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	<title>ecke:sócrates &#187; Korruption</title>
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	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
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		<title>»Ich werde ein Buch lesen«</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Apr 2014 02:18:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
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		<category><![CDATA[Gleichgültigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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		<description><![CDATA[Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die fußballerische und gesellschaftliche (An-)Spannung kaum größer sein könnte. ecke:sócrates hat sich mit jungen Brasilianern unterhalten, die ausgerechnet diesen Sommer nicht in ihrem Heimatland verbringen werden.<br />
</em></p>
<p>Geanmarcos Garcia Terra ist sich sicher. Und so kann man seine Antwort schon während der Frage am Rollen seiner Augen ablesen. »Bei dieser durchkommerzialisierten Show dabei sein? Nein, danke.« Der 20-jährige Student bezeichnet sich als entschiedenen Gegner der WM in seinem Heimatland Brasilien. Er mag den Fußball als Sport, aber im Fernsehen oder im Stadion schaut er ihn nie. »Der Fußball und vor allem die WM sind für Leute mit Geld gemacht, da wird von vorneherein ein großer Teil der Gesellschaft ausgeschlossen.«</p>
<p>Geanmarcos ist daher froh, ausgerechnet diesen Sommer ein Stipendium für ein Semester in Argentinien bekommen zu haben. Für die Zukunft hat er große Pläne, möchte Professor im Bereich Kommunikationswissenschaften werden und sich politisch weiter in der PT, der Partei von Präsidentin Dilma Rousseff, engagieren. Es mutet paradox an: Er ist WM-Gegner, aber kein Gegner der brasilianischen Regierung.</p>
<p>Wie Geanmarcos geht es vielen jungen Brasilianern, die an der Universidad Nacional de Cuyo in Mendoza, Argentinien ihr Auslandssemester verbringen. Für nichts in der Welt würden sie diese Chance eintauschen, schon gar nicht für die Weltmeisterschaft im eigenen Land.</p>
<div id="attachment_233" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg"><img class="size-full wp-image-233" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg" alt="Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Zildmara Rodrigues, ebenfalls 20 Jahre alt, spricht einen weiteren Punkt an, den man so oder so ähnlich schon seit geraumer Zeit immer wieder aus Brasilien hört: »Als Brasilien 2007 als Gastgeber ausgewählt wurde, dachten viele, das sei gut für das Land. Es gäbe mehr Investitionen in die Infrastruktur. Aber die Investitionen flossen fast alle in die Stadien oder verschwanden in den Taschen der Elite.«</p>
<p>Der Musikstudentin aus São Paulo vergeht ihr sonst so warmes, herzliches Lachen, wenn sie an die WM denkt. Ernüchtert stellt sie fest: »Ich war 2013 gemeinsam mit meinen Freunden bei den Demonstrationen dabei. Nichts hat sich seitdem geändert. Müsste ich während der WM in Brasilien sein, würde mich das nur traurig machen.«</p>
<div id="attachment_235" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg"><img class="size-full wp-image-235" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg" alt="Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Frage, ob sie denn während der WM nicht lieber in ihrem Heimatland sein wolle, werde ihr ständig gestellt, sagt Ana Ligia Alcarás. »Dabei war ich noch nie begeistert von der WM. Keiner meiner Familie oder Freunde wird hingehen und sich ein Spiel anschauen.« Die 21-Jährige studiert an der Universidade Estadual Paulista in der Nähe von São Paulo Internationale Beziehungen und möchte später einmal als Diplomatin die Beziehung Brasiliens zu den anderen Ländern Lateinamerikas verbessern.</p>
<p>An der brasilianischen Innenpolitik hingegen lässt sie kein gutes Haar. »Brasilien ist ein Land mit großem wirtschaftlichem Potenzial, aber die Politik schafft es nicht, das Land zu organisieren, die Gelder vernünftig zu verteilen.« Das liege zum Teil an der Größe des Landes, aber eben auch an wahnwitzigen Projekten, wie der WM, die von Korruption und Misswirtschaft geprägt seien. Ana hat sich nun warm geredet und setzt noch einen drauf: »Am schlimmsten ist die Fußballpropaganda in fast allen großen Medien Brasiliens, die im Vorfeld des Turniers versucht den Verstand der Leute zu vernebeln. Auch deswegen bin ich froh diesen räumlichen Abstand von der WM zu haben.«</p>
<div id="attachment_236" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg"><img class="size-full wp-image-236" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg" alt="Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=194">André Santos</a> aus Maringá studiert Ökonomie. Als angehender Volkswirt zeigt auch er sich enttäuscht über die verpasste Chance, durch die WM einen Aufschwung zu bewirken: »Der Fußball ist ein Multiplikator von Geld und hätte in unserem Land viel Gutes bewirken können – wenn das Geld denn in die richtigen Projekte fließen würde.« Dass der Großteil der Baumaßnahmen für die WM vom Staat und somit vom Steuerzahler getragen werde &#8211; und nicht zum Beispiel von der Fifa – findet der 24-Jährige grotesk.</p>
<p>»Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ob es schade sei, während der WM nicht in Brasilien zu sein. Das sagt alles.« Ignorieren werde er die WM trotzdem nicht: »Ich werde die Spiele der Seleção im Fernsehen verfolgen und auch über die sozialen Medien mit meinen Freunden Kontakt halten. Denn es wird so gut wie sicher wieder Demonstrationen geben.«</p>
<div id="attachment_238" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg"><img class="size-full wp-image-238" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg" alt="WP_20140313_011" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Diego Gomes, Geanmarcos Garcia Terra und André Santos genießen das Auslandssemester auf dem Campus der Uni in Mendoza (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ein Thema, das bei den Demonstrationen in Brasilien immer wieder angeprangert wird, ist die Korruption. »Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine Großveranstaltung wie die WM die ideale Spielwiese für korrupte Politiker, Funktionäre oder Unternehmer ist«, sagt Tanise Ceron eine 20-jährige Anglistik-Studentin aus der südlichen Küstenstadt Floreanópolis. Sie selbst habe in ihrem noch jungen Leben schon häufiger mit Korruption zu tun gehabt.</p>
<p>Das fange schon im Kleinen an. So seien zum Beispiel Fördermittel vom Staat für eines ihrer Stipendien niemals bei ihr angekommen – sondern irgendwo in ihrer Uni »verschollen«. »Wenn ich mir vorstelle, dass so etwas bei der WM in großem Stil passiert, wird mir schlecht. Aus diesem Grund hatte ich noch nie Sympathien für die WM und will nichts mit dieser Veranstaltung zu tun haben.«</p>
<div id="attachment_237" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg"><img class="size-full wp-image-237" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg" alt="Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Der Einzige, bei dem zumindest ein Funken Wehmut zu spüren ist, ist Diego Gomes. Er ist 27, studiert Ingenieurwesen und wird von allen nur »Marcelo« gerufen, weil er dem gleichnamigen brasilianischen Nationalspieler verblüffend ähnlich sieht. »Ich hätte es schon schön gefunden, während der WM in Brasilien zu sein. Ich mag den Fußball, denn da kommen die Leute zusammen.« Wie zum Beweis zieht er die Flagge seiner Lieblingsmannschaft, eines Drittligavereins aus der Tasche.</p>
<p>„Diese Stimmung, dieses Gemeinschaftsgefühl würde ich gerne miterleben. Natürlich gibt es in Brasilien viele soziale Probleme. Aber die WM ist ein Moment, der wichtig für unsere Gesellschaft sein wird. Den würde ich gern mit meinen Freunden zu Hause teilen.« Trotzdem geht auch bei ihm das Studium vor: »Im Ausland studieren zu können, ist ein großes Privileg, das nur sehr wenige Brasilianer erhalten. Fußball ist eben nicht alles im Leben.«</p>
<div id="attachment_234" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg"><img class="size-full wp-image-234" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg" alt="Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ablehnung, Gleichgültigkeit, Ernüchterung. Diese Gefühle ziehen sich durch den Großteil der Gespräche mit den brasilianischen Studenten. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu verpassen, bewegt sie kaum.</p>
<p>Geanmarcos bringt es auf den Punkt: Auf die Frage, was er im Falle des sechsten WM-Titels für die brasilianische Nationalmannschaft tun werde, antwortet er ohne mit der Wimper zu zucken: »Das Finale werde ich mir mit Sicherheit nicht anschauen. Ich werde ein Buch lesen.«</p>
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		<title>Von Freibier und Blechschäden</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Feb 2014 15:39:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Johannes Gerlach, ehemaliges Mitglied des sächsischen Landtages (SPD) lebt seit mehreren Jahren als Energie- und Klimaberater in Santa Catarina, Brasilien. Das politische Geschehen vor Ort verfolgt er genauestens. Im Interview mit ecke:sócrates spricht er über Brasiliens aktuelle politische Situation im...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><i>Johannes Gerlach, ehemaliges Mitglied des sächsischen Landtages (SPD) lebt seit mehreren Jahren als Energie- und Klimaberater in Santa Catarina, Brasilien. Das politische Geschehen vor Ort verfolgt er genauestens. Im Interview mit ecke:sócrates spricht er über Brasiliens aktuelle politische Situation im WM- und Wahljahr, den Vertrauensverlust in der Bevölkerung und auffällige Parallelen zur DDR.</i></p>
<p><strong>ecke:</strong> Herr Gerlach, Brasilien hat 2014 politisch bewegende Ereignisse vor sich. Die WM im Juni/Juli und kurz darauf die Wahl im Oktober. Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation in Brasilien ein?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Nach den Protesten und Demonstrationen rund um den Confederations Cup 2013 ist der Nationalkongress, bestehend aus Senat (<i>Senado Federal) </i>und Abgeordnetenkammer (<i>Câmara dos Deputados)</i>, ein wenig in Schwung gekommen. Aber die grundlegenden Änderungen, die eigentlich nötig wären, um das Land zu verändern, sind nicht geschehen. Das Thema Korruption zum Beispiel ist weiterhin tabu.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Können Sie “in Schwung kommen” präzisieren?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Sowohl der Senat als auch die Abgeordnetenkammer haben nach einer gewissen Zeit der Schockstarre dann einige Projekte relativ schnell gemacht. Jedoch nur unter dem Druck der Straße. Dazu zählen die sogenannte »Cura Gay«, ein Gesetz, das Homosexualität als Krankheit definiert hat, das abgeschafft wurde. Auch eine Verfassungsänderung, die Politikern und Polizisten weitestgehende Straffreiheit gewährt hätte, wurde zurückgenommen. Aber wie gesagt, die eigentlichen Grundlagen einer Demokratie, zum Beispiel das Wahlsystem, die Machtverteilung oder das Verhältnis zwischen Politik und Medien werden zwar thematisiert, aber dann nur untereinander hin und her geschoben.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Sie sprechen das Wahlsystem an. Was sind dessen Schwächen?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Das Wahlsystem ist hochproblematisch. Zunächst gibt es nicht wie in Deutschland eine Fünf-Prozent-Hürde, das heißt jede Partei kann theoretisch in das Parlament einziehen. Dazu gibt es eine große Parteienvielfalt. Es gibt so viele Parteien, dass es nur sehr schwer zu überblicken ist, welche Partei wofür steht und welcher Politiker für welche Partei antritt. Das führt in Brasilien zum sogenannten »Dança das Cadeiras«, einem buchstäblichen Tanz der Sitze. Die Politiker wechseln so oft die Parteien wie in keinem anderen Land. Manchmal innerhalb weniger Stunden. Außerdem gibt es keine Wahlkreise, sondern die Kandidaten treten bei einer Wahl pro Bundesland an, was zu einem sehr teuren und sehr unpersönlichen Wahlkampf führt. Der wird außerdem mit unsauberen Mitteln wie eben Korruption geführt. Ein Abgeordneter hat sogar einmal eine Wahl durch den großflächigen Ausschank von Freibier gewonnen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Sie erwähnten die Protestbewegungen im letzten Jahr. Wie haben Sie diese miterlebt?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Auch in meiner Kleinstadt gab es Demonstrationen, die zahlenmäßig äquivalent zu den großen Epizentren abliefen. Bei einer Größe von 20.000 Einwohnern waren bei uns dann rund 100 Leute auf der Straße. Hauptsächlich habe ich die Proteste aber durch die Medien miterlebt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie würden Sie die Berichterstattung in den brasilianischen Medien beschreiben?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Da war vor allem in den großen Medien in dieser Zeit ein eigenartiger Prozess zu beobachten: Anfangs wurden die Proteste für mindestens eine Woche lang schlicht ignoriert oder wenn überhaupt als Jugendbewegung abgetan. Zu einem Umdenken der Medien hat dann aber die massive Polizeigewalt vor allem in Rio und São Paulo geführt, mit der auch gegen Medienvertreter wie Journalisten und Kameramänner vorgegangen wurde. Das war oft wahllos und sehr brutal. Und dann sprang der Funke von den sozialen Medien doch ziemlich schnell auf die traditionellen Medien über.</p>
<p><strong>ecke:</strong> In einem Ihrer Vorträge haben Sie das aktuelle Brasilien mit der DDR in der Zeit kurz vor der Wende verglichen, die sie auch selbst miterlebt haben.</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Ja, in der DDR hatte sich etwas zusammengebraut, was auf einmal sehr schnell explodiert ist. Da meldeten sich plötzlich Leute zu Wort, die höchstens mal im Park oder zu Hause »Scheiß Honecker« gesagt haben. Die Angst vor dem System, vor den Repressionen des Systems war plötzlich weg. Da sehe ich in Brasilien eine Parallele zu den Montagsdemos. Auf einmal sind Zehntausende auf der Straße und trauen sich etwas zu sagen, trotz Polizei.  In der brasilianischen Gesellschaft entdecke ich allerdings immer wieder auch Dinge, die mir unangenehm bekannt vorkommen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Zum Beispiel?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Nehmen wir zum Beispiel den Öffentlichen Dienst. Das fängt schon bei der Post an, deren Mitarbeiter staatliche Beamte sind. Dort beschleicht mich immer wieder das Gefühl: Die wissen, dass ich etwas von ihnen möchte und das zeigen sie mir dann auch. Die Beamten kommen nicht mir zuvor, indem sie mir ihren Service anbieten, sondern ich als Kunde störe deren Tagesablauf. Diese Einstellung zieht sich in Brasilien durch viele Servicebereiche und  ist vor allem auch in der Handwerksbranche verbreitet.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Ist dies auch ein Grund für den immensen Vertrauensverlust der Brasilianer in nahezu alle Institutionen?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Absolut. Es ist nicht nur das Vertrauen in naheliegende Institutionen wie Polizei, Banken, Kirche, Militär oder die Medien erschüttert, sondern zum Beispiel auch in Sozialverbände oder sogar in die Feuerwehr. Ein derartiger Vertrauensverlust ist der Tod der Demokratie. Die Leute versuchen lieber ihre Angelegenheiten irgendwie selbst zu klären. Denn am Ende, so der Tenor, ist man als Bürger immer der Angeschmierte. Ich hatte zum Beispiel einmal einen kleinen Verkehrsunfall. Mir ist jemand ins Auto reingefahren, es war seine Schuld, aber er wollte nicht für den Schaden aufkommen. Da habe ich eine brasilianische Frau, die dabei war, gebeten als Zeugin auszusagen. Sie sollte nur sagen, was sie gesehen hat. Aber sie entschuldigte sich mit der Aussage, das könne sie nicht tun, sie habe ja Kinder…Und da ging es nicht um Drogen oder Mord, sondern um einen Blechschaden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Zurück zur Politik: Welchen Einfluss wird die WM auf die kurz darauffolgende Wahl in Brasilien haben?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Keinen nennenswerten, bis auf den, dass alle Welt kurz vor der Wahl nach Brasilien schaut. Zum Beispiel hat Brasilien pro Jahr 50.000 Verkehrstote. Das hat vorher niemanden interessiert. Jetzt interessiert das auch internationale Medien. Aber ich bezweifle ansonsten den direkten Einfluss, den die WM auf die Wahl haben wird. Es wird wohl eher wieder sein wie so oft schon zuvor: Der Politiker, der sich mit dem besten Fußballer zeigen kann, hat sein Bild in der Zeitung sicher.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Die Aktiven der Protestbewegungen gegen Ungleichheit, Korruption, das versagende Bildungs- und Gesundheitssystem lehnen bisher alle Parteien rigoros ab, sind unorganisiert und es herrscht eine gewisse Stagnation. Können sie dennoch aus dieser Position heraus langfristig etwas ändern?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Sie können weiterhin den Finger vehement in die Wunde legen. Aber irgendwann werden Sie sich entscheiden müssen, bei welcher Politik sie sich aufgehoben fühlen. Es gibt auch in der offiziellen Politik Leute, die etwas ändern wollen…</p>
<p><strong>ecke:</strong> …wie zum Beispiel den ehemaligen Fußballweltmeister Romario, der gerade seine Kandidatur für den Senat bekannt gegeben hat und die Kosten der WM schon länger als Kernproblem betrachtet…</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> …oder auch die parteilose Marina Silva, eine bekannte Politikerin aus dem grünen Spektrum. Aber ich sehe da momentan noch nicht die Mehrheiten. Fest steht: Das Land hat angefangen sich zu bewegen, aber es hat noch einen weiten Weg vor sich.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Erwarten Sie aufgrund der politischen Spannungen einen Interessensverlust der Brasilianer an der Fußball-WM?</p>
<p><strong>Gerlach:</strong> Auf keinen Fall. Die Brasilianer können und werden den Fußball nicht ignorieren. Die Stadien, Bars und Sofas vor dem Fernseher werden voller denn je sein. Und die Kinder werden auch dieses Jahr während der Spiele der Seleção Schulfrei haben.</p>
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