23 und studiert Chemieingenieurswesen an der Uni in Belo Horizonte, die unweit des Stadions liegt. Als er 2007 davon erfahren hat, dass die WM in Brasilien stattfinden würde, war ihm klar, dass er Teil des Ganzen sein wollte. »Ich wollte mithelfen, dass dieses Event ein Erfolg wird, für unser Land und auch für alle Besucher. Sein Wunsch hat sich erfüllt. Allerdings nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hat. Wie bei vielen anderen Brasilianern hat sich sein Blick auf die WM in den letzten Wochen und Monaten gewandelt. »Dass ich einmal für einen der Hauptsponsoren arbeiten würde, hätte ich nicht gedacht.«, sagt er.</p>
<p>Was verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff des »Match Venue Managers«? »Mein Arbeitgeber fliegt zur WM eine Menge Leute ein. Das können Manager, Verwandte und Bekannte von hochrangigen Mitarbeitern oder Gewinnspielsieger sein. Sie wohnen in Hotels in Rio oder São Paulo und werden dann an Spieltagen zu den jeweiligen Spielorten geflogen. Meine Aufgabe ist es, sie vom Flughafen abzuholen und sie dann zu ihrer Lounge oder zu den Sitzen zu bringen. Ich bin danach den ganzen Tag für sie da, also eine Art Mädchen für alles.«</p>
<div id="attachment_408" style="width: 966px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/altAlN6fH64-OB-Tc36rSQp85RWQ6V42T1lxhR7NDmcQB9T.jpg"><img class="size-full wp-image-408" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/altAlN6fH64-OB-Tc36rSQp85RWQ6V42T1lxhR7NDmcQB9T.jpg" alt="Der Blick aufs Spielfeld aus der Loge heraus (Bild: privat)" width="956" height="244" /></a><p class="wp-caption-text">Der Blick aufs Spielfeld aus der Loge heraus (Bild: privat)</p></div>
<p>Letzte Woche stand Brenno kurz davor den Job hinzuschmeißen. Anders als bei den vorherigen Spielen, hatte er an diesem Tag in der Lounge Dienst, in der sich die Gäste mehrerer Sponsoren, aber auch die Inhaber teuer VIP-Tickets aufhielten. »Einige der anwesenden Gäste haben uns Mitarbeiter behandelt wie Menschen zweiter Klasse«, sagt er. Ein Mann zum Beispiel habe Brenno angeschrien und gerufen, er solle doch aus dem Weg gehen. Schließlich habe Brenno nicht für sein Ticket bezahlt, er selbst jedoch schon.</p>
<p>Wenig später trank Brenno mit einem Kollegen ein Glas Wasser und wurde daraufhin von einer Logen-Supervisorin zurechtgewiesen, das doch bitte zu unterlassen. Die Gäste könnten es schließlich sehen. »Wenn es mir als Mensch noch nicht einmal erlaubt ist vor anderen Menschen etwas zu trinken, zähle ich dann noch als gleichwertiger Mensch?«, fragt er sich. Die Atmosphäre in den Logen und VIP-Bereichen des Mineirão beschreibt er als unangenehm. Mehrmals schon habe er mitbekommen, dass junge Mitarbeiterinnen von Männern in den Logen belästigt wurden. Bei anzüglichen Worten sei es da seiner Aussage nach nicht geblieben.</p>
<p>All diese Vorfälle warfen Brennos Zweifel wieder auf, die er vor Beginn des Jobs schon gehabt hatte: »Die Menschen für die ich gerade arbeite, sind genau die Menschen, die meine Freunde und ich eigentlich verachten. Es sind zum einen die Sponsoren, die für diese elitäre Veranstaltung »WM« mitverantwortlich sind und zum anderen diejenigen privilegierten Brasilianer und Touristen, die die WM am Ende konsumieren.« Dann erzählt er von einem Video (siehe unten), das sich momentan in seinem Freundeskreis viral verbreitet und einige der Gäste in den Logen seiner Meinung nach treffend darstellt. Es macht ihn wütend.</p>
<p><iframe width="640" height="360" src="https://www.youtube.com/embed/0Zkp1C9ucrc?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Doch Brenno macht weiter. Es ist das Geld, das ihn seinen ersten Kündigungsimpuls unterdrücken lässt. Normalerweise gibt er neben dem Studium Nachhilfe und kommt damit gerade so über die Runden. Doch einen derart lukrativen Job wie seinen aktuellen hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht: »Ich müsste zweieinhalb Jahre arbeiten, um das Geld zu verdienen, was ich hier in einem Monat bekomme«, sagt er. »Ich mache nächstes Jahr meinen Abschluss und möchte danach ins Ausland. Ich muss an meine Zukunft denken.«</p>
<div id="attachment_410" style="width: 826px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/altAt7sYqZC1h5VqTB5fHeW5_om9feS3daxNsHI25fZK57y.jpg"><img class="size-full wp-image-410" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/altAt7sYqZC1h5VqTB5fHeW5_om9feS3daxNsHI25fZK57y.jpg" alt="Brennos Arbeitsplatz am Morgen vor dem Spiel England gegen Costa Rica (Bild: privat)" width="816" height="612" /></a><p class="wp-caption-text">Brennos Arbeitsplatz am Morgen vor dem Spiel England gegen Costa Rica (Bild: privat)</p></div>
<p>Mittlerweile hat er eine Strategie gefunden mit dem inneren Zwiespalt umzugehen: Eine Kombination aus Schönreden und Verdrängung: »Ich lerne in diesem Job ja eine ganz neue Perspektive kennen, sehe Dinge, die mir sonst verborgen geblieben wären. Über meinen Arbeitgeber kann ich mich nicht beklagen, er ist einer der besseren. Und außerdem bin ich hautnah bei einem Ereignis dabei, das momentan die ganze Welt bewegt und kann sogar in den Arbeitspausen die Spiele verfolgen.«</p>
<p>In Momenten, wie dem vor einer Woche, in denen selbst das Schönreden nicht hilft, schaltet er seinen Kopf aus. »Wenn ich viel darüber nachdenken würde, würde ich nicht mehr gut arbeiten. Ich habe meinem Arbeitgeber aber versprochen, mein Bestes zu geben und dazu stehe ich«, sagt er. »Ich weiß, dass diese Strategie nicht gut ist und es gibt Freunde, die mich dafür kritisieren. Aber sie funktioniert.«</p>
<p>Das Ende von Brennos WM-Abenteuer ist ohnehin in Sicht. Nur noch einmal, am 8. Juli, muss er die Fassade aufrechterhalten. Wie an jedem Spieltag wird er dann, am Tag des WM-Halbfinales, abends die Firmengäste zurück zum Flughafen bringen, sein Diensthemd aus der Hose ziehen und zurück zum Studentenwohnheim gehen. »Immer wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich wie in einer anderen Welt.« Er ist sich sicher, dass das die Welt ist, der er auch in Zukunft angehören möchte.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=405</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
