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	<title>ecke:sócrates &#187; Demonstrationen</title>
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	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
	<lastBuildDate>Tue, 16 Sep 2014 16:33:48 +0000</lastBuildDate>
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		<title>»Das Finale ist noch nicht gespielt«</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jul 2014 05:13:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
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		<category><![CDATA[Domínio Publico]]></category>
		<category><![CDATA[Favela]]></category>
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		<description><![CDATA[Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans. (Rio de Janeiro) Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen in Brasilien erst einmal sammeln. Am Samstagmorgen, dem Tag des ungeliebten Spiels um Platz 3 gegen die Niederlande, ziehen dann aber doch wieder Horden gelbgrüner Fans durch die Straßen von Rio. Sie wollen zumindest den dritten Platz erreichen und damit ihre Ehre retten, so der Tenor. Zwei jungen Männern ist dies völlig egal. Es sind die Filmemacher Fausto Mota und Henrique Ligeiro, 27 und 29 Jahre alt. Den Interviewtermin legen sie auf Punkt 17 Uhr. Anstoßzeit des letzten Brasilien-Spiels. Am Treffpunkt, einer Bar in der Nähe der Metrostation Largo do Machado, setzen sie sich demonstrativ mit Rücken zum Fernseher.</p>
<p>»Morgen ist die WM endlich vorbei«, sagt Fausto. Kurz vor Beginn WM hat er gemeinsam mit Henrique und dem dritten im Bunde, Raoni Vidal die viel beachtete Dokumentation »Domínio Publico“ veröffentlicht. In dem rund 90-minütigen Film geht es um die Situation in den Favelas von Rio und die Demonstrationen im Zuge der WM. Seit 2011 haben die drei Material gesammelt und Menschen interviewt. Vom Favelabewohner, über den bekannten brasilianischen Journalisten Juca Kfouri bis hin zu Romario, dem Weltmeister von 1994, der jetzt Politiker ist. Herausgekommen ist ein Film, der wie kaum ein anderer einen Einblick in Favela-Problematiken wie die »Befriedung« durch die UPP oder Vertreibungen von Anwohnern gibt, aber auch die Protestbewegung 2013 von Anfang an dokumentiert.</p>
<p><iframe width="640" height="360" src="http://www.youtube.com/embed/dKVjbopUTRs?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Während im Hintergrund Robin van Persie das 1:0 für die Niederlande schießt, beginnen Fausto und Henrique zu erzählen. Wie sie eigentlich 2011 nur eine Dokumentation über den Alltag in Rios Favelas drehen wollten. Wie sie dann immer tiefer in die Materie hineingezogen wurden. Wie sie im letzten Jahr entschieden die Recherchen auszudehnen und dafür per Crowdfunding rund 116.000 Reais (rund 39.000 Euro) gesammelt haben.</p>
<p>»Mit dem Film möchten wir so viele Menschen wie möglich auf die Missstände in Rio vor, während und natürlich auch nach der WM aufmerksam machen«, sagt Fausto. Schon rund eine Million Menschen haben die Kurzversion des Filmes gesehen. Die ausdrucksstarken Bilder der sozialen Proteste im letzten Jahr werfen die Frage auf, warum es dieses Jahr während der WM nur zu vereinzelten Demonstrationen kam, warum die Bewegung eingeschlafen ist. »Das liegt an verschiedenen Faktoren«, sagt Henrique, der die Bewegung von Anfang an begleitet hat. »Die Repressionen der Polizei gegen Demonstranten waren massiv und haben vielen Menschen Angst eingejagt. Außerdem gab es innerhalb der Bewegung viele innere Querelen, es wurde nicht an einem Strang gezogen. Und auch die Ablenkung durch den Fußball hat ihren Teil dazu beigetragen.«</p>
<p>Letzterer Punkt waren für Henrique, Fausto und auch für Raoni, der im Verlauf des Gesprächs dazustößt das geringste Problem. Sie interessieren sich nicht oder nicht mehr für Fußball. Und sie ärgern sich darüber, dass der Fußball während dieser WM noch mehr aufgebauscht wurde als sonst. »Eine zweistellige Zahl von Menschen, darunter auch Jugendliche ist während der WM, während nebenan im Maracana gespielt wurde, in Rios Favelas von der Polizei erschossen worden«, sagt Fausto. »Darüber hat keine einzige große Zeitung berichtet.«</p>
<div id="attachment_513" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-513" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie-1024x578.jpg" alt="Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die drei waren froh darüber, dass Brasilien im Halbfinale ausgeschieden ist. Sie hoffen nun auf andere Nachrichten als Neymars Verletzung oder Scolaris eventuellen Rücktritt, auf eine neue Art von Berichterstattung. Diese wollen sie in Zukunft mit ihren Filmen mitgestalten. Henrique ist sich sicher, dass die WM noch viele ähnliche soziale und journalistische Projekte inspiriert hat, dass viele Menschen sich nun besser organisieren werden. Das sei aber auch der einzige positive Punkt. Als später in der Bar die Fernseher ausgehen, hat keiner der drei das Endergebnis mitbekommen.</p>
<p>Am nächsten Tag, dem Tag des Finales, herrscht im Umkreis des Maracana-Stadions schon um 10 Uhr morgens geschäftiges Treiben. Wie immer ist das Stadion weiträumig von der Polizei abgesperrt, doch an den Sperren ballen sich die Menschen. Brasilianer, Deutsche, Argentinier. Viele wollen noch Tickets kaufen, trotz horrender Summen von bis zu 5000 Euro für maximal 120 Minuten Fußball.</p>
<p>Nicht weit vom Stadion entfernt liegt die <span class="st">Praça Sáenz Peña</span>. Rund 200 Militärpolizisten stehen an diesem Morgen auf dem ansonsten leeren Platz und warten. Sie sind bereit ihr eigenes Finale zu spielen. Für den Finaltag erwarten sie noch einmal Demonstranten. Diese trudeln nach und nach sehr spärlich ein. Um 13 Uhr haben sich schließlich rund 400 Menschen auf dem Platz versammelt und bereiten sich vor: Singen die ersten Anti-Copa-Lieder, rollen Banner aus, halten Reden. An einer Wand werden Fotos vom letzten Jahr ausgestellt. Die Polizisten stehen drumherum. Es ist friedlich.</p>
<div id="attachment_515" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-515" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie-1024x578.jpg" alt="Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Auch Eron Morais Melo ist vor Ort, besser bekannt als Batman. Er ist ein Symbol der Protestbewegung, ist seit einem Jahr bei fast jeder Demonstration dabei. Seine Atrappe des WM-Pokals mit der Aufschrift »Fuck Fifa« hält er verkehrtherum. Ob es jetzt nicht etwas spät ist gegen die WM zu demonstrieren? »Es ist nie zu spät«, sagt er. »Wir werden auch nach der WM weiter demonstrieren, solange unsere Forderungen nicht erfüllt sind. Außerdem ist das Finale ja noch nicht gespielt.« Das denken auch seine Mitstreiter. Der Plan ist es während des Finales bis vors Stadion zu marschieren.</p>
<div id="attachment_518" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048.jpg"><img class="size-large wp-image-518" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048-1024x578.jpg" alt="Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Als sich die Demonstranten, darunter auch einige Favela-Bewohner, schließlich nach einiger Zeit in Bewegung setzen, kommen sie nicht weit. Die Polizei hat in allen zum Stadion führenden Straßen Sperren errichtet und schon im Vorhinein laut Fausto Mota rund 80 Protagonisten der Bewegung festgenommen. Mit Tränengas und weiteren Festnahmen sprengt sie auch diese letzte Demonstration. Auf der <span class="st">Praça Sáenz Peña</span> wird laut der Facebookseite der Veranstaltung eine große Gruppe von Demonstranten während des gesamten Spieles festgehalten. Das große Finale nebenan soll nicht gestört werden.</p>
<p><em>Weitere Hintergrundberichte rund um das Ende der WM, die Tage in Rio, den deutschen-brasilianischen Jubel und Brasiliens Zukunft folgen.</em></p>
<div id="attachment_517" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048.jpg"><img class="size-large wp-image-517" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048-1024x578.jpg" alt="Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)</p></div>
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		<title>»Das hier ist unsere WM« &#8211; oder?</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jun 2014 22:12:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Belo Horizonte]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
		<category><![CDATA[Militärpolizei]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Universität in Belo Horizonte ist idyllisch gelegen. Inmitten einer Grünanlage mit dem See »Lagoa da Pampulha«, der noch von Oscar Niemeyer entworfen wurde, als Rückzugsort. Das WM-Stadion Estádio Mineirão liegt ebenfalls in dieser Idylle. Hier beginnt das Problem. &#160;...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Universität in Belo Horizonte ist idyllisch gelegen. Inmitten einer Grünanlage mit dem See »Lagoa da Pampulha«, der noch von Oscar Niemeyer entworfen wurde, als Rückzugsort. Das WM-Stadion Estádio Mineirão liegt ebenfalls in dieser Idylle. Hier beginnt das Problem.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Belo Horizonte)</p>
<p>João studiert seit einigen Jahren Medienwissenschaften an der Universidade Federal de Minas Gerais. Er ist ein fröhlicher Mensch, den eigentlich so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Doch das ist seit rund drei Wochen anders, seit die WM begonnen hat. »Hier hat sich in kürzester Zeit sehr viel verändert«, sagt er. »Die Busse fahren auf einmal anders, überall sind Polizisten, kleine Geschäfte in der Umgebung mussten schließen, der Verkehr ist langsamer, die Stadt ist voll, die Stadt ist stressig.« Der Campus seiner Universität hingegen ist leer und wirkt wie ausgestorben. Das Semester wurde in diesem Jahr schon einen Monat eher als gewöhnlich beendet, da den Organisatoren der WM der laufende Uni-Betrieb in direkter Nähe des Stadions ein Dorn im Auge war. Aus diesem Grund musste João sein Auslandssemester in Deutschland Anfang des Jahres ebenfalls einen Monat früher abbrechen, um rechtzeitig zu Semesterbeginn in Belo Horizonte zu sein. Jetzt, in den verfrühten Ferien, schreibt er an mehreren Hausarbeiten, die er an seine deutsche Uni nachreichen muss.</p>
<div id="attachment_369" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_005.jpg"><img class="size-large wp-image-369" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_005-1024x578.jpg" alt="Blick auf das Estádio Mineirão vom Uni-Campus aus (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Blick auf das Estádio Mineirão vom Uni-Campus aus (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>In Joãos Studentenwohnheim, zu Fuß keine zehn Minuten vom Stadion entfernt, herrscht eine bedrückte Stimmung. Viel wird in diesen Tagen über die WM gesprochen. Kein Morgen beginnt, ohne, dass beim typischen »Café da manhã« (Morgenkaffee) das Wort »Copa« fällt und auch abends, bei einer kühlen »Cerveja«, kommt kein Gespräch ohne dieses Wort aus. Die wenigen im Wohnheim verbliebenen Studenten diskutieren leidenschaftlich über alles, was mit dieser WM zu tun hat, nur nicht über Fußball. »Ich kann nicht ignorieren, was hier in meinem direkten Umfeld vor sich geht. Da kann und will ich mich nicht auch noch auf die Spiele konzentrieren«, sagt João. Und eine seiner Kommilitoninnen drückt es noch drastischer aus: »Für mich gibt es keine Fußball-WM«, sagt sie. Die Studenten zeigen sich jeden Tag gegenseitig Videos der letzten Demonstrationen gegen die WM und lesen sich Artikel aus vertrauenswürdigen Quellen vor.</p>
<div id="attachment_368" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_008.jpg"><img class="size-large wp-image-368" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140618_008-1024x578.jpg" alt="»Hier (auf dem Campus) ruht die Fifa« (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">»Hier (auf dem Campus) ruht die Fifa« (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Belo Horizonte, im Volksmund nur »BH« (sprich »be-agá«) genannt und Hauptstadt des Bundestaates Minas Gerais, gilt als eine der Hochburgen der Protestbewegung &#8211; und die Studenten sind ihre treibende Kraft. Bei einer Demonstration am ersten Wochenende nach WM kamen rund 1000 Menschen auf der Praça Sete, einem der zentralen Plätze der Stadt zusammen. Das sind nicht viele – verglichen mit dem Vorjahr. Trotzdem waren es genug, um die Militärpolizei in Alarmbereitschaft zu setzen. Rund 12.000 Militärpolizisten kesselten die Demonstranten auf dem Platz ein, keiner kam mehr rein, keiner konnte raus. »Das war maßlos übertrieben und hat uns nur noch wütender gemacht«, sagt João, der mit einigen Freunden an der Demo teilgenommen hat. Obwohl keine Gewalt von Seiten der Demonstranten ausging wurden 25 von ihnen von der Polizei festgenommen und einer durch ein Gummigeschoss leicht verletzt.</p>
<p>Die Militärpolizisten sind eines der Phänomene, die während dieser WM besonders auffallen. Insgesamt 15.000 von ihnen weilen momentan in Belo Horizonte. An nahezu jedem wichtigen öffentlichen Ort der Stadt stehen sie und beobachten. Mehr als seltsam wirkt es, wenn sie darüber hinaus noch versuchen, Sympathien für sich zu gewinnen. In einem Park, unweit der Praça Sete, gipfelt diese Absicht in einem skurrilen Szenario: Vor einem Banner mit der Aufschrift »Es existieren Superhelden im realen Leben«, können Kinder gemeinsam mit einem grinsenden Polizeimaskottchen und einem »Superman« (der zudem noch stark an Cristiano Ronaldo erinnert) für ein Erinnerungsfoto posieren. Die Militärpolizei versucht sich als familientauglicher Freund und Helfer zu inszenieren, wirkt aber eher wie eine plumpe Version des Orwellschen »Big Brother«.</p>
<div id="attachment_370" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_025.jpg"><img class="size-large wp-image-370" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_025-1024x578.jpg" alt="Gleich zwei Helden auf einem Bild: Militär-Maskottchen und Super-Ronaldo (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Gleich zwei Helden auf einem Bild: Militär-Maskottchen und Super-Ronaldo (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ein paar hundert Meter entfernt, soll es an diesem Tag aber dann doch noch Arbeit für die Supermänner geben. Zumindest, wenn man den Facebook-Gruppen Glauben schenkt, über die João und seine Mitstreiter kommunizieren. In unregelmäßigen Abständen wird dort eine »Assembleia Popular Horizontal« einberufen, eine Versammlung, in der demokratisch die nächsten Schritte des Protests geplant werden. Für das vergangene Wochenende waren das eine neue Demo an der Praça Sete sowie eine Besetzung eines weiteren zentralen Platzes, um dort ein alternatives Fußballturnier auszutragen. João und die anderen Studenten aus dem Wohnheim haben hohe Erwartungen an die kommenden Tage.</p>
<p>Von der Demo ist allerdings am vereinbarten Ort zur vereinbarten Zeit nicht viel zu sehen. Gegenüber des Obelisken der Praça Sete haben sich nicht mehr als 20 Personen versammelt. Zwei, drei Banner und die Bilder der beim Stadionbau gestorbenen Arbeiter halten sie in den Händen. Drumherum stehen – natürlich – fast gelangweilt rund 50 Militärpolizisten. Ein Mikrofon wird unter den Demonstranten abwechselnd herumgereicht und jeder, der möchte, kann etwas sagen. Der Großteil der Redner spricht über Bildung, Gesundheit und Korruption. Einige fordern die Regierung auf, Marihuana zu legalisieren, wie es vor kurzem in Uruguay geschehen ist. Und es gibt vereinzelte »Fifa raus«-Gesänge. João ist enttäuscht. »Vielleicht ist das nur ein Ablenkungsmanöver und dafür ist woanders mehr los. Oder sie haben für die Besetzung morgen noch viel vorzubereiten.«</p>
<div id="attachment_372" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_061.jpg"><img class="size-large wp-image-372" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140621_061-1024x578.jpg" alt="Die Demonstration auf der Praca Sete (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Demonstration auf der Praca Sete (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Doch auch am nächsten Tag ist von Protesten keine Spur. Angekündigt war es, um 12 Uhr mittags die Praça da Estação, benannt nach dem alten Bahnhofsgebäude davor, zu besetzen. Bis auf die Militärpolizisten ist allerdings noch niemand da. Erst gegen 15 Uhr trudeln die ersten Menschen ein und beginnen zu musizieren und zu tanzen. Eine Stunde später sind rund 300 Menschen versammelt, hauptsächlich Studenten. Die Militärpolizisten verziehen keine Miene und bilden wieder eine Art Kreis um die Praça. Doch innendrin protestiert niemand. Stattdessen findet das angekündigte Fußballturnier statt. »Das hier ist unsere WM«, ruft einer. Dann wird gespielt. Harakiri statt Tiki-Taka. Und der Schiedsrichter ist bezeichnenderweise ein Clown mit Aktenkoffer in der Hand. Trotzdem fällt bei fast jedem Tor der Jubel der Spieler und Zuschauer emotionaler aus, als vielerorts bei den WM-Toren von Neymar.</p>
<div id="attachment_374" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_010.jpg"><img class="wp-image-374 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_010-1024x578.jpg" alt="Joao und seine Freunde auf dem Weg zur Besetzung (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">João und seine Freunde auf dem Weg zur Besetzung (Bild: T. Zwior)</p></div>
<div id="attachment_376" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_026.jpg"><img class="wp-image-376 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_026-1024x578.jpg" alt="WP_20140622_026" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Ob dieser Schiedsrichter die Fifa-Zulassung bekommen hätte? (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Langsam wird es dunkel. Der Platz ist jetzt noch voller geworden, ein mobiler Grillmeister verkauft Fleisch mit Bohnen und Reis. Es treten einige Bands auf und Trommel-Trupps ziehen umher. Die Praça da Estação ist zum Ort eines Straßenfests geworden, einige der Militärpolizisten sind wieder gefahren. Zwischen zwei Liedern ruft der Sänger einer Band ins Mikrofon: »Wir haben zwar hier Spaß, aber vergesst nicht, dass wir gegen die Fifa sind.«</p>
<p>Die Studenten in Belo Horizonte sind wütend. Aber sie schaffen es zur Halbzeit der WM nicht, ihre Wut auf die Straße zu bringen.</p>
<div id="attachment_377" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_029.jpg"><img class="size-large wp-image-377" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140622_029-1024x578.jpg" alt="Der Mannschaftsbus der Militärpolizei kann wieder abfahren (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Der Mannschaftsbus der Militärpolizei kann wieder abfahren (Bild: T. Zwior)</p></div>
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		<title>Informationen für Superhelden</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jun 2014 20:27:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahl 2014]]></category>

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		<description><![CDATA[Leonardo Sakamoto ist ein Besessener. Scheinbar noch im Halbschlaf sitzt er an seinem tadellos aufgeräumten Holzschreibtisch, das hauchdünne Macbook vor sich liegend. Doch der Eindruck täuscht. Der Mann ist hellwach – und in der Lage jeden Moment aus dem Stehgreif...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Leonardo Sakamoto ist ein Besessener. Scheinbar noch im Halbschlaf sitzt er an seinem tadellos aufgeräumten Holzschreibtisch, das hauchdünne Macbook vor sich liegend. Doch der Eindruck täuscht. Der Mann ist hellwach – und in der Lage jeden Moment aus dem Stehgreif einen Monolog zu halten, in dem er Brasiliens Gesellschaftskrise, die WM, die anstehenden Wahlen und die Zukunft des Journalismus mühelos unterbringt. Wenn er nicht unterbrochen wird.</em></p>
<p>(São Paulo)</p>
<p>Sakamoto, 37, ist einer der Gründer und aktueller Präsident von Repórter Brasil, einer wissenschaftlich-journalistischen Denkfabrik aus São Paulo. Der Sohn eines Japaners und einer Brasilianerin arbeitet nebenbei noch als Blogger und Journalistik-Professor und gilt als einer der intellektuellen Vordenker eines neuen, demokratischeren Brasiliens.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Herr Sakamoto, die WM hat begonnen und schon am Eröffnungstag gab es in mehreren Städten ähnliche Proteste wie im Vorjahr während des Confederations-Cup. Wiederholt sich die Geschichte?</p>
<p><strong>Leonardo Sakamoto:</strong> Nein, das glaube ich nicht, zumindest nicht in dem Ausmaß des Vorjahres. Aber das habe ich erwartet. Es geht schließlich immer noch um Fußball. Und zwar diesmal um eine Weltmeisterschaft, nicht um ein Vorbereitungsturnier. Die Leute in Brasilien lieben den Fußball, auch viele der Leute, die bei den Protesten den Ton angeben. Daher können Demos schon mal für ein wichtiges Spiel unterbrochen werden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Parolen wie »Nao vai ter Copa« (»Es wird keine WM geben«) lassen anderes vermuten.</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Das ist das große Missverständnis. Viele haben immer noch nicht begriffen, dass die Proteste sich gegen die Prioritäten der Regierung und nicht gegen den Fußball an sich richten. Am liebsten würden wir Brasilianer Fußball und Politik trennen. Aber das geht eben auch nicht: Fußball ist Politik.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Warum fällt es vielen so schwer, zu verstehen, worum es bei den Protesten genau geht?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Das liegt unter anderem an den unübersichtlichen Interessensgruppen innerhalb der Regierungsgegner. Ein Beispiel: Der Großteil der Brasilianer im Stadion sind reiche Leute. Die Stadien wurden für sie gebaut. Und die Reichen mögen Dilma (Rousseff) und ihre Arbeiterpartei nicht. Auch sie sind daher letzten Sommer auf die Straße gegangen. Die Wut der Demonstranten, die vor ein paar Tagen zum Beispiel im Stadtteil Tatuapé Polizeigewalt erlitten haben richtet sich natürlich ebenfalls gegen die Regierung. Und gleichzeitig sind, einfach ausgedrückt, die reichen Brasilianer im Stadion gegen die mittellosen Brasilianer auf den Straßen. Die Mittellosen fordern mehr Rechte und die Reichen wollen ihnen genau diese nicht zugestehen. Beide sind also im Vorjahr aus denselben, aber gleichzeitig auch aus unterschiedlichen Gründen auf die Straße gegangen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Also fällt ein Teil der Demonstranten aus dem Vorjahr dieses Jahr weg?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Genau. Das sind die Oberschicht und auch Teile der Mittelschicht. Letztere wägen ökonomisch genau ab: Wenn man elektronische Sachen kaufen kann, wenn die Kinder auf eine ordentliche Schule gehen können, wenn man einmal im Jahr verreisen kann, dann wird man während der WM nicht auf die Straße gehen. Doch was trotz des verringerten Ausmaßes der Proteste Hoffnung macht ist: Es sind die jungen Leute, die die treibende Kraft darstellen. Sie sind nicht glücklich mit der aktuellen Demokratie und suchen einen neuen Weg. Sie wollen eine direktere Demokratie und weniger Staatsgewalt, weniger Korruption.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wird Brasiliens Abschneiden bei der WM einen Einfluss auf die diesjährige Wahl haben?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Das glaube ich nicht. Man kann das nicht schwarzweiß betrachten, nach dem Motto: Wenn Brasilien Weltmeister wird, hat Dilma recht und alle Kosten sind gerechtfertigt und wenn nicht, ist alles schlecht. Im Übrigen zeigt auch die jüngere Vergangenheit keine positive Korrelation zwischen WM-Sieg und Wiederwahl. Im Gegenteil. 1994 wurde die Regierung nach dem Sieg abgewählt, die neue blieb auch nach dem Ausscheiden 1998 im Amt. 2002 wurden wir wieder Weltmeister, aber es gab einen Regierungswechsel. Zum ersten Mal wurde ein Präsident der Arbeiterpartei, Lula, gewählt. 2006 und 2010, nach jeweils frühem Ausscheiden, blieb die Arbeiterpartei trotzdem an der Macht. Die Wahl 2014 gewinnt meiner Meinung nach, wer das große Thema der Sicherheit in den Griff bekommt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Sehen Sie, neben dem Unterhaltungsfaktor Fußball, weitere positive Seiten an der WM?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Ja und die sehe ich unter anderem in São Paulo. Hier gibt es viele arme Leute, nicht nur Brasilianer, sondern auch aus anderen, ärmeren südamerikanischen Ländern und viele reiche Leute, die für Geschäfte hier sind und die man nicht sieht, da sie in Autos oder Helikoptern unterwegs sind. Touristen gibt es normalerweise im Gegensatz zu Rio de Janeiro nur sehr wenige. Durch die WM werden diese Strukturen etwas aufgemischt. Die ärmeren Schichten verdienen an den Touristen, die Businessleute sieht man auch mal auf der Straße. Und auch die Mittelklasse rund um die Avenida Paulista oder in Vila Madalena kommt jetzt langsam aus sich heraus. Für sie ist die WM eine Gelegenheit sich zum Beispiel mit Touristen auszutauschen und eine gute Zeit zu haben. Und nochmals: Die WM hat uns in einer Sache jetzt schon gesellschaftlich immens voran gebracht: Seit der Redemokratisierung 1985 ist es das erste Mal, dass sich etwas ändert. Es wird nach der WM schwieriger sein für Politiker, Medien und Firmen etwas zu verstecken. Die Leute bilden jetzt Netzwerke, finden andere Wege zu kommunizieren. Sie fordern mehr. Sie erhöhen die Ansprüche. Und das ist etwas Gutes.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was ist ihre persönliche Meinung zur WM in Brasilien?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Ich habe gemischte Gefühle. Die im Zuge der WM neu gebauten Flughäfen und Straßen sind langfristig gut für das Land. Einige der Stadien jedoch definitiv nicht. Dazu hat die Fifa so viele Restriktionen eingeführt, die ich einfach nicht verstehen kann. Dagegen müssen wir vorgehen, das müssen wir ändern. Im Gegensatz zu Russland und Katar ist Brasilien trotz allem ein demokratisches Land, das sich nicht einfach von der Fifa überrollen lässt.</p>
<p><em>Während des Gesprächs schielt Sakamoto ständig mit einem Auge auf seinen Laptop, scannt kurz die Informationen und spricht dann weiter. Schon früh am Morgen wird klar, dass von vielen verschiedenen Seiten um seine Aufmerksamkeit gebuhlt wird. Sakamoto ist ein gefragter Mann. Seinen täglichen <a href="http://blogdosakamoto.blogosfera.uol.com.br/">Blogbeitrag</a> lesen zehntausende Menschen, auf <a href="https://twitter.com/blogdosakamoto">Twitter</a> folgen ihm rund 35.000. </em></p>
<div id="attachment_336" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140616_018.jpg"><img class="wp-image-336 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140616_018-1024x578.jpg" alt="WP_20140616_018" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Zentrale von Repórter Brasil in São Paulo (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Woran arbeiten Sie und Ihre Kollegen bei Repórter Brasil?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Repórter Brasil ist eine NGO. Unsere Mission ist es Menschenrechtsverletzungen in Brasilien zu identifizieren und kritisieren. Dafür wollen wir ein Bewusstsein bei sozialen, wirtschaftlichen und politischen Führungskräften kreieren. Wir verteidigen Menschenrechte, indem wir zum Beispiel über moderne Sklavenarbeit, Menschenhandel, Kinderarbeit und die Diskriminierung indigener Gemeinschaften aufklären. Ein weiterer großer Teil unserer Arbeit dreht sich um Umweltschutz.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie setzt Reporter Brasil diese Ziele um?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Wir sammeln, analysieren und verbreiten Informationen. Man kann unsere Organisation in vier Bereiche gliedern: In ein Bildungsprogramm, in dem wir in mehr als 120 Städten Materialen zu den Themen Menschenrechte und Umweltschutz an lokale Führungskräfte und Lehrer verteilen und sie in Seminaren schulen. In eine Nachrichtenagentur, verbunden mit einer eigenen Produktionsfirma für längere Dokumentarfilme. In ein Research-Programm, in dem wir in Kooperationen mit Wissenschaftlern an Universitäten, Journalisten und anderen NGOs Studien erarbeiten und veröffentlichen. Und zuletzt haben wir auch eine Beratungsfunktion, sitzen in vielen lokalen Gremien und haben zum Beispiel auch Kontakte zum Bildungsministerium. In unseren Fachgebieten haben wir uns in den letzten Jahren zur vertrauenswürdigsten Quelle Brasiliens entwickelt. Journalisten aller Medienhäuser zitieren uns regelmäßig. Unser Rohstoff ist die Information, egal ob wissenschaftlich oder journalistisch.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Welche konkreten Projekte gibt es im Zuge der WM?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Während des Stadionbaus sind in einigen Städten unverzeihliche Dinge geschehen. Es gab insgesamt elf Tote mit direkter Verbindung zur WM. Darüber haben wir berichtet und tun es immer noch. Am Ende haben die Verantwortlichen versucht den Bau mit allen Mitteln zu beschleunigen. Darunter haben die Arbeiter enorm gelitten. Der menschliche Körper ist keine Maschine. Außerdem gab es einen großen Fall von moderner Sklavenarbeit in São Paulo. Das Bauunternehmen OAS hat 100 Arbeiter beim Bau des Terminal 3 am Flughafen Guarulhos, das extra für die WM gebaut wurde, in menschenunwürdigen Verhältnissen beschäftigt. Letztes Jahr hat das Arbeitsministerium sie befreit, nachdem wir die Nachricht in die Welt gebracht hatten. Und aktuell haben wir eine <a href="http://www.megasportingevents.org/pdf/Reporter-Brasil-MSEs-Human-Rights-Risk-Areas.pdf">Studie</a> veröffentlicht, die sich unter anderem am Beispiel der WM und der Olympischen Spiele 2016 mit der Organisation von sportlichen Großereignissen und ihren gesellschaftlichen Risiken befasst.</p>
<p><em>Immer wieder wird Leonardo Sakamoto angerufen. Er geht nicht immer dran, aber wenn doch, spricht er mit geschlossenen Augen und gestikuliert dabei wild. »Leo, was ist los, warum antwortest du nicht?«, schreibt jemand in seinem Messenger.</em></p>
<div id="attachment_335" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140616_014.jpg"><img class="wp-image-335 size-large" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140616_014-1024x578.jpg" alt="WP_20140616_014" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Leonardo Sakamotos Mitarbeiter im Büro (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><strong>ecke:</strong> Sie arbeiten mit jungen, aufstrebenden Journalisten, die alles anders machen wollen, wie zum Beispiel den Mídia Ninjas zusammen, gleichzeitig aber auch mit den etablierten, konservativen Medienhäusern. Wie verträgt sich das?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Wie gesagt, wir respektieren die Arbeit der verschiedenen journalistischen Gruppierungen. Natürlich haben wir eine eher linke Sichtweise, aber auch konservative Journalisten bedienen sich unserer Infos. Und wir sagen zu keinem Nein, geben all unsere Informationen frei raus. Auch die Fotos kann jeder verwenden. Meine Gründerkollegen und ich kennen uns aus in der Medienszene. Wir haben mit den Machern der traditionellen Medien gemeinsam an der Journalistenschule gelernt. Wir haben zwar in fast allem unterschiedliche Meinungen, aber trotzdem sind wir Freunde.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie geht es mit dem Journalismus in Brasilien weiter?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Der Journalismus ist an einer Kreuzung aktuell. Die etablierten Journalisten in Brasilien stehen, wie in vielen anderen Ländern auch, nicht mehr oben auf dem Hügel &#8211; und das Volk hört nur zu. Das gibt es nicht mehr. Viele nicht journalistisch ausgebildete Menschen wollen nun ebenfalls analysieren, filtern und Zusammenhänge erklären. Journalisten, die das nicht verstehen, werden verschwinden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Sie haben Repórter Brasil damals, 2001, mitgegründet. Aus welcher Motivation heraus?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> (grinst) Wir wollten natürlich die Welt ändern. Viele Journalisten denken, sie sind die Clark Kents, sie können die Welt mit ihren eigenen Händen ändern. Aber das funktioniert nicht. Wir bei Reporter Brasil wollen die Welt ändern, indem wir die wirklichen Superhelden mit Informationen versorgen. Die fliegen draußen umher, kämpfen gegen das System, gegen soziale Ungleichheiten. Aber zum Fliegen, brauchen sie Informationen. Und die geben wir ihnen. Politikern, sozialen Führungskräften, auch Unternehmern. Sie schaffen die Veränderungen, die Brasilien braucht.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Letzte Frage: Sie arbeiten Vollzeit bei Repórter Brasil, lehren an der Universität Journalismus und verfassen jeden Tag einen längeren Blogbeitrag. Wann schlafen Sie?</p>
<p><strong>Sakamoto:</strong> Keine Sorge, ich schlafe – manchmal zumindest.</p>
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		<title>Die Spieleröffnung der »Paulistas«</title>
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		<pubDate>Sun, 15 Jun 2014 00:07:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Weltmeisterschaft in Brasilien hat begonnen. In den Bars und Restaurants fließt das Bier, auf den Straßen gab es die ersten brenzligen Situationen und die Fifa sorgt mit einer fragwürdigen Aktion für Stirnrunzeln. Ein Rückblick auf den Tag des Eröffnungsspiels....]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Weltmeisterschaft in Brasilien hat begonnen. In den Bars und Restaurants fließt das Bier, auf den Straßen gab es die ersten brenzligen Situationen und die Fifa sorgt mit einer fragwürdigen Aktion für Stirnrunzeln. Ein Rückblick auf den Tag des Eröffnungsspiels.</em></p>
<p>(São Paulo)</p>
<p>Donnerstag, 13 Uhr, vier Stunden vor dem Eröffnungsspiel der WM 2014, sind die breiten Straßen im Westen São Paulos wie leer gefegt. Es ist Feiertag. Die Menschen befinden sich entweder zu Hause vor dem Fernseher oder in der Metro, auf dem Weg nach Itaquera, zur Corinthians Arena.</p>
<div id="attachment_305" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_026.jpg"><img class="size-large wp-image-305" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_026-1024x578.jpg" alt="Mittags am Feiertag: Leere Straßen in São Paulo. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Mittags am Feiertag: Leere Straßen in São Paulo. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Nach fünf Tagen Streik fahren die öffentlichen Verkehrsmittel heute wieder einwandfrei. Natürlich überwiegt die Farbe Gelb in der vollen Bahn. Da fallen die vier neutral gekleideten Damen Mitte 40 im hinteren Waggon schon auf. Sie unterhalten sich lautstark auf Deutsch, es geht um Tickets für das gleich beginnende Eröffnungsspiel. Eine von Ihnen ist tatsächlich seit heute Morgen in Besitz eines solchen. Die Geschichte, wie sie es bekommen hat, klingt so abwegig, so skurril, dass sie gerade deshalb kaum Zweifel an ihrer Wahrheit lässt.</p>
<p>»Wir sind Stewardessen bei der Lufthansa und wohnen im gleichen Hotel wie die Fifa«, erzählt die blonde Frau mit 80er-Jahre Dauerwelle. »Heute Morgen kam ich in die Hotel-Lobby, in der sich ungewöhnlich viele Menschen aufhielten. Ich traute meinen Augen nicht, doch da standen tatsächlich mehrere Fifa-Mitarbeiter und verschenkten Tickets für das Eröffnungsspiel. Sie verschenkten sie nicht nur, sie warfen geradezu um sich mit Eintrittskarten. Und die Menschenmenge fing sie auf, ich konnte ebenfalls eines ergattern. Meine Kolleginnen hier kamen leider zu spät.« Eine der drei »Unglücklichen« fügt hinzu: »Wir versuchen jetzt durch einen Fifa-Kontakt aus dem Hotel direkt vor dem Stadion noch Tickets zu bekommen.« Hastig steigen die vier aus der Bahn aus und stöckeln zielstrebig auf die Corinthians Arena zu.</p>
<p>Was bleibt, ist Fassungslosigkeit: Wer sich in den letzten Wochen mit der WM 2014 befasst hat, weiß, dass der Großteil der Brasilianer sich keine Eintrittskarte für das Eröffnungsspiel leisten kann. Und nun sind tatsächlich noch Tickets für das Eröffnungsspiel übrig und die Fifa verschleudert diese an ausländische Hotelgäste, die in einem der teuersten Hotels São Paulos nächtigen. Der Fifa ist das Gastgeberland Brasilien gänzlich egal, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz. Einen anderen Schluss lassen Geschichten wie die der vier Stewardessen nicht zu.</p>
<div id="attachment_308" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_057.jpg"><img class="size-large wp-image-308" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_057-1024x578.jpg" alt="Fest im Blick: Kreisender Hubschrauber über der Corinthians Arena. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Fest im Blick: Kreisender Hubschrauber über der Corinthians Arena. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Auf einer Anhöhe steht sie, die Corinthians Arena. Ein Hubschrauber kreist permanent über ihr. Perfektes Fußballwetter, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Perfektes Wetter auch, um Geschäfte zu machen, um Meinungen zu vertreten, um zu werben. Wo der Fußball im WM-Gewand auftaucht, da wird geschrien, gefeilscht und getrunken. Das soziale Gefüge vor dem Stadion reicht von den etlichen Fahnenverkäufern, keine Miene verziehenden Polizisten, bibelverschenkenden Christen, britischen Muslimen, die den Islam anhand einer Taktiktafel erklären (»What is your goal?«), Sponsorenvertretern in der Coca-Cola-Lounge, bis hin zu den klassischen Schwarzhändlern. 900 Dollar will einer von ihnen für eine Eintrittskarte haben. Vor einigen Minuten waren es noch 1000 Dollar. Vor den ersten Toren fallen die Preise. Die Händler werden nervös, denn nebenan im Stadion läuft schon die Eröffnungszeremonie.</p>
<div id="attachment_307" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_050.jpg"><img class="size-large wp-image-307" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_050-1024x578.jpg" alt="Verrückt oder gutes Timing? Dieser Herr sucht eine halbe Stunde vor Anpiff noch nach Tickets. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Verrückt oder gutes Timing? Dieser Herr sucht eine halbe Stunde vor Anpiff noch nach Tickets. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Möglichkeiten das Eröffnungsspiel, das zweieinhalb Milliarden Menschen auf der Welt verfolgen, vor dem Stadion zu sehen, sind begrenzt. Eine einsame Leinwand hält die Stellung, vor ihr tobt ein Menschenwirrwarr, das hauptsächlich aus Brasilianern und ein paar rotweiß gekleideten Kroaten besteht. Wer kein Ticket und es auch nicht mehr in diesen Bereich geschafft hat, muss umdisponieren. In 20 Minuten geht die WM los.</p>
<p>Szenenwechsel. An der Metrostation Tatuapé, acht Stationen vom Stadion entfernt, herrscht eine gespenstische Atmosphäre. Hier und in der Umgebung hat es vor einigen Minuten noch Demonstrationen und Proteste gegeben. Ein letztes, verzweifeltes »Nao vai ter Copa« &#8211; Es wird keine WM geben &#8211; kurz bevor es sie doch geben wird. Oder doch ein Neuanfang der Bewegung aus dem Vorjahr? Das große Polizeiaufgebot an dieser Station, lässt ahnen, dass letzterer durchaus noch möglich ist. Jetzt aber bewachen die Männer mit ihren klobigen Schutzschildern einen leeren Bahnhof.</p>
<div id="attachment_309" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_066.jpg"><img class="size-large wp-image-309" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_066-1024x578.jpg" alt="Abgeschirmt: Ein Teil des großen Polizeiaufgebots in Tatuapé (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Abgeschirmt: Ein Teil des großen Polizeiaufgebots in Tatuapé (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Nebenan befindet sich ein raues, aber herzliches Fast-Food-Restaurant mit Bahnhofskneipencharme. Hier gibt es Pommes, Käse-Schinken-Sandwiches und Bier. Ein kleiner Fernseher muss für den ganzen Raum reichen. Die Stimmung ist angespannt, viele der anwesenden Brasilianer verfolgen andächtig die ersten Minuten des Spiels. Laut ist es trotzdem. Das liegt an den unzähligen Tröten, die den ganzen Laden aus allen Himmelsrichtungen stakkatoartig beschallen. Sein eigenes Wort versteht man eigentlich nur zweimal innerhalb der 90 Minuten: nach Marcelos Eigentor und vor Neymars Elfmeter zum 2:1. Die Zeitspanne, die verstreicht, nachdem sich Neymar den Ball zurechtgelegt hat, wirkt nicht nur außergewöhnlich lang, sondern sie ist es auch. »Warum wartet der so lange?«, scheint ein Mann direkt unterhalb des Fernsehers seinen Nebenmann zu fragen. Und nun verstummen auch kurzzeitig die Tröten. Denn in diesem Moment entscheidet sich viel mehr als nur das Spiel. Und Neymar trifft.</p>
<p><iframe width="640" height="480" src="http://www.youtube.com/embed/AAgVUfTKM80?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Nach Spielende kennt ein Brasilianer namens Vagner, der schon während des Spiels mehrmals auf den Tisch gestiegen ist, kennt kein Halten mehr. »Ich bin überglücklich und das sollte das ganze Land sein. Das war ein schwieriges Spiel, aber wir haben es gewonnen. Alle Getränke gehen heute auf mich«, sagt er. Und das waren nicht wenige.</p>
<div id="attachment_310" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_093.jpg"><img class="size-large wp-image-310" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/06/WP_20140612_093-1024x578.jpg" alt="Noch lange nicht ausgetrötet: Nach Neymars Tor legt dieser Mann erst richtig los. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Noch lange nicht ausgetrötet: Nach Neymars Tor legt dieser Mann erst richtig los. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Brasilien entscheidet das wichtige Eröffnungsspiel für sich, sportlich läuft so zumindest erst einmal alles nach Plan. Der Abend an diesem Feiertag ist nach Spielschluss noch jung, doch die »Paulistas«, wie man die Menschen in São Paulo nennt, haben sich in den vergangenen Stunden schon komplett verausgabt. Haben gefiebert, getrunken, getanzt – und an anderer Stelle demonstriert. Die Stimmung auf den Straßen schwankt zwischen Euphorie und Müdigkeit. Irgendwie kann niemand mehr richtig feiern, aber nach Hause will auch keiner.</p>
<p>An einer Straßenecke in der Nähe des Viertels Vila Madalena steht der 20-jährige Caio mit ein paar Freunden und trinkt gemütlich ein Dosenbier. Ein Joint macht die Runde. Was er nach dem frühen Eigentor durch Marcelo gedacht habe? »Ich dachte nur, bitte bitte nicht. Wollen wir uns nach den ganzen negativen Schlagzeilen der letzten Wochen über unser Land jetzt auch noch im Fußball vor der Welt blamieren?«, sagt er. Und obwohl er sich eigentlich nicht groß für Fußball interessiert und der WM gegenüber sehr skeptisch eingestellt ist, spürt man, wie wichtig ihm dieser Sieg ist.</p>
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		<title>»Ich werde ein Buch lesen«</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Apr 2014 02:18:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
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		<description><![CDATA[Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Vor acht Jahren erlebte Deutschland einen WM-Sommer, der das Land veränderte – ein Stück weit zumindest. Für viele kaum vorstellbar, bei diesem Ereignis nicht dabei gewesen zu sein. In Brasilien beginnt in rund zwei Monaten eine WM, vor der die fußballerische und gesellschaftliche (An-)Spannung kaum größer sein könnte. ecke:sócrates hat sich mit jungen Brasilianern unterhalten, die ausgerechnet diesen Sommer nicht in ihrem Heimatland verbringen werden.<br />
</em></p>
<p>Geanmarcos Garcia Terra ist sich sicher. Und so kann man seine Antwort schon während der Frage am Rollen seiner Augen ablesen. »Bei dieser durchkommerzialisierten Show dabei sein? Nein, danke.« Der 20-jährige Student bezeichnet sich als entschiedenen Gegner der WM in seinem Heimatland Brasilien. Er mag den Fußball als Sport, aber im Fernsehen oder im Stadion schaut er ihn nie. »Der Fußball und vor allem die WM sind für Leute mit Geld gemacht, da wird von vorneherein ein großer Teil der Gesellschaft ausgeschlossen.«</p>
<p>Geanmarcos ist daher froh, ausgerechnet diesen Sommer ein Stipendium für ein Semester in Argentinien bekommen zu haben. Für die Zukunft hat er große Pläne, möchte Professor im Bereich Kommunikationswissenschaften werden und sich politisch weiter in der PT, der Partei von Präsidentin Dilma Rousseff, engagieren. Es mutet paradox an: Er ist WM-Gegner, aber kein Gegner der brasilianischen Regierung.</p>
<p>Wie Geanmarcos geht es vielen jungen Brasilianern, die an der Universidad Nacional de Cuyo in Mendoza, Argentinien ihr Auslandssemester verbringen. Für nichts in der Welt würden sie diese Chance eintauschen, schon gar nicht für die Weltmeisterschaft im eigenen Land.</p>
<div id="attachment_233" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg"><img class="size-full wp-image-233" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_001.jpg" alt="Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Kann mit der WM nichts anfangen: Geanmarcos Garcia Terra (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Zildmara Rodrigues, ebenfalls 20 Jahre alt, spricht einen weiteren Punkt an, den man so oder so ähnlich schon seit geraumer Zeit immer wieder aus Brasilien hört: »Als Brasilien 2007 als Gastgeber ausgewählt wurde, dachten viele, das sei gut für das Land. Es gäbe mehr Investitionen in die Infrastruktur. Aber die Investitionen flossen fast alle in die Stadien oder verschwanden in den Taschen der Elite.«</p>
<p>Der Musikstudentin aus São Paulo vergeht ihr sonst so warmes, herzliches Lachen, wenn sie an die WM denkt. Ernüchtert stellt sie fest: »Ich war 2013 gemeinsam mit meinen Freunden bei den Demonstrationen dabei. Nichts hat sich seitdem geändert. Müsste ich während der WM in Brasilien sein, würde mich das nur traurig machen.«</p>
<div id="attachment_235" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg"><img class="size-full wp-image-235" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140401_001.jpg" alt="Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Investitionen ins Bildungssystem statt in eine WM fordert die angehende Musiklehrerin Zildmara Rodrigues (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die Frage, ob sie denn während der WM nicht lieber in ihrem Heimatland sein wolle, werde ihr ständig gestellt, sagt Ana Ligia Alcarás. »Dabei war ich noch nie begeistert von der WM. Keiner meiner Familie oder Freunde wird hingehen und sich ein Spiel anschauen.« Die 21-Jährige studiert an der Universidade Estadual Paulista in der Nähe von São Paulo Internationale Beziehungen und möchte später einmal als Diplomatin die Beziehung Brasiliens zu den anderen Ländern Lateinamerikas verbessern.</p>
<p>An der brasilianischen Innenpolitik hingegen lässt sie kein gutes Haar. »Brasilien ist ein Land mit großem wirtschaftlichem Potenzial, aber die Politik schafft es nicht, das Land zu organisieren, die Gelder vernünftig zu verteilen.« Das liege zum Teil an der Größe des Landes, aber eben auch an wahnwitzigen Projekten, wie der WM, die von Korruption und Misswirtschaft geprägt seien. Ana hat sich nun warm geredet und setzt noch einen drauf: »Am schlimmsten ist die Fußballpropaganda in fast allen großen Medien Brasiliens, die im Vorfeld des Turniers versucht den Verstand der Leute zu vernebeln. Auch deswegen bin ich froh diesen räumlichen Abstand von der WM zu haben.«</p>
<div id="attachment_236" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg"><img class="size-full wp-image-236" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140403_001.jpg" alt="Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Hat keine Lust auf Fußballpropaganda und möchte ihr Land später einmal als Diplomatin vertreten: Ana Ligia Alcarás (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p><a href="http://www.eckesocrates.de/?p=194">André Santos</a> aus Maringá studiert Ökonomie. Als angehender Volkswirt zeigt auch er sich enttäuscht über die verpasste Chance, durch die WM einen Aufschwung zu bewirken: »Der Fußball ist ein Multiplikator von Geld und hätte in unserem Land viel Gutes bewirken können – wenn das Geld denn in die richtigen Projekte fließen würde.« Dass der Großteil der Baumaßnahmen für die WM vom Staat und somit vom Steuerzahler getragen werde &#8211; und nicht zum Beispiel von der Fifa – findet der 24-Jährige grotesk.</p>
<p>»Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ob es schade sei, während der WM nicht in Brasilien zu sein. Das sagt alles.« Ignorieren werde er die WM trotzdem nicht: »Ich werde die Spiele der Seleção im Fernsehen verfolgen und auch über die sozialen Medien mit meinen Freunden Kontakt halten. Denn es wird so gut wie sicher wieder Demonstrationen geben.«</p>
<div id="attachment_238" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg"><img class="size-full wp-image-238" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_011.jpg" alt="WP_20140313_011" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Diego Gomes, Geanmarcos Garcia Terra und André Santos genießen das Auslandssemester auf dem Campus der Uni in Mendoza (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ein Thema, das bei den Demonstrationen in Brasilien immer wieder angeprangert wird, ist die Korruption. »Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine Großveranstaltung wie die WM die ideale Spielwiese für korrupte Politiker, Funktionäre oder Unternehmer ist«, sagt Tanise Ceron eine 20-jährige Anglistik-Studentin aus der südlichen Küstenstadt Floreanópolis. Sie selbst habe in ihrem noch jungen Leben schon häufiger mit Korruption zu tun gehabt.</p>
<p>Das fange schon im Kleinen an. So seien zum Beispiel Fördermittel vom Staat für eines ihrer Stipendien niemals bei ihr angekommen – sondern irgendwo in ihrer Uni »verschollen«. »Wenn ich mir vorstelle, dass so etwas bei der WM in großem Stil passiert, wird mir schlecht. Aus diesem Grund hatte ich noch nie Sympathien für die WM und will nichts mit dieser Veranstaltung zu tun haben.«</p>
<div id="attachment_237" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg"><img class="size-full wp-image-237" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140404_004.jpg" alt="Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Möchte ihr Studium in England fortsetzen: Tanise Ceron (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Der Einzige, bei dem zumindest ein Funken Wehmut zu spüren ist, ist Diego Gomes. Er ist 27, studiert Ingenieurwesen und wird von allen nur »Marcelo« gerufen, weil er dem gleichnamigen brasilianischen Nationalspieler verblüffend ähnlich sieht. »Ich hätte es schon schön gefunden, während der WM in Brasilien zu sein. Ich mag den Fußball, denn da kommen die Leute zusammen.« Wie zum Beweis zieht er die Flagge seiner Lieblingsmannschaft, eines Drittligavereins aus der Tasche.</p>
<p>„Diese Stimmung, dieses Gemeinschaftsgefühl würde ich gerne miterleben. Natürlich gibt es in Brasilien viele soziale Probleme. Aber die WM ist ein Moment, der wichtig für unsere Gesellschaft sein wird. Den würde ich gern mit meinen Freunden zu Hause teilen.« Trotzdem geht auch bei ihm das Studium vor: »Im Ausland studieren zu können, ist ein großes Privileg, das nur sehr wenige Brasilianer erhalten. Fußball ist eben nicht alles im Leben.«</p>
<div id="attachment_234" style="width: 3098px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg"><img class="size-full wp-image-234" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/04/WP_20140313_005.jpg" alt="Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)" width="3088" height="1744" /></a><p class="wp-caption-text">Der angehende Ingenieur Diego »Marcelo« Gomes mit der Flagge seines Lieblingsvereins (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Ablehnung, Gleichgültigkeit, Ernüchterung. Diese Gefühle ziehen sich durch den Großteil der Gespräche mit den brasilianischen Studenten. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu verpassen, bewegt sie kaum.</p>
<p>Geanmarcos bringt es auf den Punkt: Auf die Frage, was er im Falle des sechsten WM-Titels für die brasilianische Nationalmannschaft tun werde, antwortet er ohne mit der Wimper zu zucken: »Das Finale werde ich mir mit Sicherheit nicht anschauen. Ich werde ein Buch lesen.«</p>
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