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	<title>ecke:sócrates &#187; fußball:ecke</title>
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	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
	<lastBuildDate>Tue, 16 Sep 2014 16:33:48 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Epilog: Die Geschichte von ecke:sócrates</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Sep 2014 07:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[fußball:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Brasilien]]></category>
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		<description><![CDATA[Die WM ist vorbei. Die Brasilien-Reise ist vorbei. Einer meiner permanenten Lebensinhalte der letzten 10 Monate hat sich in Luft aufgelöst. Es ging so schnell. Von einem Tag auf den nächsten war ich schon in einem neuen Kapitel meines Lebens...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die WM ist vorbei. Die Brasilien-Reise ist vorbei. Einer meiner permanenten Lebensinhalte der letzten 10 Monate hat sich in Luft aufgelöst. Es ging so schnell. Von einem Tag auf den nächsten war ich schon in einem neuen Kapitel meines Lebens angekommen, einem Praktikum in Buenos Aires. Doch irgendwo, in einer Ecke meines Hinterkopfes rumort es immer noch. ecke:sócrates hallt nach. Um also nicht nur physisch, sondern auch mental mit dem Projekt ecke:sócrates abzuschließen, habe ich mich dazu entschlossen, die ganze Geschichte noch einmal schriftlich Revue passieren zu lassen.</em></p>
<p>Es begann an einem dieser eisig kalten Leipziger Wintertage im Januar 2013. Als ich abends aus der Uni nach Hause komme, liegt ein Brief auf der Türschwelle meines WG-Zimmers. Er ist vom akademischen Auslandsamt und ich habe ihn schon seit Tagen erwartet. Nervös öffne ich ihn und schmeiße ihn direkt danach vor Freude in die Luft. Ich habe die Zusage für ein Auslandssemester in Argentinien im Frühjahr 2014.</p>
<p>Über ein Jahr lang hatte ich also Zeit, mich auf dieses besondere Semester vorzubereiten. Einen Gedanken hatte ich seitdem im Kopf: »Zur selben Zeit findet doch im Nachbarland Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Du musst da irgendwie hin.« Menschen, die mich kennen, wissen, dass der Fußball einen ziemlich großen Teil meines Lebens ausmacht. Die Idee, bei einer WM in Brasilien, im Land des Fußballs dabei zu sein, elektrisierte mich. Die Frage war bloß, wie. Geld, um nach Brasilien zu reisen, hatte ich keines. Das halbe Jahr in Argentinien würde schon teuer genug werden.</p>
<p>Dass dieser Traum nicht gleich zerplatzte lag schließlich daran, dass sich zu dieser Zeit eine weitere Entwicklung in meinem Leben abzeichnete: Ich machte die ersten Schritte im Journalismus. Ein Jahr lang hatte ich nun schon als Redakteur beim Leipziger Uni- und Lokalradio mephisto 97.6 mitgearbeitet. Jetzt, im Juni 2013, war ich mir sicher, dass ich diesen Weg weitergehen wollte, Journalist werden wollte.</p>
<p>Daher hatte ich auch schon entschieden, meine Semesterferien für ein dreimonatiges Praktikum beim Leipziger Stadtmagazin kreuzer einzutauschen. Im selben Monat brachen in Brasilien während des Confederations Cup die Massenproteste los, die die WM auch für Außenstehende auf einmal in einem anderen Licht erscheinen ließen. Ich hatte zuvor nicht viel mehr über Brasilien gewusst, als die gängigen Klischees. Fußball, Samba, Bikinis. Doch die sozialen Unruhen ließen mich aufhorchen. Bisher hatte ich die Weltmeisterschaften immer nur aus der fußballerischen Perspektive betrachtet. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir: Wenn ich nach Brasilien reisen würde, dann nicht als WM-Tourist.</p>
<p>Plötzlich lag die Idee so klar vor mir, als hätte es sie immer schon gegeben: Warum nicht meine Leidenschaften für den Fußball und den Journalismus mit einer Reise nach Brasilien verbinden. Den gesellschaftlichen Mehrwert wollte ich liefern, indem ich über Themen abseits des Fußballs berichten würde, zum Beispiel über die sozialen Unruhen im Land. Sportjournalisten gibt es sicher schon genug vor Ort.</p>
<p>Während meines ersten Praktikums im Print-Journalismus beim kreuzer, von August bis Oktober, arbeitete ich diese Grundidee immer weiter aus. Zu der Zeit schrieb ich meine ersten längeren Texte und Reportagen. Das machte so viel Spaß, dass ich auch mein Brasilien-Projekt in Textform realisieren wollte. Ursprünglich war ich von einem reinen Radio-Projekt ausgegangen. So oder so: Online sollte es sein. Gemeinsam mit zwei guten Freunden bastelte ich im Oktober und November an der Website und dem Logo des Projekts. Der Name stand zu der Zeit schon fest: »ecke:sócrates – Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien«. Er ist mir beim Laufen eingefallen. Die Geschichte des legendären brasilianischen Spielmachers, Demokraten und Kinderarztes Sócrates hatte mich schon länger fasziniert.</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/76755353" width="640" height="360" frameborder="0" title="Football Rebels - Socrates and the Corinthians&#039; Democracy" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p>Ich denke, gesellschaftskritischer Journalismus während der WM in Brasilien wäre in seinem Sinne gewesen. Daher wollte ich ihm dieses Projekt widmen. Die Ecke steht für eine einfache und zugleich komplexe Spielsituation im Fußball, in der alles passieren kann. Oder eben nichts. Das undurchsichtige Prinzip der Ecke lässt sich auch auf das Land Brasilien übertragen. Wie wirkt sich das Großevent WM 2014 letztendlich auf die brasilianische Gesellschaft aus? Kann das Land davon profitieren oder verpufft die Ecke im Nichts und übrig bleibt ein großer Scherbenhaufen?</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/83422223" width="640" height="350" frameborder="0" title="ecke:s&oacute;crates - Wof&uuml;r steht das?" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p>Im November und Dezember beschäftigte ich mich neben meinem Soziologie-Studium fast ausschließlich mit der Projektidee und mit Brasilien. Schon damals entschied ich: In mehr als vier Städte könnte ich nicht reisen, da ich mindestens eine Woche lang in jeder Stadt recherchieren wollte. Auch war klar, dass die Städte für brasilianische Verhältnisse nicht allzu weit voneinander entfernt liegen sollten. Nach Rücksprache mit Freunden, die schon in Brasilien gewesen waren, entschied ich mich für São Paulo, Belo Horizonte, Porto Alegre und Rio de Janeiro. Als ich dann Anfang Dezember die skurrile WM-Auslosung (ausgerichtet in einem brasilianischen Luxus-Ressort) per Livestream verfolgte, war ich zunächst enttäuscht: Die deutsche Mannschaft würde leider all ihre Vorrundenspiele im Norden Brasiliens und damit außerhalb meiner Reichweite bestreiten. Da brach dann doch wieder der Fußballfan in mir durch. Immerhin konnte ich meinen Reiseplan noch so zurechtbiegen, dass falls das Team Gruppenerster werden sollte, es mir vielleicht in Porto Alegre über den Weg laufen würde.</p>
<p>Übrigens, was mir im Nachhinein verrückt vorkommt: All das plante ich schon, als noch nicht einmal sicher war, wie und ob ich das Projekt überhaupt finanzieren könnte. Im Endeffekt war aber genau das, nämlich eine ausgereifte und konkrete Projekt-Vorstellung zu haben, für meinen späteren Finanzierungsweg ein großer Vorteil: Viel hatte ich zuletzt von journalistischen Crowdfunding-Kampagnen gehört und je mehr ich drüber nachdachte, desto attraktiver schien mir diese Lösung. Denn welcher Verlag, welche Zeitung, welches Radio bezahlt einen zwar hypermotivierten, aber doch ziemlich unerfahrenen Nachwuchsjournalisten dafür, sechs Wochen lang auf eigene Faust in Brasilien auf Recherche-Reise zu gehen?</p>
<p>Und so musste ich mich mit der Idee anfreunden, mein erstes eigenes Video zu drehen. Eine Grundvoraussetzung beim Crowdfunding und vielleicht der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Kampagne. Das Video lag mir schwer im Magen, da ich in diesem Bereich keine Vorerfahrung hatte. Aber ich musste es wohl oder übel jetzt, Mitte Dezember drehen, da mein Zeitplan eng bemessen war. Im Januar wollte ich die einmonatige Crowdfunding-Kampagne starten, da Anfang Februar schon mein Flug nach Argentinien gehen würde. Und für solch eine Kampagne ist es ratsam, zumindest im selben Land wie die potenziellen Unterstützer zu sein.</p>
<p>An einem kalten Dezembertag kurz vor Weihnachten drehte ich schließlich gemeinsam mit meiner Freundin und einem filmerprobten Kollegen in einem Hamburger Park das Video. Ohne die kompetente Hilfe der Beiden wäre das niemals möglich gewesen. Für ein letztendlich vierminütiges Video drehten wir rund acht Stunden und kurz nachdem die letzte Szene im Kasten war, machte der Akku der Kamera schlapp. Punktlandung. Wie oft ich mich an diesem Tag verhaspelt habe? Ich weiß es nicht mehr. Aber als ich an dem Abend hundemüde einschlief, hoffte ich nur, dass genug brauchbare Szenen im Kasten waren.</p>
<p>Über die Weihnachtstage und Neujahr konnte ich mich davon dann höchstpersönlich überzeugen. Das Schneiden des Videos kostete mich viel Zeit und auch einige Nerven. Ich hatte mir die Deadline 8. Januar gesetzt. An dem Tag, meinem Geburtstag, wollte ich mit dem Crowdfunding online gehen. Den Geburtstagstrubel im blauen sozialen Netzwerk Nummer Eins konnte ich mir nicht entgehen lassen, so der Plan. Doch als das Video fast fertig geschnitten war und ich mich schon auf der Zielgeraden wähnte, passierte das Unglaubliche. Durch eine unglückliche Verkettung von Malheuren gab am 3. Januar der Bildschirm meines Laptops seinen Geist auf. Und ich hatte weder die Videodatei gespeichert, noch das Schnittprogramm auf einem anderen Rechner zur Verfügung.</p>
<p>So schnell wie möglich brachte ich den Laptop in die Reparatur, musste jedoch ein ganzes Wochenende ausharren. Mir waren die Hände gebunden &#8211; und daran war ich auch noch selbst schuld. Die Deadline wackelte, aber sie fiel nicht. Zwei Tage vorher hatte ich meinen Laptop wieder, konnte das Video in einer Nacht- und Nebelaktion fertigstellen und das Projekt schließlich bei krautreporter.de, der Plattform für unabhängigen Journalismus einreichen. Dort wurde es freundlicherweise innerhalb eines Tages geprüft und freigegeben, sodass ecke:sócrates tatsächlich am Morgen meines Geburtstages online gehen konnte.</p>
<p><iframe src="//player.vimeo.com/video/83482332" width="640" height="350" frameborder="0" title="ecke:s&oacute;crates - Projektvorstellung" webkitallowfullscreen mozallowfullscreen allowfullscreen></iframe></p>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot-1.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-563" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot-1.jpg" alt="Screenshot 1" width="455" height="371" /></a></p>
<p>Die erste Vorlesung an diesem Tag ließ ich sausen, da ich zu nicht viel mehr in der Lage war, als gebannt auf meinen Laptop starren und jede (nicht nur monetäre) Reaktion auf das Projekt in Echtzeit zu verfolgen. Die Zahl der Klicks auf den Aktualisierungsbutton an diesem Morgen deckte sich in etwa mit der Zahl meiner Atemzüge. 2200 Euro hatte ich als Finanzierungsziel ausgegeben und je mehr ich in diesen Stunden darüber nachdachte, desto wahnwitziger kam mir diese Summe vor. Wie sollte ich bloß so viel Geld zusammenbekommen?</p>
<p>So überzeugt ich von der Projektidee auch war, ich war mir in diesem Moment unsicher, dass sie auch genügend andere Menschen überzeugen würde. Was mir ebenfalls zu schaffen machte: Zuvor hatte ich nur meinen engen Freunden und meiner Familie von dem Projekt erzählt, aber jetzt hatte ich mich der Öffentlichkeit gestellt. Hielt im wahrsten Sinne des Wortes mein Gesicht dafür in die Kamera. Wenn die Kampagne Erfolg haben sollte, würde ich jetzt jeden einzelnen Tag die Werbetrommel rühren müssen. Leute ansprechen, anschreiben, anrufen. Alle meine Netzwerke auf das Projekt aufmerksam machen. 2200 Euro in 30 Tagen. Wie beim Crowdfunding üblich galt das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Käme nur ein Euro weniger zusammen, wäre das Projekt gescheitert.</p>
<p>Als am Abend dieses bewegenden Geburtstages aber schon rund 160 Euro auf dem virtuellen Konto erschienen waren, waren die pessimistischen Gefühle vom Morgen wie weggeblasen. Zumal ich viele positive Rückmeldungen zur Projektidee bekam. Diese zwei Gefühle zogen sich übrigens durch die gesamte Crowdfundingphase. Immer, wenn ein neuer Unterstützer hinzukam, dachte ich: »Eigentlich müsstest du das doch locker schaffen.« Aber sobald die Seite mal mehr als einen halben Tag keine Bewegung verzeichnete, dachte ich ans Scheitern.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Krötenwanderung: Noch 600 Kröten to go&#8230; <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> Das passende Update dazu gibt&#39;s auf krautreporter.de <a href="https://t.co/UX9lCDRqqp">https://t.co/UX9lCDRqqp</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/426676717860573184">January 24, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Der Crowdfunding-Monat verlief wie im Rausch. Ich hatte meine Augen und Ohren überall, nur nicht in den Uni-Büchern. Die drei Klausuren Anfang Februar ließen sich allerdings mit keiner noch so raffinierten Kampagne verschieben. Trotzdem mussten die Bücher auf mich warten. Bis dahin waren zu viele andere Dinge zu tun. Neben dem Werben um Unterstützer, musste ich ecke:sócrates ja auch inhaltlich vorantreiben. Seit Wochen schon sog ich alle Informationen, die ich über Brasilien und die WM bekommen konnte auf, speicherte Zeitungsartikel, schrieb mögliche Informanten an, sprach mit Leuten, die schon einmal in Brasilien waren.</p>
<p>Im November schon hatte ich meinen ersten Interviewpartner gefunden: Luiz Ruffato, einen bekannten brasilianischen Schriftsteller, der bei der Frankfurter Buchmesse 2013 die Eröffnungsrede gehalten hatte und kurz zuvor eine Anthologie mit brasilianischen Fußballgeschichten herausgegeben hatte. Ihn traf ich bei einer Lesung in Leipzig und sprach mit ihm über das Verhältnis von Literatur und Fußball, die Eigenheiten der brasilianischen Gesellschaft und über seine Sichtweise der WM. Das <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=159">Interview</a></strong> mit ihm war die erste Veröffentlichung bei ecke:sócrates und sollte möglichen Unterstützern einen Vorgeschmack liefern.</p>
<p>Außerdem traf ich im Januar auf einem Vortrag in Dresden den ehemaligen SPD-Politiker Johannes Gerlach, der seit mehreren Jahren in Brasilien lebt und die politischen Verhältnisse vor Ort genau kennt. Auch mit ihm führte ich ein längeres <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=182">Interview</a></strong> über die politisch und sozial instabile Situation Brasiliens vor der WM und der Präsidentschaftswahl 2014.</p>
<p>Zuletzt wurde ich durch einen Zufall auf Dr. Bernd Bauchspieß aufmerksam, einen 74-Jährigen Orthopäden und ehemaligen Leipziger Fußballstar. Er hatte 1964 im bei einer Reise mit der DDR-Olympiaauswahl im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro vor 140.000 Zuschauern ein Tor erzielt. Zweimal traf ich ihn in seinem Keller voller Erinnerungen zum <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=272">Interview</a></strong>. Er hatte nicht nur äußerst spannende und pointierte Geschichten aus Brasilien, sondern auch viele brisante Anekdoten aus der Zeit des DDR-Fußballs zu erzählen. Einen ersten Kooperationspartner hatte ich mit dem Radiosender <a href="http://detektor.fm/kultur/crowdfunding-eckesocrates-soll-ein-hintergrund-journal-zur-fussball-wm-werd"><strong>detektor.fm</strong></a> aus Leipzig nach mehreren guten Gesprächen auch schon an Bord. Wenn alles klappen sollte, würde ich im Sommer im Zuge des Projekts auch für detektor.fm aus Brasilien berichten.</p>
<p>Und diese Vision wurde immer konkreter, denn unterdessen lief das Crowdfunding wie am Schnürchen. Die berühmt-berüchtigte Talsohle gegen Mitte des Projekts blieb ecke:sócrates glücklicherweise erspart und so wurde ich von Tag zu Tag zuversichtlicher, dass es tatsächlich gelingen würde. Am 30. Januar war es schließlich so weit. Die 2200-Euro Marke war dank über 80 Unterstützern rund eine Woche vor Ablauf der Frist geknackt. Und ich überglücklich. Ich würde im Sommer tatsächlich als Reporter nach Brasilien reisen.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Da ist das Ding!!! <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a>: <a href="https://twitter.com/hashtag/eckesocrates?src=hash">#eckesocrates</a> ist am Start!!! Großer Dank an alle Unterstützer! <a href="https://twitter.com/krautreporter">@krautreporter</a> <a href="https://twitter.com/detektorfm">@detektorfm</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/428835905625804801">January 30, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Bis hierhin hatte sich die Arbeit also gelohnt und ich hatte immer noch ein wenig Zeit mich auf die Klausuren und meine Reise nach Argentinien vorzubereiten.</p>
<p>Einziger Wehrmutstropfen: Genau einen Tag nach Ablauf meines Projekts, erschien bei krautreporter.de ein weiteres Projekt eines freien Journalisten, der ebenfalls während der WM nach Brasilien reisen wollte. Als ich es anklickte, traute ich meinen Augen nicht: Der Mann kam nicht nur aus Leipzig, sondern ich hatte ihn zufälligerweise zwei Wochen zuvor kennengelernt und mich sogar einmal länger mit ihm unterhalten. Natürlich hauptsächlich über das Brasilien-Projekt, an dem er als Sportjournalist Interesse zeigte. Dass er jetzt direkt nach meinem Crowdfunding auf der derselben Plattform ein Projekt mit sehr ähnlichem Ansatz startete, ließ bei mir nur zwei Schlussfolgerungen zu:</p>
<p>Entweder er hat die Grundidee von mir übernommen oder er plante sein Projekt ebenfalls schon seit längerem und zog es vor, das in unserem ausgiebigen Gespräch über Brasilien nicht zu erwähnen. Beides finde ich persönlich sehr bitter. Was noch hinzukommt und eher für die erstere Erklärung spricht war, dass er einige Formulierungen und Crowdfunding-Prämien eins zu eins aus meiner Projektbeschreibung übernommen zu haben schien.</p>
<p>Ich bin noch nicht lange in der Journalismus-Branche tätig, daher wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, wie ich das einordnen sollte. Sind solche Aktionen gang und gäbe? Sollte man sich nicht so anstellen? Schließlich geht es hier nicht um ein ausgeklügeltes Patent für eine millionenschwere Erfindung, sondern „nur“ um eine Projektidee, die jeder Journalist hätte haben können. Trotzdem: Unter kollegialer Zusammenarbeit stelle ich mir etwas gänzlich anderes vor. Hätte er sein Vorhaben offen kommuniziert, hätte ich zum Beispiel nichts dagegen gehabt an mancher Stelle zu kooperieren oder sich gegenseitig zu ergänzen. Zumal wir auch noch für denselben Radiosender arbeiten.</p>
<p>Einen faden Beigeschmack hatte ich leider auch beim zweiten in dieser Sache involvierten Akteur: <a href="https://krautreporter.de/das-magazin">Krautreporter.de</a>. Ich war bisher mit der Unterstützung dieser Crowdfunding-Plattform hochzufrieden gewesen und unterstütze das auch heute noch das neue Projekt der Krautreporter, da ich von der Kernidee überzeugt bin. Aber es zeugt meiner Meinung nach leider von wenig Fingerspitzengefühl, zwei so ähnliche journalistische Projekte direkt nebeneinander und kurz nacheinander auf seiner Plattform zu veröffentlichen, ohne das zumindest zu kommentieren.</p>
<p>Wie dem auch sei, ich hatte zu dem Zeitpunkt weder die Lust, noch die Zeit mich dieser Angelegenheit weiter zu widmen. Letztlich beschloss ich, derartige Vorfälle auszublenden und mich voll und ganz auf den Erfolg des Projekts ecke:sócrates zu konzentrieren. Darüber hinaus hatte ich noch drei Klausuren innerhalb von fünf Tagen zu schreiben und zwei Tage nach der letzten Klausur ging mein Flieger nach Argentinien.</p>
<p>Auf nach Südamerika! Ein Kontinent, der für mich bis jetzt nicht mehr als eine unbeschriebene Seite in meinem Tagebuch war. Bereits den ersten Zwischenstopp auf dem Weg nach Mendoza, Argentinien verbuchte ich als gutes Omen: São Paulo.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Die ecke schonmal auf Zwischenstation in São Paulo. Im Juni gehts weiter! <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasilien?src=hash">#Brasilien</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/richtigbock?src=hash">#richtigbock</a> <a href="http://t.co/UNgY8PMrnn">pic.twitter.com/UNgY8PMrnn</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/434607422737362945">February 15, 2014</a></p></blockquote>
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<p>Brasilianisch ging es auch im Flugzeug zu: Ich saß inmitten einer Gruppe von 17-jährigen Schülern aus Porto Alegre, die von einem Deutschland-Austausch zurückkehrten. Mit meinem Sitznachbarn, Angelo, verstand ich mich ausgezeichnet. Ich erzählte ihm von ecke:sócrates und er brachte mir die ersten Brocken Portugiesisch bei. Am Ende lud er mich sogar während der WM zu seiner Familie nach Porto Alegre ein. Ein gelungener Start.</p>
<p>Die nächsten viereinhalb Monate verbrachte ich in Mendoza, einer idyllischen argentinischen Stadt, gelegen am Fuße der Anden und überregional bekannt als Weinhauptstadt. Dort führte ich eine Art »Doppelleben«: Einerseits studierte ich an der Uni, verbesserte mein Spanisch und genoss die Freuden des Auslandssemesters. Andererseits bereitete ich mich nebenbei intensiv auf die Zeit in Brasilien vor. Es gab viel zu tun: Ich musste die Flüge buchen, Unterkünfte organisieren, Kontakte knüpfen (so führte ich zum Beispiel ein ausführliches und sehr hilfreiches Gespräch mit <strong><a href="https://twitter.com/steffifetz">Steffi Fetz</a> </strong>und <a href="https://twitter.com/weltanschauer"><strong>Lisa Altmeier</strong></a> von <a href="https://twitter.com/crowdspondent"><strong>Crowdspondent</strong></a>, die ein Jahr zuvor ebenfalls als Reporterinnen durch Brasilien gereist waren), die in Deutschland geführten Interviews verarbeiten, Portugiesisch lernen, Themen vorrecherchieren, Flyer und Visitenkarten entwerfen, Facebook und Twitter auf Vordermann bringen…</p>
<p>Zumindest dachte ich, dass ich das alles musste. In der Zeit in Mendoza merkte ich zum ersten Mal, wie eng ich persönlich schon mit dem Projekt ecke:sócrates verbunden war. Das ging so weit, dass ich manchmal samstagsabends, während die anderen Studenten ausgelassen feierten, früher nach Hause ging. Eigentlich nicht meine Art. Aber ich hatte mir vorgenommen, den Sonntag am Projekt weiterzuarbeiten. Im Nachhinein denke ich, dass mir während der Zeit in Mendoza ein bisschen weniger Verbissenheit gutgetan hätte. Ich wollte alles akribisch durchplanen, nichts dem Zufall überlassen. Zu dem Zeitpunkt kannte ich jedoch Brasilien noch nicht und wusste auch nicht, dass gerade die Zufälle und Unwägbarkeiten den Reiz dieses Landes ausmachen. Das Projekt hätte auch mit etwas weniger Vorbereitungszeit funktioniert. Mit einer Ausnahme: Die Entscheidung in Mendoza einen Portugiesisch-Kurs zu besuchen, war mit Abstand die Beste und Wichtigste. Sich in Brasilien allein mit Spanisch und Englisch durchzuschlagen, ist zwar irgendwie möglich, aber vor allem als Journalist keine gute Idee. Ich hörte zuvor, dass in keinem anderen Land der Welt die Menschen so dankbar sind, wenn man als Ausländer ihre Sprache spricht und kann das nur bestätigen.</p>
<p>Auch inhaltlich gab es Fortschritte. Ich lernte in Mendoza viele brasilianische Austauschstudenten und mit einigen von ihnen war ich gut befreundet. Auf einer Wanderung in den Anden erzählte mir mein Freund André aus Maringa in der Provinz São Paulo, dass er als Kind tatsächlich einmal den Namenspaten meines Projekts, Sócrates, getroffen habe. Also führte ich ein <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=194"><strong>Interview</strong></a> mit ihm über diese Begegnung und darüber, wie Sócrates, der Revoluzzer, diese umstrittene WM in seinem Heimatland interpretiert hätte.</p>
<p>Außerdem interessierte mich die Perspektive der brasilianischen Austauschstudenten, die ja durch dieses Semester in Argentinien die Fußball-WM im eigenen Land verpassen würden. Eine Vorstellung, die für mich 2006 einem Albtraum geglichen hätte. Ich bekam in ihrer Deutlichkeit überraschende <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=232">Antworten</a>. </strong></p>
<p>Eine brasilianische Freundin brachte mich bei der Gelegenheit auf eine weitere Idee: Sie fand es schade, dass die Texte bei ecke:sócrates nur auf Deutsch erscheinen würden. Sicher würden auch Brasilianer sich dafür interessieren. Also bot sie mir an, einige Texte zu übersetzen. Ich gründete daraufhin die Rubrik <a href="http://www.eckesocrates.de/?cat=14"><strong>internationale:ecke</strong></a>. Dort sind im Verlauf des Projekts dank der Übersetzungshilfe weiterer Freunde insgesamt fünf Texte auf Portugiesisch und Englisch erschienen.</p>
<p>Der WM-Start im Juni rückte mit großen Schritten näher und die Negativ-Meldungen aus Brasilien häuften sich: Tote beim Stadienbau, Angst vor hoher Kriminalität, Umsiedlungen in den Favelas, Verkehrschaos, unfertige Stadien, Polizeistreiks, Plünderungen und Gewalt gegen friedliche Protestanten. Es glich dem Sammelsurium von blauen Briefen, die früher zur Halbzeit des Schuljahres auf dem Lehrerpult lagen: Brasilien schien seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Ich las alles aus allen Quellen, die mir zugänglich waren und unterhielt mich mit vielen Brasilianern in Mendoza.</p>
<p>Doch trotz dieser Informationsflut kam ich mir unwissend vor. Irgendwann Ende Mai war ich des ewigen Analysierens des Unbekannten überdrüssig. Ich wollte nur noch nach Brasilien, mir selbst ein Bild machen. Und ich hatte trotz aller Bedenken auch große Lust auf den fußballerischen Teil der WM. Gemeinsam mit einem Kollegen schrieb ich daher für das Online-Magazin <a href="http://juiced.de/"><strong>JUICED</strong></a> einen Artikel, in dem wir die deutsche Weltmeister-Mannschaft 1990 mit dem aktuellen Kader 2014 verglichen und <a href="http://juiced.de/20459/poldi-ist-der-neue-litti/"><strong>verblüffende Gemeinsamkeiten fanden</strong></a>. Die Prognose lautete daher nicht von ungefähr: Deutschland wird Weltmeister. Naja, prognostizieren kann man viel. Wirklich daran geglaubt habe ich trotz der überzeugenden Faktenlage dieses Artikels nicht, muss ich zugeben.</p>
<p>Dann, am 5. Juni war es endlich soweit: Ich brach auf nach Brasilien. São Paulo war der erste Ort meiner Reise. Als ich gegen drei Uhr nachts dort am Flughafen ankam, war mein Gepäck leider noch nicht vor Ort. Dafür aber ein ehemaliger Arbeitskollege, der mich netterweise abholte. Und ein Panzer.</p>
<div id="attachment_569" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140606_003.jpg"><img class="size-large wp-image-569" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140606_003-1024x578.jpg" alt="Nette Begrüßung (Bild: T. Zwior" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Nette Begrüßung (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Es war ein holpriger Start in Brasilien, zumal ich mir anscheinend am letzten Abend in Mendoza noch eine ordentliche Erkältung eingefangen hatte, ganze vier Tage brauchte, um eine funktionierende Handykarte zu kaufen und zwangsweise die ersten sechs Tage in den gleichen Klamotten herumlaufen musste. Einen Tag vor Beginn der WM, nach unzähligen Telefonaten mit dem Flughafenpersonal, traf er dann ein, mein Rucksack.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Hupkonzert in <a href="https://twitter.com/hashtag/Saopaulo?src=hash">#Saopaulo</a> und nach 6 Tagen ist endlich das Gepäck da. Jetzt gehts los <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/Brasil?src=hash">#Brasil</a> <a href="http://t.co/uIbNkMHyxE">pic.twitter.com/uIbNkMHyxE</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/477121380014899200">June 12, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Knapp zwei Wochen verbrachte ich in São Paulo. Untergekommen war ich in der Wohnung eines ehemaligen Arbeitskollegen. Zu Anfang hatte ich das Glück, meinen Leipziger Kollegen <a href="https://twitter.com/johnhennig20"><strong>John Hennig </strong></a>wiederzutreffen. Mit ihm ging ich die ersten Recherchen gemeinsam an. So trafen wir zum Beispiel den brasilianischen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=469"><strong>Straßenfußball-Fotografen und »Fixer« Caio Vilela zum Interview</strong></a>. Vilela nahm uns am nächsten Tag mit zu einem brasilianischen Jungen, Vinicius, der in der Nähe des WM-Stadions von São Paulo gewohnt hatte und dessen Familie im Zuge der WM umgesiedelt wurde. Auch Andrew Aris, der Gründer des Sozialprojekts <a href="http://spirit-of-football.de/"><strong>Spirit of Football</strong></a> war mit von der Partie. Wir spielten gemeinsam mit ihm, Vinicius und ein paar Freunden Fußball. Und bekamen einen ersten Einblick ins brasilianische Familienleben, da Vinicius‘ Mutter uns zum Kaffee einlud.</p>
<div id="attachment_570" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140608_018.jpg"><img class="size-large wp-image-570" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140608_018-1024x578.jpg" alt="Teamfoto (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Teamfoto (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Anschließend sahen John und ich uns noch im Hotel der FIFA um, das nur fünf Minuten von unserem Wohnort gelegen war. Die widersprüchlichen Erlebnisse dieses Tages habe ich in der ersten <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=289"><strong>Reportage</strong></a> verarbeitet. Außerdem waren John und ich am nächsten Tag im Radio, bei <a href="http://detektor.fm/"><strong>detektor.fm</strong></a> in der neuen Sendung »Doppelstunde Sport«, <strong><a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/1-korrespondenten-gesprach-aus-sao-paulo-detektorfm">zu hören</a>. </strong>Dort berichten wir ausführlich über unsere ersten Tage in der Mega-Metropole São Paulo und die letzten Tage vor WM-Start.</p>
<p>Am Donnerstag, den 12. Juni, rollte schließlich in der Corinthians Arena der erste Ball der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Brasilien gegen Kroatien. Und ich war live dabei. Zumindest vor dem Stadion.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Itaquera. <a href="https://twitter.com/hashtag/wm2014?src=hash">#wm2014</a> <a href="http://t.co/WvKBF2yNQG">pic.twitter.com/WvKBF2yNQG</a></p>
<p>&mdash; Tobias Zwior (@tzwior) <a href="https://twitter.com/tzwior/status/477178831493951488">June 12, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Gemeinsam mit zwei guten Freunden, die während der WM für die NGO <strong><a href="http://www.footballbeyondborders.org/">Football Beyond Borders</a></strong> arbeiteten und unter anderem in Salvador einen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=346"><strong>Favela World Cup</strong></a> organisierten, saugte ich die Stimmung rund um die Arena auf. Das Spiel selbst verfolgten wir aber im erstbesten Fast-Food-Restaurant, das wir in der Nähe des Stadions fanden. Wir verpassten zwar die Nationalhymnen, nicht aber das erste Tor. Das Eigentor von Marcelo legte sich wie ein Schatten über die Gemüter der in unserer »Kaschemme« anwesenden Brasilianer. Am Ende hatte Brasilien jedoch dank einer zweifelhaften Aktion von Fred und Neymar zur Erleichterung aller das Spiel gedreht. 3:1. Wir machten uns auf ins Nachtleben von Sao Paulo, wo ich noch das ein oder andere inoffizielle Interview führen konnte. Über die Ereignisse dieses Tages schrieb ich eine zweite <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=312"><strong>Reportage</strong></a> und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/2-korrespondenten-gesprach-aus-sao-paulo-detektorfm"><strong>berichtete auch für detektor.fm</strong></a>.</p>
<p>Insgesamt war die Zeit in São Paulo geprägt von der Einstellung auf eine komplett neue Situation: Ich war jetzt offiziell 24 Stunden am Tag für ecke:sócrates im Einsatz. Doch wie sollte ich mir die Zeit am besten einteilen? Ich wollte am liebsten den ganzen Tag in der Stadt unterwegs sein, auf der Suche nach Geschichten und neuen Erfahrungen. Aber wann sollte ich diese dann niederschreiben? Ich konnte doch nicht drinnen am Schreibtisch sitzen, während draußen die WM und die Stadt São Paulo pulsierten. Ein Dilemma, das sicher viele Auslandskorrespondenten bei Großereignissen kennen. Mir war es neu. Letztendlich gelang es mir, einige Nächte und sogar einen ganzen Tag zum Schreiben freizuräumen. Denn ich merkte, dass ich das nicht einfach zwischen Tür und Angel erledigen konnte. Was ich auch merkte war, dass ich viel zu viele Themenideen hatte, die ich rein zeitlich leider gar nicht alle verwirklichen konnte.</p>
<p>Ebenfalls neu für mich waren die Anfragen anderer Medien. So erhielt ich in den ersten Tagen zwei finanziell reizvolle Angebote: Für das eine sollte ich im Rahmen einer PR-Kampagne täglich bunte Meldungen aus Brasilien bei Facebook veröffentlichen. Das andere Angebot kam von einer Lokalzeitung, die jeden Tag einen Text mit Foto über das Drumherum der WM haben wollte. Beide lehnte ich nach reiflicher Überlegung ab, da sie das Projekt ecke:sócrates hätten verwässern können. Meine Grundfinanzierung war ja durch das Crowdfunding gesichert und ich hätte mich durch Annahme dieser Nebenverdienste erheblich in meiner Freiheit eingeschränkt. Auch im Nachhinein erachte ich diese Entscheidung noch als richtig.</p>
<p>In São Paulo entstanden noch zwei weitere Texte. Zum einen ein längeres <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=331"><strong>Interview</strong></a> mit dem bekannten Politikwissenschaftler, Blogger und Journalisten <strong><a href="https://twitter.com/blogdosakamoto">Leonardo Sakamoto</a></strong>, für das ich zuvor einige Hebel in Bewegung gesetzt hatte. Sakamoto hatte den Thinktank <strong><a href="http://reporterbrasil.org.br/">Reporter Brasil</a></strong> mitgegründet, der sich vor allem mit Menschenrechts- und Umweltfragen auseinandersetzt und das Großereignis WM wissenschaftlich fundiert analysiert hat.</p>
<p>Übrigens: Erst hatte Sakamoto mir signalisiert, er habe nur wenig Zeit. Dann wurde das Interview aber doch so lang, dass ich beinahe den Anpfiff des ersten Deutschland-Spiels gegen Portugal verpasst hätte. Das 4:0 war ein Einstand nach Maß. Thomas Müller, dieser Fuchs, hatte mal wieder alles richtig gemacht…</p>
<p>Zum anderen traf ich in der Nähe meiner Wohnung den Straßenhändler Lourival, der sehr krank ist und die WM verflucht. Trotzdem verkaufte er tagein tagaus seine brasilianischen Fanartikel. Das Gespräch mit ihm hat mich sehr bewegt, weshalb ich ihn <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=324"><strong>porträtiert habe</strong></a>.</p>
<p>Nach einem weiteren <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/3-korrespondentengesprach-aus-sao-paulo-mephisto-976"><strong>Korrespondenten-Gespräch</strong></a>, diesmal mit Radio <a href="http://mephisto976.de/"><strong>mephisto 97.6</strong></a>, ging es am Tag des zweiten Vorrundenspiels Brasiliens gegen Mexiko (0:0) weiter zu meiner zweiten Station: Belo Horizonte. Die Hauptstadt des Bundestaates Minas Gerais war mit insgesamt sechs WM-Spielen einer der gefragtesten Spielorte, galt aber auch als Protest-Hochburg.</p>
<p>Eine argentinische Freundin aus Mendoza hatte mir zuvor den Kontakt zu João hergestellt. João studiert in Belo Horizonte und wohnt in einer 8er WG in der Nähe des WM-Stadions. Bei ihm konnte ich eine Woche lang übernachten, was sich als Glücksgriff entpuppte. João und seine Freunde waren sehr engagiert in der Anti-WM-Bewegung, auf deren Spuren ich mich sowieso begeben wollte. So entstand eine weitere <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=366">Reportage</a>, </strong>über die erfolglosen Bemühungen der Studenten, die Proteste aus der Vorjahr wieder von Neuem zu entfachen.</p>
<p>Das Leben in der 8er-WG genoss ich sehr. Fast jeden Abend aßen und tranken wir gemeinsam und es wurde viel gesungen und musiziert. So konnte ich eine weitere Idee verwirklichen, auf die mich ein Freund gebracht hatte: Als neues Element von eckes:sócrates erstellte ich die Youtube-Playlist »Musica da Copa«. Die Idee dahinter: Jeder Brasilianer, den ich auf meiner Reise treffe würde, könnte mir sein Lieblingslied nennen und ich würde es mit in die Playlist aufnehmen. So entstand in den nächsten Wochen ein individueller <a href="http://www.eckesocrates.de/?page_id=461"><strong>ecke:sócrates-WM-2014-Soundtrack</strong></a>.</p>
<p>Außerdem stieß ich in Belo Horizonte auf zwei weitere spannende Geschichten: Ich schrieb über ein Restaurant in Stadionnähe, das wegen einer willkürlich abgesperrten Straße während des Spiels Argentinien gegen den Iran, <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=390"><strong>den Umsatz des Jahres verpasst hatte</strong></a>. Und über den Zwiespalt eines jungen Mannes, der für das Gehalt seines Lebens während der WM als VIP-Betreuer im Stadion arbeitete, <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=405"><strong>diese Scheinwelt aber gleichzeitig aufs Tiefste verabscheute</strong></a>.</p>
<p>In Belo Horizonte ging ich oft spät zu Bett und stand sehr früh wieder auf, um an verschiedenen Tagen Radio-Interviews zu führen. Während meine Mitbewohner in ihrem Zimmern noch tief und fest schlummerten, sprach ich im Wohnzimmer mit den Redaktionen von <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/5-korrespondentengespr-ch-belo"><strong>detektor.fm</strong></a>, <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/6-korrespondentengesprach-belo-horizonte-mephisto-976"><strong>mephisto 97.6</strong></a> und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/4-korrespondentengespr-ch-belo"><strong>MDR Sputnik </strong></a>über meine jüngsten Erlebnisse in Brasilien.</p>
<p>Die Zeit in Belo Horizonte zeigte mir insgesamt einige Schattenseiten der WM auf, die sich auch in den Texten widerspiegeln. Bei den Studenten herrschte doch, sobald das Thema WM auf den Tisch kam, eine entweder gedrückte oder oftmals wütende Stimmung. Für die Spiele interessierte sich dort erst recht keiner, sodass ich mich anpasste und fast jedes Spiel sausen ließ. Einen Fernseher gab es in der WG ohnehin nicht. Ein <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=484">konflikttheoretischer Essay </a></strong>von João, den ich ebenfalls bei ecke:sócrates veröffentlichte, gibt einen weiteren Einblick in die verzwickte Situation in Belo Horizonte.</p>
<p>Das zweite Deutschland-Spiel gegen Ghana konnte ich mir trotz allem nicht entgehen lassen und suchte mir alleine eine Bar. Dort lernte ich drei Deutsch-Brasilianer kennen. Wir verstanden uns blendend, die drei kamen schließlich in deutscher Fanmontur.</p>
<div id="attachment_571" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140621_098.jpg"><img class="size-large wp-image-571" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140621_098-1024x578.jpg" alt="Mit den drei Deutsch-Brasilianern (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Mit den drei Deutsch-Brasilianern (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Stimmung kippte erst, als ein gewisser Miroslav Klose seinen »Kadaver« (Eigenzitat M. Klose) doch noch einmal animieren konnte, einen Kullerball zum 2:2 ins ghanaische Tor zu lenken. Es war sein insgesamt fünfzehntes WM-Tor. Damit hatte er den Rekord des brasilianischen »Phänomens«Ronaldo eingestellt. Fortan wetterten meine deutsch-brasilianischen Freunde lautstark gegen Klose und gegen die deutsche Mannschaft und feierten jeden Ballkontakt der Ghanaer. Ihre Trikots und Hüte jedoch behielten sie an. 2:2 der Endstand.</p>
<p>Schweren Herzens verließ ich nach einer Woche Belo Horizonte und meine neu gewonnenen Freunde. Die nächste Stadt auf dem Reiseplan hieß Porto Alegre.</p>
<div id="attachment_572" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140624_001.jpg"><img class="size-large wp-image-572" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140624_001-1024x578.jpg" alt="Weiter geht die Reise: Wandkunst aus der WG in Belo Horizonte (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Weiter geht die Reise: Wandkunst aus der WG in Belo Horizonte (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Diese Stadt war der südlichste WM-Spielort und das merkte ich auch klimatisch sofort. Hier herrschte im Gegensatz zu São Paulo und Belo Horizonte nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch der Winter. Vom Flughafen holte mich ein alter Bekannter ab: Angelo, der Schüler, der auf meinem ersten Flug von Frankfurt nach São Paulo im Februar neben mir gesessen hatte.</p>
<p>Er und seine Familie hatten mich zu sich eingeladen und ich fühlte mich nach der Junggesellenbude in São Paulo und der Studenten-WG in Belo Horizonte, als sei ich einen weiteren Schritt rückwärtsgegangen, in der Entwicklung des flügge werdenden Menschen. Das Familienleben tat mir sehr gut. Nach rund einer Woche teilten mir Angelos Eltern und sein kleiner Bruder Bruno mit, ich wäre jetzt ein offizielles Familienmitglied und könne doch länger bleiben. Es war eine der schönsten Erfahrungen der gesamten Brasilien-Reise.</p>
<p>Doch ich habe in Porto Alegre nicht nur das Familienleben genossen, sondern auch an neuen Inhalten für ecke:sócrates gefeilt. Einen Tag lang konnte ich Angelo in seine Schule begleiten und sogar nach Absprache mit der Lehrerin eine komplette Deutschstunde mit den Jugendlichen gestalten. Es entstand eine sehr interessante <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=449"><strong>Gruppendiskussion</strong></a> über die Pros und Kontras der WM in Brasilien.</p>
<p>Einen Tag zuvor war Deutschland durch ein 1:0 gegen die USA als Gruppensieger ins Achtelfinale eingezogen, was bedeutete, dass die Mannschaft am Montag nach Porto Alegre kommen würde. Das war neben der Diskussion im Deutschunterricht natürlich das Gesprächsthema Nummer Eins. Auch im <strong><a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/7-korrespondentengesprach-aus-porto-alegre-mephisto-976">Korrespondenten-Gespräch</a></strong> mit mephisto 97.6.</p>
<p>Dass ich dann aber tatsächlich am Montag im Stadion sein sollte, hätte ich mir an diesem Tag nicht träumen lassen. Nach all dem, was ich in den letzten Wochen über die WM, die FIFA und den Ticketschwarzmarkt erfahren hatte, hatte ich einen Stadionbesuch für mich ausgeschlossen. Warum und wie es doch dazu kam, habe ich in einem, zugegeben, sehr emotionalen <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=422"><strong>Bericht</strong></a> festgehalten.</p>
<p>Im Stadion, während des enorm schwierigen Spiels gegen Algerien, das Deutschland letztlich in der Verlängerung 2:1 gewinnen konnte, wurde ich auf eine weitere Problematik aufmerksam: Die deutschen Fans standen mit der FIFA auf Kriegsfuß. Die Hintergründe dazu erfuhr ich später im <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=439"><strong>Interview </strong></a>mit dem Fanbetreuer Tom Roeder, das zum meistgeklickten Artikel bei ecke:sócrates avancierte.</p>
<p>Zum ersten Mal machte ich in Porto Alegre auch Bekanntschaft mit einer Institution, die unter dem Namen »FIFA Fan Fest« bekannt wurde. Ein einziges Schaulaufen der Werbepartner garniert mit einer Leinwand, auf der tatsächlich bisweilen Fußball zu sehen ist. Mit Angelo und seinem Bruder Bruno verfolgte ich dort bei strömendem Regen das erste Achtelfinale Brasilien gegen Chile. Das Spiel war für die anwesenden Brasilianer die reinste Qual und auch für mich ein Nervenkitzel. Immer wieder fragte ich mich während des Spiels, was wohl passieren würde, wenn Brasilien tatsächlich jetzt schon ausscheiden würde. Ein Knall riss mich aus den Gedanken: Der Chilene Pinilla hatte in der letzten Minute der Verlängerung <strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=h4OID4AApx0">die Latte getroffen</a></strong>. Unbegreiflich. Doch dann gewinnt Brasilien im Elfmeterschießen. Der Gastgeber bleibt im Turnier. Und die vorher noch so dunklen Regenwolken über Porto Alegre verziehen sich. Vorerst.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Weltuntergangsstimmung in <a href="https://twitter.com/hashtag/PortoAlegre?src=hash">#PortoAlegre</a>. Gerade noch abgewendet. <a href="https://twitter.com/hashtag/BRACHI?src=hash">#BRACHI</a> <a href="https://twitter.com/hashtag/WM2014?src=hash">#WM2014</a> <a href="http://t.co/Ceh6jd8zCK">pic.twitter.com/Ceh6jd8zCK</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/483030359727435776">June 28, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Zwei Tage nach dem deutschen Viertelfinaleinzug gegen Algerien ging es für mich weiter nach Rio de Janeiro, meiner finalen Station. São Paulo, Belo Horizonte und Porto Alegre hatten mir sehr gut gefallen, aber oft bemerkte ich bei den Brasilianern dort eine Art Minderwertigkeitskomplex. In jeder der drei Städte führte ich Gespräche ungefähr dieser Art: »Wie findest du unsere Stadt?« – »Gefällt mir gut hier.« – »Ja, dann warte erstmal ab, bis du nach Rio kommst. Danach hast du uns und unsere Stadt ganz schnell vergessen.«</p>
<p>Soweit würde ich im Nachhinein nicht gehen, aber Rio ist tatsächlich ein besonderer Ort. Als ich abends mit dem Bus zum ersten Mal die Strecke vom Flughafen aus über Botafogo, Flamengo, Copacabana, Ipanema bis nach Leblon fahre, fühlt es sich surreal an. Von diesen Orten hatte ich so viel gelesen, viele Bilder gesehen. Jetzt war ich auch in der Realität dort angekommen. Wieder hatte ich Glück bei der Unterkunft: Ein sehr guter Freund, der vor ein paar Jahren durch Brasilien gereist war, vermittelte mir den Kontakt zu einer Familie im Stadtteil Leblon. Leblon ist eine der wohlhabendsten Gegenden Rios und die Familie wohnte auch noch ganze drei Minuten vom Strand entfernt. Auch bei ihnen fühlte ich mich sehr wohl. Ich hatte also die perfekten Lebens- und Arbeitsbedingungen.</p>
<div id="attachment_573" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140705_005.jpg"><img class="size-large wp-image-573" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140705_005-1024x578.jpg" alt="Blick auf die Strände von Ipanema und Leblon (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf die Strände von Ipanema und Leblon (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>In den ersten Tagen erkundete ich die Stadt, schrieb übrig gebliebene Texte aus Porto Alegre nieder, recherchierte, traf einige alte Bekannte wieder und sah am Freitag, den 4. Juli, kurz nach einem ausführlichen <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/8-korrespondentengesprach-aus-rio-de-janeiro-detektorfm"><strong>Korrespondenten-Gespräch</strong></a> mit detektor.fm, zum ersten Mal das Maracanã-Stadion. Deutschland spielte an diesem Tag hier gegen Frankreich und ich wollte mir die Stimmung vor Ort nicht entgehen lassen. Näher als einen Kilometer kam ich jedoch aufgrund der Absperrungen nicht an das Stadion heran.</p>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-574" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/Screenshot2.jpg" alt="Screenshot2" width="867" height="492" /></a></p>
<p>Trotzdem unterhielt ich mich an der Absperrung mit vielen Menschen und lernte vier Mexikaner kennen, die ebenfalls kein Ticket hatten. Mit ihnen beschloss ich zum Fanfest an der Copacabana zu fahren &#8211; so kurz vor dem Spiel ein Himmelfahrtskommando. Erst zwanzig Minuten nach Spielbeginn kamen wir an und hatten das einzige Tor des Tages durch Hummels schon verpasst. Es wurde ein langer Tag. Da wir nach Deutschlands knappen aber verdienten Halbfinaleinzug auch noch das Spiel Brasilien gegen Kolumbien dort verfolgten, hatten wir am Ende sechs Stunden in der Gluthitze des Fanfests verbracht.</p>
<p>In Erinnerung bleiben mir von diesem Tag sicherlich tausende Brasilianer, die vor der untergehenden Sonne Rios inbrünstig die Nationalhymne sangen und die spätere Schockstarre nach Neymars Verletzung. Wie schwerwiegend diese war, erzählte mir auf dem Rückweg erst ein aufgewühlter Taxifahrer. Für mich war der Abend allerdings noch nicht vorbei: In einer Bar lernte ich den weltreisenden Video-Blogger <a href="https://twitter.com/flovoss"><strong>Florian Voß</strong></a> kennen. Er kommt, wie ich, aus dem Münsterland und porträtiert in seinem Format »Münster Global« für die Westfälischen Nachrichten Münsteraner im Ausland. Eine <a href="https://www.youtube.com/watch?list=UUwxXeI17qVD0Ng4N-H7Do1w&amp;v=Q8kPRLK4tYs"><strong>Episode</strong></a>, gedreht einige Wochen später in Buenos Aires, handelt auch von mir und ecke:sócrates.</p>
<p>Fest stand nach diesem Tag auch, dass sich im Halbfinale Deutschland und Brasilien gegenüberstehen würden. Die beiden Länder, denen ich den Titel am meisten gönnte. Um mich auf dieses Spiel einzustimmen, waren mir die zwei Ruhetage ohne Fußball sehr willkommen. Der Sonntag, war tatsächlich der einzige Tag, an dem ich das Projekt Projekt sein ließ und mit meiner Gastfamilie surfen fuhr. Erst dort am Strand bemerkte ich, wie bitter nötig auch ich eine Pause hatte.</p>
<p>Den ganzen Montag verbrachte ich damit, Postkarten an die Crowdfunding-Unterstützer zu schreiben. Dreißig an der Zahl. Ich hatte gedacht, dass ich das in wenigen Stunden erledigen könnte, aber auch hier sah die Realität anders aus.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Es haben sich 30 Postkarten aus <a href="https://twitter.com/hashtag/Rio?src=hash">#Rio</a> auf d. Weg nach Deutschland gemacht. Danke an alle Crowdfunder &amp; <a href="https://twitter.com/krautreporter">@krautreporter</a> <a href="http://t.co/PN7M8sQrAa">pic.twitter.com/PN7M8sQrAa</a></p>
<p>&mdash; ecke:sócrates (@eckesocrates) <a href="https://twitter.com/eckesocrates/status/486538761204142081">July 8, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Das Halbfinale rückte unweigerlich näher. Mir war klar, dass es unabhängig vom Ergebnis ein einschneidendes Ereignis sein würde. Entweder Deutschlands goldene Generation um Lahm, Schweinsteiger und Mertesacker würde ohne Titel abtreten oder der Gastgeber Brasilien würde in ein Trauertal stürzen – mit unvorhersehbaren Konsequenzen für Land und Leute.</p>
<p>An den Ausgang der Geschichte wird sich ein Großteil der Menschen auf dieser Welt erinnern können. Ich selbst erlebte diese Sternstunde des deutschen und gleichzeitig Tragödie des brasilianischen Fußballs im strömenden Regen am Strand von Rio – mit hunderten Brasilianern um mich herum. Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben. Sieben zu Eins. Meine Erlebnisse an diesem Tag verarbeitete ich in einer weiteren <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=496"><strong>Reportage</strong></a>.</p>
<p>In den nächsten Tagen war die Stadt kaum wieder zu erkennen. Alle gingen ruhig ihren Angelegenheiten nach. Nur die teilweise tiefschwarzen Titelblätter an den Zeitungskiosken ließen noch erahnen, was sich gestern Abend zugetragen hatte.</p>
<p>Das zweite Halbfinale zwischen den Niederlanden und Argentinien lief zwar auf allen Bildschirmen der Stadt, aber kaum jemand schaute hin. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass Deutschland, und damit auch mir, ein Duell mit meinem fußballfanatischen Gastland Argentinien erspart bleiben würde. Gerade weil ich die Woche darauf wieder dorthin zurückkehren würde. Doch es kam bekanntlich anders. Die Deutschen, die ich während dieses zweiten Halbfinales traf, unterhielten sich ohnehin fast ausschließlich über die Preise der Finaltickets als über den möglichen Finalgegner. Unvorstellbar, wie viel Geld einige Leute in meinem Alter für 90 Minuten Fußball auf den Tisch legen würden.</p>
<p>In den Tagen bis zum Finale konnte ich endlich die Früchte meiner Recherchen einfahren und einige spannende Interviews führen. Darunter der stadtpolitische Blogger Jan Tonio Schreiber Kruger, mit dem ich <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=526"><strong>über die sozialen und strukturellen Folgen der Großevents WM und Olympia</strong></a> für Rio sprach und die Filmemacher Fausto Mota, Henrique Ligeiro und Raoni Vidal. Die drei hatten den vielbeachteten Dokumentarfilm <a href="https://www.youtube.com/watch?v=dKVjbopUTRs"><strong>Domínio Publico</strong></a> gedreht, der die Missstände in Rios Favelas aufzeigt und die aufkeimende soziale Protestbewegung im Land ein Jahr lang begleitet und hinterfragt. Außerdem führte ich noch zwei Korrespondentengespräche mit <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/8-korrespondentengesprach-aus-rio-de-janeiro-mephisto-976"><strong>mephisto 97.6</strong></a>  und <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/9-korrespondentengespr-ch-rio"><strong>detektor.fm</strong></a> über das bevorstehende Finalwochenende.</p>
<p>Dann war es wirklich soweit, der 13. Juli 2014 – seit Monaten rot in meinem Kalender markiert – war gekommen. Finaltag.</p>
<p>Ein zweigeteilter Tag: Bis zum frühen Nachmittag trieb ich mich am Maracanã-Stadion herum, um Informationen und Stimmen für eine letzte Reportage zu sammeln. Die Sicherheitsvorkehrungen und das Polizeiaufgebot am Stadion übertrafen alles, was ich bisher gesehen hatte. An einem angrenzenden Platz fand am letzten Tag des Turniers noch eine letzte größere Anti-WM-Demonstration statt. Ich begleitete sie so lange wie möglich, immer im Hinterkopf, dass ich auf keinen Fall den Anstoß des Finales verpassen dürfte. Das ist er, der Zwiespalt des fußballsüchtigen Reporters. Nachdem ich mich eine Stunde lang vom Stadion aus zurück durch die Stadt Richtung Strand gekämpft hatte, freute ich mich, dass mir ein paar Freunde einen Platz am deutschen Strandkiosk von Leme freigehalten hatten. Dort schauten rund 200 Deutsche Fans das Spiel gemeinsam, während nebenan in Copacabana das Fanfest und auch fast alle Straßen fest in argentinischer Hand waren. 100.000 siegessichere Argentinier sollen an diesem Tag in der Stadt gewesen sein.</p>
<p>Das Spiel war für mich der Höhepunkt einer ohnehin schon hochemotionalen WM und während der ersten 112 Minuten gingen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Wenn dieses Spiel vorbei wäre, würde ja schließlich nicht nur die WM, sondern auch das Projekt ecke:sócrates beendet sein. Je älter das Spiel wurde, desto mehr sehnte ich mir eine Entscheidung herbei. Die Spannung war unerträglich und ich wollte nur noch wissen, ob ich jetzt mit gesenktem Haupt nach Hause gehen oder die Party des Jahres feiern kann. Dank Mario Götzes Geniestreich in der 113. Minute wurde es letztere. Wie viele Kilogramm Ballast von mir nach Abpfiff abgefallen sind, darüber kann ich nur Spekulationen anstellen. Egal. Weltmeister.</p>
<p>Stellvertretend für den Zwiespalt des Finaltages soll zum einen diese <strong><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=512">Reportage über die Begegnungen und Erlebnisse der letzten WM-Tage </a></strong>stehen und zum anderen folgendes Video:</p>
<div style="width: 1280px; height: 720px; " class="wp-video"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('video');</script><![endif]-->
<video class="wp-video-shortcode" id="video-561-1" width="1280" height="720" preload="metadata" controls="controls"><source type="video/mp4" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4?_=1" /><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4">http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_100.mp4</a></video></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Nacht danach in Rio war lang. Nur so viel dazu: Am Montag stand ich dem MDR um 11 Uhr morgens, nach rund zwei Stunden Schlaf, zum <a href="https://soundcloud.com/ecke-s-crates/10-korrespondentengespr-ch-rio"><strong>Interview</strong></a> zur Verfügung. Wie ich das geschafft habe, ist mir im Nachhinein ein Rätsel. Jedenfalls kam ich mir &#8211; zumindest ein bisschen &#8211; vor wie Bastian Schweinsteiger, der lädierte Held des gestrigen Spiels.</p>
<p>Ein letztes Interview hatte ich an diesem Tag noch zu führen. Ich unterhielt mich lange mit Eduardo, einem ergrauten Strandfußballer, den ich vor ein paar Tagen kennengelernt hatte. Das <a href="http://www.eckesocrates.de/?p=534"><strong>Porträt </strong></a>über ihn steht exemplarisch für die tiefe Liebe der Brasilianer zum Fußball und die Vielzahl an herben Enttäuschungen, die sie während der Weltmeisterschaft 2014 im eigenen Land erleiden mussten. Das Gespräch war auch für mich ein schöner und passender Schlusspunkt des Projekts ecke:sócrates.</p>
<p>Einen Tag später packte ich meine Sachen, verabschiedete mich noch kurz vom Cristo Redentor und flog zurück nach Argentinien, ins Land des Vizeweltmeisters.</p>
<blockquote class="twitter-tweet" width="550"><p>Zurück in <a href="https://twitter.com/hashtag/Argentinien?src=hash">#Argentinien</a>. Unfassbar, dass man mich mit diesen zwei Utensilien im Gepäck hat einreisen lassen: <a href="https://twitter.com/hashtag/GERARG?src=hash">#GERARG</a> <a href="http://t.co/32kwRthQkH">pic.twitter.com/32kwRthQkH</a></p>
<p>&mdash; Tobias Zwior (@tzwior) <a href="https://twitter.com/tzwior/status/489778397904900096">July 17, 2014</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Dass sich bei dieser WM die Wege der Teams meiner beiden Gastländer Brasilien und Argentinien mit dem meines Heimatlandes gekreuzt haben, ist eine weitere schöne Geschichte, die niemand besser hätte schreiben können.</p>
<p>Als ich mich auf den Weg zum Flughafen von Rio machte, überstrahlte ein einziges Gefühl alles andere: Dankbarkeit.</p>
<p>Mein Dank gilt zunächst dem Land Brasilien und seinen unheimlich herzlichen und gastfreundlichen Menschen, die meine Reise geprägt haben. Ein grinsendes »Valeu« oder ein warmes »Nada« von den unterschiedlichsten Menschen haben mir sehr oft den Tag versüßt und dazu beigetragen, dass ich mich immer willkommen gefühlt habe.</p>
<div id="attachment_578" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_001.jpg"><img class="size-large wp-image-578" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/09/WP_20140713_001-1024x578.jpg" alt="Meine Lieblingsbeschäftigung in Brasilien: Visitenkarten ausschneiden (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Lieblingsbeschäftigung in Brasilien: Visitenkarten ausschneiden (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Besonders dankbar bin ich den Menschen in São Paulo, Belo Horizonte, Porto Alegre und Rio de Janeiro, die mir ein Bett zum Schlafen gaben und mich wie einen Freund bei sich aufgenommen haben, bevor wir tatsächlich Freunde wurden.</p>
<p>Und zuletzt möchte ich mich bei <a href="http://www.eckesocrates.de/?page_id=93"><strong>allen Menschen</strong></a> bedanken, die das Projekt ecke:sócrates durch ihre Unterstützung möglich gemacht haben. Ganz besonders möchte ich dabei meine Freunde Ardalan Aram (Homepage), Johannes Berheide (Konzeption, Logo &amp; Flyer) und Jasper Schlump (Übersetzungen) sowie meine Freundin Vivien Winzer (Videodreh &amp; Korrekturlesen) nennen, die nebenbei sehr viel Zeit, Ideen und Arbeit in dieses Online-Journal gesteckt haben. Alleine hätte ich ein Projekt dieses Ausmaßes niemals stemmen können.</p>
<p>Mir war immer bewusst, dass ecke:sócrates ein zeitlich begrenztes Projekt ist, aber es ging dann doch schneller vorbei, als gedacht. Über Anregungen, Anmerkungen und Kritiken freue ich mich jedoch weiterhin.</p>
<p>Ein letzter Gruß geht an das Land, um das sich mein Leben in den letzten Monaten ständig gedreht hat und dessen momentan sehr unsicher erscheinende Zukunft ich gebannt verfolgen werde:</p>
<p>Brasilien, ich komme wieder.</p>
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		<title>»Die FIFA macht so den Sport kaputt«</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jul 2014 04:42:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[fußball:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Boykott]]></category>
		<category><![CDATA[Fanclub Nationalmannschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Monopol]]></category>
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		<description><![CDATA[Spätestens seit dem Spiel gegen Ghana stehen viele deutsche Fans in Brasilien mit der FIFA auf Kriegsfuß. Auch während des Achtelfinales gegen Algerien kam es wieder zu Konfrontationen mit FIFA-Ordnern. ecke:sócrates hat mit Tom Roeder, Gründer der Facebookseite »FIFA es...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Spätestens seit dem Spiel gegen Ghana stehen viele deutsche Fans in Brasilien <a href="http://www.fr-online.de/wm-2014-in-brasilien/deutschland---ghana--fifa-raus-,17059760,27568826.html">mit der FIFA auf Kriegsfuß</a>. Auch während des Achtelfinales gegen Algerien kam es wieder zu Konfrontationen mit FIFA-Ordnern. ecke:sócrates hat mit Tom Roeder, Gründer der Facebookseite »FIFA es reicht« über den Konflikt und seine bisherigen WM-Erfahrungen gesprochen.</em></p>
<p>(Porto Alegre)</p>
<p>Tom Roeder, 37, links im Bild, ist Fanclubbetreuer beim Fanclub Nationalmannschaft und dort für die »Sektion Rheinland« zuständig. Er betreut ehrenamtlich mehrere tausend Fans und organisiert Reisen zu jedem Länderspiel der Nationalelf. Bei den letzten fünf großen Turnieren war er selbst mit dabei.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Tom, du bist ehrenamtlicher Fanclubbetreuer. Wie viele Arbeitsstunden gehen dafür in deiner Freizeit drauf?</p>
<p><strong>Tom Roeder:</strong> In den letzten zwölf Monaten kamen da schon gut 1000 Arbeitsstunden zusammen, also hochgerechnet rund drei Stunden pro Tag. Das lag natürlich auch an der WM in Brasilien.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Du bist seit Anfang der WM in Brasilien: Wie gefällt dir das Land als Gastgeber bis jetzt?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Das Land ist schön, aber sehr arm. Das habe ich so nicht erwartet. Es ist vielfältig und interessant. Die Menschen sind freundlich.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Vor einigen Tagen hast du die Facebook-Seite <a href="https://www.facebook.com/FIFAesreicht?fref=ts">»FIFA es reicht</a>« gegründet: Was führte dazu?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Die Seite habe ich im Zuge der WM-Spiele erstellt, weil die FIFA mehr und mehr in Belange der Fans eingreift unter dem Sicherheitsaspekt Regeln erstellt, die übertrieben sind. Keine Fahnen im Stadion an der Bande. Keine Trommel oder andere landestypischen Gegenstände sind erlaubt. Die FIFA macht so den Sport kaputt. Jetzt versuche ich, so viele Follower wie möglich zu sammeln, um darauf aufmerksam zu machen und eventuell irgendwann auch Aktionen zu starten, die Probleme anzusprechen und hörbar zu machen.</p>
<div id="attachment_427" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_049.jpg"><img class="size-large wp-image-427" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_049-1024x578.jpg" alt="Deutscher Fan muss vor dem Stadion in Porto Alegre seine selbstgemalte Flagge (»Miro Klose - 16 Tore«) abgeben (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Deutscher Fan muss vor dem Stadion in Porto Alegre sein selbstgemaltes Banner (»Miro Klose &#8211; 16 Tore«) abgeben (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Was sind deine Hauptkritikpunkte an der Fifa allgemein und vor allem während der WM?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Während der WM ist es vor allem das Verbot der Trommeln und Fahnen. Aber auch, dass die FIFA rund um Stadien und Spielorte verbietet, dass nicht lizensierte Produkte verkauft werden. Seien es Getränke, Essen oder einfach kleine fliegende Händler. Die FIFA will das Monopol auf alles und verdient damit Geld. Geld, das dem jeweiligen Land zusteht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Am Freitag spielt die Nationalmannschaft im Maracanã-Stadio in Rio gegen Frankreich. So lange das Team im Turnier bleibt, bist auch du vor Ort. Welche Aktionen planst du noch für den Rest der WM?</p>
<p><strong>Roeder:</strong> Geplant sind noch diverse Ausflüge, um die Umgebung und das Land besser kennen zu lernen. Bezüglich der WM habe ich meine Reisegruppe aufgefordert, keine FIFA Produkte zu kaufen. Der Großteil der Gruppe fand diese Idee sehr gut.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Eine deutsche Komödie</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Jul 2014 06:10:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
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		<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Estadio Beira-Rio]]></category>
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		<category><![CDATA[Hausmeister Krause]]></category>
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		<description><![CDATA[Eigentlich ist es die Grundidee des Hintergrund-Journals ecke:sócrates während der WM in Brasilien auf Themensuche vor, hinter und neben, aber vor allem außerhalb der Stadien zu gehen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie es dazu kam: Ein persönlicher Erfahrungsbericht. (Porto...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eigentlich ist es die Grundidee des Hintergrund-Journals ecke:sócrates während der WM in Brasilien auf Themensuche vor, hinter und neben, aber vor allem außerhalb der Stadien zu gehen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie es dazu kam: Ein persönlicher Erfahrungsbericht.</em></p>
<p>(Porto Alegre)</p>
<p>Bisher habe ich die WM am Rande des fußballerischen Geschehens verfolgt. Ich war abseits der Stadien unterwegs, auf der Suche nach brasilianischen Gesprächspartnern, die mir spannende Geschichten erzählten und mir erklärten, welchen Einfluss die WM auf ihr Land hat. Natürlich hat der Fußball meinen Weg hier und da gestreift, das ist bei der Sympathie, die ich für diesen Sport seit über zwanzig Jahren hege, auch nicht zu vermeiden. Und das möchte ich auch gar nicht vermeiden. Allerdings ist mir in den vier Wochen, die ich inzwischen in Brasilien bin, in vielen Gesprächen klargeworden, dass ich diese WM differenzierter betrachten muss.</p>
<p>Vor der Reise nach Brasilien wäre es für mich das Nonplusultra gewesen, einmal ein WM-Spiel live im Stadion mitzuerleben. Nach meinen bisherigen Erlebnissen dachte ich anders. Warum sollte ausgerechnet ich, als im Vergleich zur Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung reicher »Gringo«, mir im Stadion ein Spiel anschauen, wo dies doch der große Traum so vieler Brasilianer ist. Brasilianer, die ich tagtäglich auf der Straße sehe, mit denen ich teilweise befreundet bin und die sich niemals solch ein WM-Ticket leisten könnten. Warum sollte ich die Organisation Fifa, deren Puzzle in meinem Kopf sich in den letzten Wochen um so manches dunkles Teil ergänzt hat, durch mein Geld unterstützen? Die Spiele würde ich mir weiteranschauen, aber es gab für mich keinen Grund mehr ins Stadion zu gehen.</p>
<p>Diese Gedanken kreisten noch am Morgen des 30. Juni zum wiederholten Male in meinem Kopf. Dann stehe ich plötzlich auf diesem Marktplatz in Porto Alegre und sehe nicht richtig: Vier Wochen lang habe ich mit Brasilianern zusammengelebt, hauptsächlich Portugiesisch gesprochen, die brasilianische Musik liebgewonnen. Und dann umringen mich auf einmal Hunderte von Deutschen, sprechen bayrisch, schwäbisch, fränkisch und norddeutsch. Auf einer improvisierten Bühne läuft Oktoberfestmusik: »Und jetzt die Hände zum Himmel…«</p>
<div id="attachment_423" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_011.jpg"><img class="size-large wp-image-423" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_011-1024x578.jpg" alt="Verkehrte Welt: Oktoberfeststimmung in Brasilien (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Verkehrte Welt: Oktoberfeststimmung in Brasilien (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ich kann mir im Nachhinein nicht erklären wieso, aber mein erster Impuls ist es, mich nicht zu erkennen zu geben. Ich bin mit brasilianischen Freunden dort, wir haben gerade ein Bier geöffnet. Doch dann blicke ich an mir herunter und sehe unter meine Regenjacke das Grün-Weiß meiner Deutschland-Trainingsjacke aufblitzen. Aus irgendeinem Grund muss ich die ja angezogen haben. Es dauert nicht lange, schon komme ich mit mehreren Deutschen ins Gespräch. Und plötzlich genieße ich es. Es tut gut, nach insgesamt sechs Monaten im Ausland, nicht nur am Telefon, sondern im Umkreis von 50 Metern um mich herum nur meine Muttersprache zu hören. Wieder zu einhundert Prozent präzise das sagen zu können, was ich auch sagen möchte. Die Stimmung ist gut, ich freue mich auf das Spiel gegen Algerien.</p>
<p>Einige Minuten später unterhalte ich mich mit Fans des »FanClub Nationalmannschaft«. Aus einer Laune heraus frage ich sie, ob sie nicht zufällig noch ein Ticket für das Spiel übrig hätten. »Dreh dich mal um«, antwortet einer von ihnen. Ich drehe mich um und sehe einen Mann mit grüner Kapuzenjacke und Rucksack grinsend vor mir stehen. »Wie viele Tickets brauchst du?«, fragt er. »Nur eins«, antworte ich völlig perplex. »Kein Problem«, sagt er. »Verkaufe ich dir zum Originalpreis.« Spätestens jetzt bin ich fassungslos. Und willige ein. Es geht alles sehr schnell.</p>
<p>Wie in Trance gehe ich zur nächsten Bank, um das Geld für das Ticket abzuheben. Auf dem Weg dorthin blitzen die ersten Gewissensbisse auf. Doch dann schiebe ich die Kreditkarte in den Schlitz. Wie so häufig an brasilianischen Geldautomaten spuckt die Maschine beim ersten Versuch keine Scheine aus. Was will mir die Maschine damit sagen, ist das vielleicht ein Zeichen? Mit zittrigen Fingern versuche ich es ein zweites Mal. Mir fallen die Interviews ein, die ich diversen Medien über ecke:sócrates gegeben habe und darüber, dass ich während der WM nicht im Stadion sein werde. Der Automat braucht lange. »Wenn es jetzt wieder nicht funktioniert, dann soll es halt nicht sein«, denke ich mir, schon halb erleichtert. Doch dann kündigen sich durch ein ratterndes Signal die ersten Geldscheine an. Als ich sie in der Hand halte, weiß ich, dass es kein Zurück mehr gibt.</p>
<p>Spätestens jetzt werde ich vollends in die deutsche Blase gesogen, die sich zwei Stunden vor dem Spiel zu Fuß auf den Weg zum Stadion macht. Aus einer der Hauptstraßen Porto Alegres ist zu diesem Anlass der so genannte »Caminho do Gol« geworden. Eigentlich war hier für 13 Uhr eine Demonstration gegen die WM angekündigt, die der eigentliche Grund für meinen Besuch des Marktplatzes war. Doch von der ist nichts zu sehen. Stattdessen strömt jetzt eine Art feiernder Karnevalszug in Richtung des »Estadio Beira-Rio«, des Stadions am Fluss.</p>
<div id="attachment_425" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_025.jpg"><img class="size-large wp-image-425" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_025-1024x578.jpg" alt="Vier Kilometer zu Fuß bis zum Stadion: Der Caminho do Gol (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Vier Kilometer zu Fuß bis zum Stadion: Der Caminho do Gol (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Diejenigen Brasilianer, die den Zug begleiten, haben sich ebenfalls Deutschland-Trikots angezogen oder sich die Wangen schwarzrotgold eingefärbt. Viele Menschen in Porto Alegre wollen Teil des Spektakels sein. Porto Alegre ist keine Touristenstadt wie Rio de Janeiro und liegt nicht am Strand wie Salvador oder Fortaleza. Hier herrscht im Winter tatsächlich Winter. Ein junger Mann namens Juliano erzählt mir, dass ich erst die zweite ausländische Person sei, mit der er sein Schulenglisch trainieren könne. »Es gibt hier in der Stadt wenig Austausch. Viele Bürger Porto Alegres waren noch nie im Ausland und es kommen außer vereinzelten Argentiniern und Uruguayern auch wenige Ausländer in die Stadt«, sagt er. Die Stadt empfängt selten Gäste und möchte daher ein umso besserer Gastgeber sein.</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="http://www.youtube.com/embed/l7-Ho57y4nE?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Im Stadion an sich herrscht zu Beginn eine ausgelassene Stimmung, allerdings durchzogen von vehementen »Fifa raus«-Rufen der deutschen Fans. Seit dem Verbot einiger Banner während des Ghana-Spiels stehen sie mit dem Weltverband auf Kriegsfuß. Auch während dieses Spiels geraten sie wegen Fifa-kritischer Flaggen wieder mit den Ordnern aneinander. Hierzu berichtet ecke:sócrates demnächst ausführlicher.</p>
<div id="attachment_429" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_112.jpg"><img class="size-large wp-image-429" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140630_112-1024x578.jpg" alt="Gegen die Fifa und Blatter, für den Fußball: Deutsche Fans im Stadion (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Gegen die Fifa und Blatter, für den Fußball: Deutsche Fans im Stadion (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Das Spiel selbst trägt eher komödiantische Züge. Nicht nur wegen Thomas Müllers Slapstick-Freistoßeinlage, sondern auch wegen eines gewissen Tom Gerhardt, besser bekannt als »Hausmeister Krause«, der im Stadion auch in dieser Rolle neben mir steht und fußballanalytische Kommentare zum Besten gibt. Seine Frau ist Brasilianerin und er daher mehrmals im Jahr in Brasilien. Das Deutschland-Spiel lässt er sich nicht entgehen, auch wenn er in der zweiten Halbzeit für rund 20 Minuten in den Stadienkatakomben verschwindet. Verpasst hat er bekanntlich nichts.</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="http://www.youtube.com/embed/oOmMCrIrstI?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Nach dem Spiel sind die deutschen Fans erleichtert. »Das ist gerade nochmal gut gegangen. Gegen Frankreich müssen wir uns steigern.« Dann werden aber auch schon die ersten Gesänge angestimmt: »Wir haben Heimspiel in Rio…« Trotz aller Bedenken im Vorhinein, die ich auch weiterhin in mir trage: Ich bin froh dabeigewesen zu sein.</p>
<p>Als ich dann später mit meiner sechsköpfigen brasilianischen Gastfamilie und einigen ihrer Freunde zu Abend esse, kommt mir dieser deutsche Nachmittag vor wie ein kurzer Tagtraum. Ich bin wieder in Brasilien.</p>
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		<title>Zu Gast in der Favela</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2014 01:03:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
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		<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Favela]]></category>
		<category><![CDATA[Football Beyond Borders]]></category>
		<category><![CDATA[Gastfreundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[NGO]]></category>
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		<description><![CDATA[Während der Weltmeisterschaft sind unzählige NGOs, Hilfsorganisationen und soziale Projekte in Brasilien vertreten. Die Bühne des Fußballs ist ideal um Aufmerksamkeit zu erregen und seine zentralen Themen anzusprechen. Eine der Organisationen, die die WM nicht nur als Projektionsfläche benutzt, sondern...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Während der Weltmeisterschaft sind unzählige NGOs, Hilfsorganisationen und soziale Projekte in Brasilien vertreten. Die Bühne des Fußballs ist ideal um Aufmerksamkeit zu erregen und seine zentralen Themen anzusprechen. Eine der Organisationen, die die WM nicht nur als Projektionsfläche benutzt, sondern den Fußball ins Zentrum ihres Schaffens gestellt hat, ist <a href="http://www.footballbeyondborders.org/">Football Beyond Borders </a></em><em>aus London. Sie wurde von mehreren Studenten an der SOAS University gegründet und hat mittlerweile schon in vier Ländern erfolgreich Projekte verwirklicht. Ihr Ziel sei es, die Kraft des Fußballs zu nutzen, um jungen Menschen in benachteiligten Regionen Ziele im Leben zu vermitteln und ihnen zu zeigen, dass auch ihre Stimme gehört wird.</em></p>
<p><em>Während der WM ist Football Beyond Borders in Salvador da Bahia, der drittgrößten Stadt Brasiliens, <a href="http://www.footballbeyondborders.org/#!brazil---test-page/c14pg">mit zwei Projekten vertreten.</a></em></p>
<p><em>Zum einen fand vergangenen Sonntag der »Favela World Cup« statt, bei dem Einheimische gemeinsam mit internationalen Besuchern Fußball gespielt haben. Und zum anderen können die Touristen auch zu fairen Preisen bei Favela-Bewohnern unterkommen – auf Vermittlung von Football Beyond Borders.</em></p>
<p><em>ecke:sócrates hat mit Jasper Schlump, »Head of Sponsorship« bei Football Beyond Borders und Teilnehmer des Turniers, gesprochen.</em></p>
<p>(Salvador)</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie kamt ihr auf die Idee einen Favela World Cup zu veranstalten und was ist das Ziel dahinter?</p>
<p><strong>Jasper Schlump:</strong> Die Weltmeisterschaft kann man neben den Olympischen Spielen als größtes globales Sportereignis betrachten. Hier in Brasilien sind jedoch vor allem die ärmeren Leute nicht wirklich eingeladen. Dies haben wir von Football Beyond Borders versucht zu ändern, indem drei Mitglieder unserer Organisation über ein halbes Jahr hinweg in einer Favela in Salvador Vertrauen und Kontakte hergestellt haben um schlussendlich einem Teil der Bewohner die WM und auch die internationalen Gäste näher zu bringen. Ein wichtiger Teil der Idee war daher das Unterkunftsprojekt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie lief die Vorbereitung des Projekts, seid ihr da auch auf Schwierigkeiten gestoßen?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> In vielen Gesprächen mit unserem Hauptorganisationsteam habe ich raushören können, dass die Organisation natürlich nicht so reibungslos verlaufen ist, wie man es vielleicht aus England oder Deutschland gewohnt ist. Wir haben zum Beispiel eine Woche lang einer Person hinterhertelefoniert, die jeden Tag versprochen hatte, ein Plakat mit unserem Logo fertigzustellen. Das Plakat haben wir nie bekommen und wir wissen bis heute nicht, was sich die verantwortliche Person dabei gedacht hat. Zudem hatten wir anfänglich Probleme verbindliche Zusagen von Spielern für den Favela World Cup zu bekommen und in den letzten zwei Tagen haben uns dann interessierte Jugendliche quasi die Bude eingerannt. Man muss wirklich immer flexibel bleiben bei der Organisation und einen Plan B und Plan C parat haben.</p>
<div id="attachment_357" style="width: 522px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/medium.jpg"><img class="size-full wp-image-357" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/medium.jpg" alt="Alternativer Spielplan des Favela World Cups (Bild: Glenn Mason)" width="512" height="384" /></a><p class="wp-caption-text">Alternativer Spielplan des Favela World Cups (Bild: Glenn Mason)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Haben alle Spieler des Turniers in der Favela übernachtet?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> Ja, alle internationalen Fans, die am Favela World Cup teilgenommen haben, haben auch eine Unterkunft &#8211; für 65 Reais (ca. 20 Euro), mit Verpflegung 80 Reais (ca. 25 Euro) &#8211; bei einer Familie in der Favela gehabt. Das Projekt läuft noch bis zum Ende der WM und falls es noch Kurzentschlossene gibt: Man kann uns auch über <a href="https://www.airbnb.com.br/rooms/2640655">Airbnb</a> finden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Verbindet ihr den Favela World Cup auch mit der offiziellen WM?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> In jedem Haus läuft den ganzen Tag der Fernseher und wir haben auch, wenn es ging, jedes Spiel im Wohnzimmer von unserer sehr herzlichen Gastfamilie geguckt. In diesen Häusern ist immer viel Verkehr, weil sich immer jemand in der Küche und im Wohnzimmer aufhält, zum Beispiel die verschiedenen Generationen der Familie. Außerdem hatten wir als speziellen Preis, sowohl für den Torschützenkönig als auch für den besten Spieler des Favela World Cups, ein Ticket für das Spiel Deutschland gegen Portugal.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wer sind die Spieler und wie habt ihr sei ausgewählt?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> Die Spieler kommen größtenteils aus der Favela Odina, in der wir auch gewohnt haben. Die Teams haben unsere Hauptorganisatoren Jack Reynolds und Paul Kell mehr oder weniger durchs Zufallsprinzip zusammengewürfelt. Eine wichtige Voraussetzung war jedoch, dass pro Team mindestens ein internationaler Fan und eine Frau gespielt haben. Insgesamt haben acht Teams teilgenommen. Eines für jedes Land, das während der WM Spiele in Salvador austrägt. Am Ende hat das »Team Bosnien« im Elfmeterschießen gegen »Team Holland« gewonnen.</p>
<div id="attachment_356" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/large.jpg"><img class="size-full wp-image-356" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/large.jpg" alt="Die zusammengewürfelten Nationalmannschaften lieferten sich intensive Duelle (Bild: Glenn Mason)" width="1024" height="768" /></a><p class="wp-caption-text">Die zusammengewürfelten Nationalmannschaften lieferten sich intensive Duelle (Bild: Glenn Mason)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Seid ihr zufrieden mit der Veranstaltung?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> Ja. Das Feedback war überwältigend und ich glaube, dass wirklich alle Beteiligten einen einzigartigen Tag verlebt haben. Am Turniertag selber hatten wir vier Kamerateams von verschiedenen Kanälen vor Ort, die durch die sozialen Medien oder über unseren Freundes- und Bekanntenkreis von uns erfahren hatten. Im Anschluss des Favela World Cup haben wir noch ein Samba-Fest in unserem Viertel organisiert und man hat bei allen Teilnehmern ein Funkeln in den Augen sehen können.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Gab es während der Zeit in Salvador ein Schlüsselerlebnis für dich?</p>
<p><strong>Schlump:</strong> Die Gastfreundschaft der Leute in der Favela war sehr besonders. Es hat sich für mich schon nach einem Tag so angefühlt, als wäre ich seit vier Monaten Teil der Familie und der Favela-Gemeinschaft.</p>
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		<title>»Otto hat nach Luft jejapst«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=272</link>
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		<pubDate>Thu, 29 May 2014 05:02:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[fußball:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[DDR]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatie]]></category>
		<category><![CDATA[Hitzeschlacht]]></category>
		<category><![CDATA[Maracanã]]></category>
		<category><![CDATA[Militärdiktatur]]></category>

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		<description><![CDATA[Bernd Bauchspieß, Arzt und Leipziger Fußball-Legende, über seine Reise mit der DDR-Mannschaft nach Brasilien, die »Hitzeschlacht unterm Zuckerhut«, und darüber, wie es ist, vor 140.000 Zuschauern ein Tor zu schießen. &#160; Bernd Bauchspieß hat in sein »Heiligtum« geladen, einen Kellerraum...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Bernd Bauchspieß, Arzt und Leipziger Fußball-Legende, über seine Reise mit der DDR-Mannschaft nach Brasilien, die</strong> <strong>»Hitzeschlacht unterm Zuckerhut«, und darüber, wie es ist, vor 140.000 Zuschauern ein Tor zu schießen.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Bernd Bauchspieß hat in sein »Heiligtum« geladen, einen Kellerraum voll mit Bildern, Wimpeln, Briefen und Zeitungsartikeln. Es sind Zeitdokumente aus einer langen Karriere im DDR-Fußball. Der Raum ist ein passender Ort für eine Fußballgeschichtsstunde. Ein Glas Wasser, das auf dem Tisch steht, füllt er, sobald es nur halbleer ist, sofort wieder auf. Man müsse immer viel trinken, sagt Bauchspieß. Das habe er damals in Brasilien gelernt.</em></p>
<p><strong>ecke:</strong> Herr Bauchspieß, die WM 2014 in Brasilien steht vor der Tür. Sie haben vor exakt 50 Jahren etwas getan, worum sie viele Spieler der deutschen Nationalmannschaft momentan beneiden dürften: Sie erzielten vor 140.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro ein Tor. Wie kam es dazu?</p>
<p><strong>Bernd Bauchspieß:</strong> Das ist eine längere Geschichte. Erstmal muss man eines wissen: 140.000 Zuschauer klingt für heutige Verhältnisse unvorstellbar, aber damals passten ja sogar 220.000 Menschen hinein. Das Maracanã war also lange nicht ausverkauft. Aber, um auf ihre Frage zurückzukommen: Alles begann mit einer abenteuerlichen Südamerikareise im Dezember 1964.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Das war auch das Jahr in der Sie mit der Fußballmannschaft der DDR bei den Olympischen Spielen von Tokio die Bronzemedaille gewonnen haben.</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Richtig, im Oktober 1964. Ein einmaliges Erlebnis. Ich habe damals sogar ausgerechnet an meinem 25. Geburtstag ein Tor beim ersten Spiel gegen den Iran geschossen. Der Erfolg bei Olympia hat dem internationalen Ruf unserer Mannschaft einen großen Schub gegeben, so dass wir im Anschluss zu einigen Turnieren eingeladen wurden, unter anderem nach Indonesien und Burma. Wenig später folgten dann weitere Einladungen nach Chile, Uruguay und Brasilien. Unser Trainer, der Ungar Károly Soós, wollte diese Südamerikareise dazu nutzen, aus der Olympiamannschaft und der DDR-A-Nationalmannschaft unter Wettkampfbedingungen eine schlagkräftige Truppe für die Qualifikation zur WM 1966 in England zu bilden. Es durften nämlich damals keine Spieler der offiziellen A-Nationalmannschaft bei Olympia antreten, daher kannten wir die etablierten Nationalspieler noch nicht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Welche Nationalspieler waren auf dieser Südamerikareise dabei?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Das waren unter anderem zur damaligen Zeit große Namen wie der Kapitän Dieter Erler oder die Brüder Roland und Peter Ducke.</p>
<p><strong>ecke: </strong>Was passierte auf der Reise?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Sie war wie gesagt abenteuerlich. Eigentlich gab es schon vor der Abreise Schwierigkeiten. Es war das erste Mal, dass eine DDR-Mannschaft nach Südamerika flog. Und wer damals ins kapitalistische Ausland wollte, musste zunächst einmal ins Travelbüro nach Westberlin, um sich die Genehmigung zu holen. Die Behörden waren aufgrund dieser Reise sehr skeptisch, es galt schließlich zu dieser Zeit die »Hallstein-Doktrin«…</p>
<p><strong>ecke:</strong> …, die von 1955 bis 1969 besagte, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR der Bundesrepublik gegenüber als »unfreundlicher Akt« betrachtet werden müsse. Grund dafür war die Auffassung der westdeutschen Regierung, dass die Bundesrepublik die einzige legitime Vertretung des deutschen Volks sei – und der Versuch einer außenpolitischen Isolierung der DDR.</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Wir erhielten zwar letztendlich die Genehmigung, durften dann aber doch nicht nach Uruguay, wo unser erstes Spiel stattfinden sollte, einreisen. Also mussten wir in Rio de Janeiro zwischenlanden. Und haben direkt im Maracanã -Stadion übernachtet. Da gab es ein paar Extra-Räume und so war es auf die Schnelle die beste Lösung.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Felix Magath würde sagen: Eigentlich der perfekte Ort für eine nächtliche Trainingseinheit.</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Davon hat der Trainer zum Glück abgesehen. Und wir konnten schon am nächsten Tag dann doch nach Uruguay fliegen. Dort haben wir in Montevideo vor 50.000 Zuschauern gegen Uruguay 2:0 gewonnen. Die anschließend geplante Weiterreise nach Chile musste allerdings aus mir schleierhaften Gründen wieder abgesagt werden. Also ging es zurück nach Brasilien.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Hat man als Spieler mitbekommen, was da hinter den Kulissen gespielt wurde?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> So gut wie nicht. Wir wurden damals als Diplomaten in Trainingsanzügen gesehen und mussten das tun, was uns gesagt wurde. Mehr war nicht drin. Meiner Meinung nach, heute wie damals, sollte die Politik ihre Hände aus dem Sport herauslassen. Was die Regierungen nicht schaffen, schafft der Sport erst Recht nicht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> In Brasilien gab es 1964, kurz vor Ihrem Besuch, einen Militärputsch, der zu einer 21 Jahre währenden Militärdiktatur führen sollte. Haben Sie davon etwas mitbekommen?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Nein. Wir waren nur wenige Tage dort und haben uns wie gesagt auf den Fußball konzentriert.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Auch aktuell vor der WM wird der Sport in Brasilien wieder zum Politikum. Die teuren und überwiegend vom Staat finanzierten WM-Stadien gelten als Auslöser der größten Proteste innerhalb der Bevölkerung seit dem Ende der Militärdiktatur. Andererseits versuchen führende Politiker, wie Präsidentin Dilma Rousseff, die WM als erfolgreiches infrastrukturelles Projekt zu verkaufen. Ist eine Trennung von Sport und Politik nicht unrealistisch?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Ja, diese Trennung ist Wunschdenken. Ich glaube generell, dass der Sport eine große Macht entfalten kann, vor allem der Fußball, vor allem in Brasilien. Nichts ist den meisten Brasilianern heiliger als der Fußball. Es gab da noch eine Anekdote, die sich damals innerhalb unserer Mannschaft rumsprach: In der einen Nacht, die wir im Maracanã -Stadion verbracht haben, müssen einige Strippen gezogen worden sein. Es wurde jedenfalls gemunkelt, dass der Präsident des Vereins Flamengo Rio de Janeiro, der uns die Unterkunft besorgt hatte, Druck auf den damaligen brasilianischen Präsidenten, Humberto de Alencar Castelo Branco ausgeübt hat: Er habe Castelo Branco einige Zeit zuvor geholfen einen Streik zu beenden, indem er eine große italienische Fußballmannschaft eingeladen habe. Ein Großteil der Streikenden hätte daraufhin den Streik Streik sein lassen und wäre zum Spiel gegangen. Im Gegenzug sollte Castelo Branco unserer Mannschaft nun so schnell wie möglich ein Visum für Uruguay besorgen. Ob das die Wahrheit ist, weiß ich nicht. Jedenfalls waren wir am nächsten Tag in Uruguay.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Zurück zum Sport: Was geschah nach der Rückkehr nach Brasilien?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Wir waren direkt am nächsten Tag zu einem Turnier eingeladen worden. Die Teilnehmer waren der Arbeiterverein Flamengo Rio de Janeiro, dessen Hauptrivale Vasco da Gama, der eher bürgerlich geprägter war und Atlético Madrid. Atlético war damals eine absolute Spitzenmannschaft. Zwei Jahre zuvor hatten sie den Europapokal der Pokalsieger gewonnen und im Tor stand einer zu der Zeit besten Torhüter der Welt: Der Argentinier Edgardo Madinabeytia. Außerdem war die kürzlich verstorbene spanische Trainerlegende Luis Aragonés mit von der Partie. Das erste Spiel haben wir leider um 12 Uhr mittags mit 2:3 gegen Vasco da Gama verloren. Es herrschte eine unvorstellbare Hitze. »Hitzeschlacht unterm Zuckerhut« hieß eine der Schlagzeilen zu diesem Spiel. Da ging jeder Spieler auf dem Zahnfleisch. Unser Laufwunder war damals Otto Fräßdorf, der eigentlich von der Kondition her nicht totzukriegen war. Aber ausgerechnet der war schon nach 30 Minuten breit und hat nach Luft gejapst. Er musste in der Halbzeit beatmet werden. Darauf waren die Brasilianer jedoch gut vorbereitet. Am Spielfeldrand standen mehrere Pritschen mit Sauerstoffmasken.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie ging es Ihnen selbst während des Spiels?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Mein Trikot war zur Halbzeit klitschnass und der Gummibund meiner Hose konnte das Wasser nicht mehr halten. Ich habe dann die komplette Garnitur gewechselt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Bei der diesjährigen WM soll es aufgrund derartiger Befürchtungen in Ausnahmesituationen Trinkpausen für die Spieler geben. Die deutsche Nationalmannschaft wird zum Beispiel ihr Gruppenspiel gegen Portugal im heißen Nordosten Brasiliens in Salvador um 13 Uhr austragen.</p>
<p><strong>Bauchspieß: </strong>Das habe ich in der Zeitung gelesen und halte es für eine sehr gute Idee. Die Sportmedizin hat sich ja mittlerweile auch weiterentwickelt. Bei uns hieß es damals noch: In der Halbzeit möglichst nichts trinken, nur die Lippen benetzen. Und jetzt werden sogar Trinkpausen eingelegt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie ging das Turnier weiter?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Nach dieser unglücklichen Niederlage gegen Vasco da Gama hieß unser zweiter Gegner im Maracanã-Stadion dann Atlético Madrid, wie gesagt vor 140.000 verrückten Zuschauern. Und das obwohl es nur ein Freundschaftsspiel ohne brasilianische Beteiligung war. Atlético war sehr stark und ich habe auf einer für mich ungewohnten Position als Rechtsaußen gespielt. Trotzdem habe ich dann in der 38. Minute auf Hereingabe des schnellen Max Vogel das 1:0 geschossen, flach ins lange Eck.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Erlauben Sie diese klassische sportjournalistische Frage: Wie fühlt man sich, wenn man vor 140.000 Zuschauern im größten Stadion der Welt ein Tor schießt?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Ich konnte es selbst kaum glauben und war heilfroh, dass der Ball drin war. Das war ein ohrenbetäubender Lärm. Das Spiel ging dann 1:1 aus, wir hatten das Finale verpasst. Als Flamengo und Vasco da Gama dieses austrugen, saßen wir schon wieder im Flieger nach Hause. Trotzdem war das für uns alle eine wertvolle internationale Erfahrung.</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="http://www.youtube.com/embed/LO8llxA4TyY?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p><strong>ecke:</strong> Was würden Sie den deutschen Spielern raten, falls sie dieses Jahr tatsächlich einmal vor dieser Kulisse spielen sollten?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Möglichst nicht hingucken, sonst werden die Knie wackelig.</p>
<div id="attachment_276" style="width: 623px" class="wp-caption aligncenter"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/05/Foto_online2.jpg"><img class="size-full wp-image-276" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/05/Foto_online2.jpg" alt="Ohrenbetäubender Lärm: Bauchspieß beim Torschuss in Rio (Bild: privat)" width="613" height="411" /></a><p class="wp-caption-text">Ohrenbetäubender Lärm: Bauchspieß beim Torschuss in Rio (Bild: privat)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Noch im Jahr 1961 sah es nicht danach aus, als würden Sie jemals bei Olympia oder im Maracanã -Stadion auf dem Platz stehen. Sie wurden vom »Deutschen Fußball Verband« (DFV) für alle Sportclubs innerhalb der DDR gesperrt, was Ihnen den Zugang zu den besten Vereinen verwehrte. Wie kam es dazu?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Ich war damals noch sehr jung, hatte gerade erst Abitur gemacht und war dazu im Jahr zuvor noch für die BSG Chemie Zeitz Torschützenkönig in der DDR-Oberliga geworden. Kurz gesagt, ich wurde damals als der kommende Starspieler gehandelt. Daher wurde mir nahegelegt doch zu Dynamo Berlin zu wechseln, was ich dann im Frühjahr 1961 auch tat. Für Dynamo habe ich aufgrund einer schwere Mandelentzündung aber kaum gespielt. Außerdem wollte ich unbedingt Medizin studieren und habe dafür im Juli auch eine Zusage bekommen – von der Uni Leipzig. Das Studium sollte im September losgehen. Dann kam jedoch im August diese unsägliche Mauer dazwischen. Kein Mensch wusste was los war, es ging drunter und drüber. Und mir wurde zu Lasten gelegt, dass ich in einer Zeit der höchsten Gefahr für die Republik nicht mit der Waffe in der Hand die Grenzen beschützt habe, sondern schon im August von Dynamo und somit aus Berlin weggegangen bin.</p>
<p><strong>ecke:</strong> War Ihnen in dem Moment bewusst, welche Konsequenzen Ihr Weggang haben würde?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Nein. Aber ich konnte als junger Mensch die Situation in Berlin nicht einschätzen und hatte einfach Angst um meinen Studienplatz. Da bin ich so schnell wie möglich nach Leipzig gegangen. Ich wurde dann zu Manfred Ewald, dem höchsten Sportfunktionär der DDR bestellt. Der hat mich ordentlich zur Brust genommen. »Sie können zwar Fußball spielen, aber die Genüsse eines Sportclubs können Sie sich abschminken«, hieß es da. Doch zum Glück konnte ich wenigstens meinen Studienplatz behalten, darum habe ich auch gekämpft. »Werden Sie ein guter Arzt, und dann reden wir irgendwann weiter«, sagte Ewald noch. Aber ich hatte das Gefühl, er dachte, das packt der Bauchspieß sowieso nicht. Und das war auch während meines gesamten Studiums ein Motivationsstachel für mich.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was genau hätten Sie laut Ewald im August 1961 denn tun sollen?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Es wurde von jedem fortschrittlichen sozialistischen Spitzensportler erwartet, mit der Waffe an der Hand an der Mauer zu stehen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie wurde den Sportlern das kommuniziert?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Viele Trainer, wie zum Beispiel Fritz Belger, haben das ihren Spielern schon deutlich gemacht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Haben Sie den direkten Befehl erhalten die Mauer zu verteidigen?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Nein, ich hatte mich wie gesagt meiner Meinung nach ordnungsgemäß aus Berlin abgemeldet und war auf dem Sprung nach Leipzig. Da hat man sich in dem Chaos nicht groß um mich gekümmert. Das kam erst später.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Als Student waren Sie nun in Leipzig, als talentierter Fußballer spielten sie jedoch zunächst nur für die BSG Chemie Zeitz. Fühlten sie sich unterfordert?</p>
<p><strong>Bauchspieß: </strong>Überhaupt nicht. Nach Zeitz zurückzugehen war das einzig Richtige. Wir hatten keine schlechte Mannschaft. Und ich musste nur einmal die Woche trainieren. Eigentlich war das mein Glück. Denn es wäre unmöglich gewesen bei einem Sportclub ein bis zweimal am Tag zu trainieren und gleichzeitig das Medizinstudium zu packen. Und so bin ich immer nur sonntags früh nach Zeitz gefahren, habe gespielt und abends ging es wieder zurück nach Leipzig. Da blieb genügend Zeit zum Lernen. Außerdem hatte ich eine herrliche Leipziger Studentenzeit. Wie oft wir im Café Corso oder im Coffe Baum saßen und diskutiert haben. Das waren zwei der wenigen Orte, an denen man noch das Gefühl hatte frei seine Meinung sagen zu können.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Nach zwei Jahren in Zeitz wechselten Sie dann 1963 aber doch nach Leipzig und hatten bei der BSG Chemie Ihre erfolgreichste Zeit. Wie lief der Wechsel ab?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Ich war schon mit dem Physikum fertig und bekam mit, dass man in Leipzig dabei war eine starke Mannschaft zusammenzustellen, den SC Leipzig. Dort sollten die besten Spieler von Lok Leipzig und Rotation Leipzig zusammenspielen. Ich wollte da sehr gerne hin, aber der neue Clubleiter bekam vom Verband gleich gesagt: »Bauchspieß nicht«. Es haben sich noch mehrere Funktionäre für mich eingesetzt, aber Mielke und Konsorten waren stärker. Da man in Leipzig jedoch unbedingt zwei Oberligavereine haben wollte, wurde auch noch die BSG Chemie Leipzig neu gegründet. Der habe ich man dann angeschlossen. Ich musste während des Studiums schließlich auch ein paar Pfennige verdienen. Im Nachhinein war das für mich wieder ein Glücksfall.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Bei der BSG Chemie sollten lediglich die »nicht förderungswürdigen Spieler« spielen, der sogenannte »Rest von Leipzig«. Trotzdem wurden Sie mit dieser Mannschaft gleich im ersten Jahr Meister. Was war das Erfolgsgeheimnis ?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Wir haben uns eben in der Rolle des klassischen Underdogs wohlgefühlt. Wir hatten keinen Druck. Und obwohl wir alle verschiedenen Berufen nachgingen, war der Zusammenhalt in der Mannschaft sehr groß. Das ist bis heute so. Wir treffen uns jedes Jahr, dieses Jahr zum fünfzigsten Mal.</p>
<div id="attachment_275" style="width: 262px" class="wp-caption aligncenter"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/05/Foto_online1.jpg"><img class="size-full wp-image-275" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/05/Foto_online1.jpg" alt="Mehrfacher Oberliga-Torschützenkönig: Bernd Bauchspieß (Bild: privat)" width="252" height="492" /></a><p class="wp-caption-text">Mehrfacher Oberliga-Torschützenkönig: Bernd Bauchspieß (Bild: privat)</p></div>
<p><strong>ecke: </strong>Wie haben Sie trotz Sperre den Sprung in DDR-Olympiamannschaft geschafft?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Ich glaube der neue Nationaltrainer Károly Soós hatte mich schon länger beobachtet. Und ich habe bei Chemie wirklich groß aufgespielt. Im Spiel gegen meinen Ex-Verein Dynamo Berlin saß er dann auf der Tribüne und hat gesehen wie ich zwei Tore erzielte und zwei weitere auflegte. Da wurden schon erste Stimmen laut: »Bauchspieß nach Tokio«. Wenig später wurde ich dann ins Astoria bestellt, wo verschiedene hohe Sportfunktionäre versammelt waren. Ich galt nach den Vorfällen von 1961 und meiner Sperre ja als Problemfall und stand stets im Verdacht flüchten zu wollen. Im Astoria hieß es dann ohne Umschweife: »Na Spitzi, willst du nun abhauen oder nicht?« Ich antwortete nur: »Ich habe meinen Studienplatz hier, meine Freunde, meine Eltern. Ich haue nicht ab«. Das war anscheinend überzeugend. Eine Woche später war ich schon auf dem Weg nach Tokio.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was war letztendlich der Grund für Ihre Begnadigung?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Das war ganz klar Károly Soós. Der Mann hatte im Gegensatz zu meinem regimekritischen Vereinstrainer Alfred Kunze eine Lobby. Er kannte die richtigen Leute im ZK und die haben das schließlich abgenickt. Deswegen habe ich bei Soós auch nie Theater gemacht, wenn ich mal nicht gespielt habe. Ich wusste, was ich ihm zu verdanken hatte.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Die DDR-Nationalmannschaft schaffte es trotz der Südamerikareise nicht, sich für die WM 1966 zu qualifizieren. Und auch Ihre Nationalmannschaftskarriere war vorbei, bevor sie richtig angefangen hatte. Wieso?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Nach der verpassten WM-Qualifikation habe ich mich wieder stärker auf mein Studium konzentriert. Eine Nationalmannschaftskarriere wäre damit nicht zu vereinbaren gewesen. Und als ich wieder mehr Zeit hatte, war der Zug abgefahren. Dem neuen Nationaltrainer Seeger war ich zu alt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Apropos: Sie werden dieses Jahr 75 und praktizieren immer noch als Orthopäde in Ihrer Leipziger Praxis. Wie lange wollen Sie noch weitermachen?</p>
<p><strong>Bauchspieß:</strong> Solange es mir Freude macht. Und das werden sicherlich noch ein paar Jährchen sein.</p>
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<p>Dieses Interview ist am 23.5. in der Juni-Ausgabe des Leipziger Stadtmagazins <a href="http://kreuzer-leipzig.de/">kreuzer</a> erschienen.</p>
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		<title>Willkommen in der Ecke</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Nov 2013 20:51:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anfang Januar 2014 geht ecke:sócrates, das Hintergrund-Journal zur WM in Brasilien online. Damit dieses 5-wöchige journalistische Projekt erfolgreich sein kann, braucht es noch ein wenig Unterstützung. Vor allem auf krautreporter.de, der Crowdfunding-Plattform für unabhängigen Journalismus. https://krautreporter.de/eckesocrates]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Anfang Januar 2014 geht ecke:sócrates, das Hintergrund-Journal zur WM in Brasilien online. Damit dieses 5-wöchige journalistische Projekt erfolgreich sein kann, braucht es noch ein wenig Unterstützung. Vor allem auf krautreporter.de, der Crowdfunding-Plattform für unabhängigen Journalismus.</p>
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