<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>ecke:sócrates &#187; Studenten</title>
	<atom:link href="http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;tag=studenten" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.eckesocrates.de</link>
	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
	<lastBuildDate>Tue, 16 Sep 2014 16:33:48 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
		<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
		<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=4.0.38</generator>
	<item>
		<title>»Das hier ist unsere WM« &#8211; oder?</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=366</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=366#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 25 Jun 2014 22:12:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Belo Horizonte]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
		<category><![CDATA[Militärpolizei]]></category>
		<category><![CDATA[Proteste]]></category>
		<category><![CDATA[Studenten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=366</guid>
		<description><![CDATA[Die Universität in Belo Horizonte ist idyllisch gelegen. Inmitten einer Grünanlage mit dem See »Lagoa da Pampulha«, der noch von Oscar Niemeyer entworfen wurde, als Rückzugsort. Das WM-Stadion Estádio Mineirão liegt ebenfalls in dieser Idylle. Hier beginnt das Problem. &#160;...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Universität in Belo Horizonte ist idyllisch gelegen. Inmitten einer Grünanlage mit dem See »Lagoa da Pampulha«, der noch von Oscar Niemeyer entworfen wurde, als Rückzugsort. Das WM-Stadion Estádio Mineirão liegt ebenfalls in dieser Idylle. Hier beginnt das Problem.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Belo Horizonte)</p>
<p>João studiert seit einigen Jahren Medienwissenschaften an der Universidade Federal de Minas Gerais. Er ist ein fröhlicher Mensch, den eigentlich so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Doch das ist seit rund drei Wochen anders, seit die WM begonnen hat. »Hier hat sich in kürzester Zeit sehr viel verändert«, sagt er. »Die Busse fahren auf einmal anders, überall sind Polizisten, kleine Geschäfte in der Umgebung mussten schließen, der Verkehr ist langsamer, die Stadt ist voll, die Stadt ist stressig.« Der Campus seiner Universität hingegen ist leer und wirkt wie ausgestorben. Das Semester wurde in diesem Jahr schon einen Monat eher als gewöhnlich beendet, da den Organisatoren der WM der laufende Uni-Betrieb in direkter Nähe des Stadions ein Dorn im Auge war. Aus diesem Grund musste João sein Auslandssemester in Deutschland Anfang des Jahres ebenfalls einen Monat früher abbrechen, um rechtzeitig zu Semesterbeginn in Belo Horizonte zu sein. Jetzt, in den verfrühten Ferien, schreibt er an mehreren Hausarbeiten, die er an seine deutsche Uni nachreichen muss.</p>
<div id="attachment_369" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_005.jpg"><img class="size-large wp-image-369" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_005-1024x578.jpg" alt="Blick auf das Estádio Mineirão vom Uni-Campus aus (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf das Estádio Mineirão vom Uni-Campus aus (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>In Joãos Studentenwohnheim, zu Fuß keine zehn Minuten vom Stadion entfernt, herrscht eine bedrückte Stimmung. Viel wird in diesen Tagen über die WM gesprochen. Kein Morgen beginnt, ohne, dass beim typischen »Café da manhã« (Morgenkaffee) das Wort »Copa« fällt und auch abends, bei einer kühlen »Cerveja«, kommt kein Gespräch ohne dieses Wort aus. Die wenigen im Wohnheim verbliebenen Studenten diskutieren leidenschaftlich über alles, was mit dieser WM zu tun hat, nur nicht über Fußball. »Ich kann nicht ignorieren, was hier in meinem direkten Umfeld vor sich geht. Da kann und will ich mich nicht auch noch auf die Spiele konzentrieren«, sagt João. Und eine seiner Kommilitoninnen drückt es noch drastischer aus: »Für mich gibt es keine Fußball-WM«, sagt sie. Die Studenten zeigen sich jeden Tag gegenseitig Videos der letzten Demonstrationen gegen die WM und lesen sich Artikel aus vertrauenswürdigen Quellen vor.</p>
<div id="attachment_368" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_008.jpg"><img class="size-large wp-image-368" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_008-1024x578.jpg" alt="»Hier (auf dem Campus) ruht die Fifa« (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">»Hier (auf dem Campus) ruht die Fifa« (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Belo Horizonte, im Volksmund nur »BH« (sprich »be-agá«) genannt und Hauptstadt des Bundestaates Minas Gerais, gilt als eine der Hochburgen der Protestbewegung &#8211; und die Studenten sind ihre treibende Kraft. Bei einer Demonstration am ersten Wochenende nach WM kamen rund 1000 Menschen auf der Praça Sete, einem der zentralen Plätze der Stadt zusammen. Das sind nicht viele – verglichen mit dem Vorjahr. Trotzdem waren es genug, um die Militärpolizei in Alarmbereitschaft zu setzen. Rund 12.000 Militärpolizisten kesselten die Demonstranten auf dem Platz ein, keiner kam mehr rein, keiner konnte raus. »Das war maßlos übertrieben und hat uns nur noch wütender gemacht«, sagt João, der mit einigen Freunden an der Demo teilgenommen hat. Obwohl keine Gewalt von Seiten der Demonstranten ausging wurden 25 von ihnen von der Polizei festgenommen und einer durch ein Gummigeschoss leicht verletzt.</p>
<p>Die Militärpolizisten sind eines der Phänomene, die während dieser WM besonders auffallen. Insgesamt 15.000 von ihnen weilen momentan in Belo Horizonte. An nahezu jedem wichtigen öffentlichen Ort der Stadt stehen sie und beobachten. Mehr als seltsam wirkt es, wenn sie darüber hinaus noch versuchen, Sympathien für sich zu gewinnen. In einem Park, unweit der Praça Sete, gipfelt diese Absicht in einem skurrilen Szenario: Vor einem Banner mit der Aufschrift »Es existieren Superhelden im realen Leben«, können Kinder gemeinsam mit einem grinsenden Polizeimaskottchen und einem »Superman« (der zudem noch stark an Cristiano Ronaldo erinnert) für ein Erinnerungsfoto posieren. Die Militärpolizei versucht sich als familientauglicher Freund und Helfer zu inszenieren, wirkt aber eher wie eine plumpe Version des Orwellschen »Big Brother«.</p>
<div id="attachment_370" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_025.jpg"><img class="size-large wp-image-370" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_025-1024x578.jpg" alt="Gleich zwei Helden auf einem Bild: Militär-Maskottchen und Super-Ronaldo (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Gleich zwei Helden auf einem Bild: Militär-Maskottchen und Super-Ronaldo (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ein paar hundert Meter entfernt, soll es an diesem Tag aber dann doch noch Arbeit für die Supermänner geben. Zumindest, wenn man den Facebook-Gruppen Glauben schenkt, über die João und seine Mitstreiter kommunizieren. In unregelmäßigen Abständen wird dort eine »Assembleia Popular Horizontal« einberufen, eine Versammlung, in der demokratisch die nächsten Schritte des Protests geplant werden. Für das vergangene Wochenende waren das eine neue Demo an der Praça Sete sowie eine Besetzung eines weiteren zentralen Platzes, um dort ein alternatives Fußballturnier auszutragen. João und die anderen Studenten aus dem Wohnheim haben hohe Erwartungen an die kommenden Tage.</p>
<p>Von der Demo ist allerdings am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit nicht viel zu sehen. Gegenüber des Obelisken der Praça Sete haben sich nicht mehr als 20 Personen versammelt. Zwei, drei Banner und die Bilder der beim Stadionbau gestorbenen Arbeiter halten sie in den Händen. Drumherum stehen – natürlich – fast gelangweilt rund 50 Militärpolizisten. Ein Mikrofon wird unter den Demonstranten abwechselnd herumgereicht und jeder, der möchte, kann etwas sagen. Der Großteil der Redner spricht über Bildung, Gesundheit und Korruption. Einige fordern die Regierung auf, Marihuana zu legalisieren, wie es vor kurzem in Uruguay geschehen ist. Und es gibt vereinzelte »Fifa raus«-Gesänge. João ist enttäuscht. »Vielleicht ist das nur ein Ablenkungsmanöver und dafür ist woanders mehr los. Oder sie haben für die Besetzung morgen noch viel vorzubereiten.«</p>
<div id="attachment_372" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_061.jpg"><img class="size-large wp-image-372" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_061-1024x578.jpg" alt="Die Demonstration auf der Praca Sete (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Demonstration auf der Praca Sete (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Doch auch am nächsten Tag ist von Protesten keine Spur. Angekündigt war es, um 12 Uhr mittags die Praça da Estação, benannt nach dem alten Bahnhofsgebäude davor, zu besetzen. Bis auf die Militärpolizisten ist allerdings noch niemand da. Erst gegen 15 Uhr trudeln die ersten Menschen ein und beginnen zu musizieren und zu tanzen. Eine Stunde später sind rund 300 Menschen versammelt, hauptsächlich Studenten. Die Militärpolizisten verziehen keine Miene und bilden wieder eine Art Kreis um die Praça. Doch innendrin protestiert niemand. Stattdessen findet das angekündigte Fußballturnier statt. »Das hier ist unsere WM«, ruft einer. Dann wird gespielt. Harakiri statt Tiki-Taka. Und der Schiedsrichter ist bezeichnenderweise ein Clown mit Aktenkoffer in der Hand. Trotzdem fällt bei fast jedem Tor der Jubel der Spieler und Zuschauer emotionaler aus, als vielerorts bei den WM-Toren von Neymar.</p>
<div id="attachment_374" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_010.jpg"><img class="wp-image-374 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_010-1024x578.jpg" alt="Joao und seine Freunde auf dem Weg zur Besetzung (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">João und seine Freunde auf dem Weg zur Besetzung (Bild: T. Zwior)</p></div>
<div id="attachment_376" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_026.jpg"><img class="wp-image-376 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_026-1024x578.jpg" alt="WP_20140622_026" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Ob dieser Schiedsrichter die Fifa-Zulassung bekommen hätte? (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Langsam wird es dunkel. Der Platz ist jetzt noch voller geworden, ein mobiler Grillmeister verkauft Fleisch mit Bohnen und Reis. Es treten einige Bands auf und Trommel-Trupps ziehen umher. Die Praça da Estação ist zum Ort eines Straßenfests geworden, einige der Militärpolizisten sind wieder gefahren. Zwischen zwei Liedern ruft der Sänger einer Band ins Mikrofon: »Wir haben zwar hier Spaß, aber vergesst nicht, dass wir gegen die Fifa sind.«</p>
<p>Die Studenten in Belo Horizonte sind wütend. Aber sie schaffen es zur Halbzeit der WM nicht, ihre Wut auf die Straße zu bringen.</p>
<div id="attachment_377" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_029.jpg"><img class="size-large wp-image-377" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_029-1024x578.jpg" alt="Der Mannschaftsbus der Militärpolizei kann wieder abfahren (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Der Mannschaftsbus der Militärpolizei kann wieder abfahren (Bild: T. Zwior)</p></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=366</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Ich werde ein Buch lesen«</title>
		<link>http://www.eckesocrates.de/?p=232</link>
		<comments>http://www.eckesocrates.de/?p=232#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 10 Apr 2014 02:18:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichgültigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Studenten]]></category>
		<category><![CDATA[WM]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.eckesocrates.de/?p=232</guid>
		<description><![CDATA[Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die fußballerische und gesellschaftliche (An-)Spannung kaum größer sein könnte. ecke:sócrates hat sich mit jungen Brasilianern unterhalten, die ausgerechnet diesen Sommer nicht in ihrem Heimatland verbringen werden.<br />
</em></p>
<p>Geanmarcos Garcia Terra ist sich sicher. Und so kann man seine Antwort schon während der Frage am Rollen seiner Augen ablesen. »Bei dieser durchkommerzialisierten Show dabei sein? Nein, danke.« Der 20-jährige Student bezeichnet sich als entschiedenen Gegner der WM in seinem Heimatland Brasilien. Er mag den Fußball als Sport, aber im Fernsehen oder im Stadion schaut er ihn nie. »Der Fußball und vor allem die WM sind für Leute mit Geld gemacht, da wird von vorneherein ein großer Teil der Gesellschaft ausgeschlossen.«</p>
<p>Geanmarcos ist daher froh, ausgerechnet diesen Sommer ein Stipendium für ein Semester in Argentinien bekommen zu haben. Für die Zukunft hat er große Pläne, möchte Professor im Bereich Kommunikationswissenschaften werden und sich politisch weiter in der PT, der Partei von Präsidentin Dilma Rousseff, engagieren. Es mutet paradox an: Er ist WM-Gegner, aber kein Gegner der brasilianischen Regierung.</p>
<p>Wie Geanmarcos geht es vielen jungen Brasilianern, die an der Universidad Nacional de Cuyo in Mendoza, Argentinien ihr Auslandssemester verbringen. Für nichts in der Welt würden sie diese Chance eintauschen, schon gar nicht für die Weltmeisterschaft im eigenen Land.</p>
<div id="attachment_233" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg"><img class="size-full wp-image-233" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg" alt="Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Zildmara Rodrigues, ebenfalls 20 Jahre alt, spricht einen weiteren Punkt an, den man so oder so ähnlich schon seit geraumer Zeit immer wieder aus Brasilien hört: »Als Brasilien 2007 als Gastgeber ausgewählt wurde, dachten viele, das sei gut für das Land. Es gäbe mehr Investitionen in die Infrastruktur. Aber die Investitionen flossen fast alle in die Stadien oder verschwanden in den Taschen der Elite.«</p>
<p>Der Musikstudentin aus São Paulo vergeht ihr sonst so warmes, herzliches Lachen, wenn sie an die WM denkt. Ernüchtert stellt sie fest: »Ich war 2013 gemeinsam mit meinen Freunden bei den Demonstrationen dabei. Nichts hat sich seitdem geändert. Müsste ich während der WM in Brasilien sein, würde mich das nur traurig machen.«</p>
<div id="attachment_235" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg"><img class="size-full wp-image-235" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg" alt="Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Frage, ob sie denn während der WM nicht lieber in ihrem Heimatland sein wolle, werde ihr ständig gestellt, sagt Ana Ligia Alcarás. »Dabei war ich noch nie begeistert von der WM. Keiner meiner Familie oder Freunde wird hingehen und sich ein Spiel anschauen.« Die 21-Jährige studiert an der Universidade Estadual Paulista in der Nähe von São Paulo Internationale Beziehungen und möchte später einmal als Diplomatin die Beziehung Brasiliens zu den anderen Ländern Lateinamerikas verbessern.</p>
<p>An der brasilianischen Innenpolitik hingegen lässt sie kein gutes Haar. »Brasilien ist ein Land mit großem wirtschaftlichem Potenzial, aber die Politik schafft es nicht, das Land zu organisieren, die Gelder vernünftig zu verteilen.« Das liege zum Teil an der Größe des Landes, aber eben auch an wahnwitzigen Projekten, wie der WM, die von Korruption und Misswirtschaft geprägt seien. Ana hat sich nun warm geredet und setzt noch einen drauf: »Am schlimmsten ist die Fußballpropaganda in fast allen großen Medien Brasiliens, die im Vorfeld des Turniers versucht den Verstand der Leute zu vernebeln. Auch deswegen bin ich froh diesen räumlichen Abstand von der WM zu haben.«</p>
<div id="attachment_236" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg"><img class="size-full wp-image-236" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg" alt="Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=194">André Santos</a> aus Maringá studiert Ökonomie. Als angehender Volkswirt zeigt auch er sich enttäuscht über die verpasste Chance, durch die WM einen Aufschwung zu bewirken: »Der Fußball ist ein Multiplikator von Geld und hätte in unserem Land viel Gutes bewirken können – wenn das Geld denn in die richtigen Projekte fließen würde.« Dass der Großteil der Baumaßnahmen für die WM vom Staat und somit vom Steuerzahler getragen werde &#8211; und nicht zum Beispiel von der Fifa – findet der 24-Jährige grotesk.</p>
<p>»Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ob es schade sei, während der WM nicht in Brasilien zu sein. Das sagt alles.« Ignorieren werde er die WM trotzdem nicht: »Ich werde die Spiele der Seleção im Fernsehen verfolgen und auch über die sozialen Medien mit meinen Freunden Kontakt halten. Denn es wird so gut wie sicher wieder Demonstrationen geben.«</p>
<div id="attachment_238" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg"><img class="size-full wp-image-238" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg" alt="WP_20140313_011" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Diego Gomes, Geanmarcos Garcia Terra und André Santos genießen das Auslandssemester auf dem Campus der Uni in Mendoza (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ein Thema, das bei den Demonstrationen in Brasilien immer wieder angeprangert wird, ist die Korruption. »Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine Großveranstaltung wie die WM die ideale Spielwiese für korrupte Politiker, Funktionäre oder Unternehmer ist«, sagt Tanise Ceron eine 20-jährige Anglistik-Studentin aus der südlichen Küstenstadt Floreanópolis. Sie selbst habe in ihrem noch jungen Leben schon häufiger mit Korruption zu tun gehabt.</p>
<p>Das fange schon im Kleinen an. So seien zum Beispiel Fördermittel vom Staat für eines ihrer Stipendien niemals bei ihr angekommen – sondern irgendwo in ihrer Uni »verschollen«. »Wenn ich mir vorstelle, dass so etwas bei der WM in großem Stil passiert, wird mir schlecht. Aus diesem Grund hatte ich noch nie Sympathien für die WM und will nichts mit dieser Veranstaltung zu tun haben.«</p>
<div id="attachment_237" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg"><img class="size-full wp-image-237" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg" alt="Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Der Einzige, bei dem zumindest ein Funken Wehmut zu spüren ist, ist Diego Gomes. Er ist 27, studiert Ingenieurwesen und wird von allen nur »Marcelo« gerufen, weil er dem gleichnamigen brasilianischen Nationalspieler verblüffend ähnlich sieht. »Ich hätte es schon schön gefunden, während der WM in Brasilien zu sein. Ich mag den Fußball, denn da kommen die Leute zusammen.« Wie zum Beweis zieht er die Flagge seiner Lieblingsmannschaft, eines Drittligavereins aus der Tasche.</p>
<p>„Diese Stimmung, dieses Gemeinschaftsgefühl würde ich gerne miterleben. Natürlich gibt es in Brasilien viele soziale Probleme. Aber die WM ist ein Moment, der wichtig für unsere Gesellschaft sein wird. Den würde ich gern mit meinen Freunden zu Hause teilen.« Trotzdem geht auch bei ihm das Studium vor: »Im Ausland studieren zu können, ist ein großes Privileg, das nur sehr wenige Brasilianer erhalten. Fußball ist eben nicht alles im Leben.«</p>
<div id="attachment_234" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg"><img class="size-full wp-image-234" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg" alt="Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ablehnung, Gleichgültigkeit, Ernüchterung. Diese Gefühle ziehen sich durch den Großteil der Gespräche mit den brasilianischen Studenten. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu verpassen, bewegt sie kaum.</p>
<p>Geanmarcos bringt es auf den Punkt: Auf die Frage, was er im Falle des sechsten WM-Titels für die brasilianische Nationalmannschaft tun werde, antwortet er ohne mit der Wimper zu zucken: »Das Finale werde ich mir mit Sicherheit nicht anschauen. Ich werde ein Buch lesen.«</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.eckesocrates.de/?feed=rss2&#038;p=232</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
