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	<title>ecke:sócrates &#187; Rio de Janeiro</title>
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	<description>Das Hintergrund-Journal zur WM 2014 in Brasilien</description>
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		<title>»Das war der beste Deal meines Lebens«</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Jul 2014 13:45:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
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		<description><![CDATA[Wie ein Brasilianer aus Rio die WM verbracht hat, dessen gesamtes Leben aus Fußball besteht. Ein Porträt. (Rio de Janeiro) Jeder in Leme kennt Eduardo. Leme, das ist ein Stadtteil Rio de Janeiros, direkt neben Copacabana gelegen, am Fuße einer...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wie ein Brasilianer aus Rio die WM verbracht hat, dessen gesamtes Leben aus Fußball besteht. Ein Porträt.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Jeder in Leme kennt Eduardo. Leme, das ist ein Stadtteil Rio de Janeiros, direkt neben Copacabana gelegen, am Fuße einer dieser unverkennbaren grünen Hügel. Eduardo Mambrini, ein 45-jähriger Brasilianer mit leichtem Bauchansatz, breitem Lächeln und grauen Schläfen, ist ein ehemaliger Profi-Strandfußballer. Er hat sein ganzes Leben lang in Leme verbracht und für den Club »Colorado do Leme« gespielt. Im richtigen Leben ist er Anwalt, am Strand ist er Freistoßspezialist &#8211; mit viel Gefühl im nackten Fuß.</p>
<div id="attachment_535" style="width: 588px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_040.jpg"><img class="size-large wp-image-535" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_040-578x1024.jpg" alt="Eduardo als Jugendlicher bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Strandfußball (Bild: T. Zwior)" width="578" height="1024" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo als Jugendlicher bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Strandfußball (Bild: privat)</p></div>
<p>Wenn er durch die Straßen seines Viertels geht, muss er an jedem Kiosk, jeder Straßenlaterne, jedem Zebrastreifen kurz stoppen, um mit irgendjemandem einen Plausch zu halten. Er tut es gerne, denn meist geht es um Fußball. Heute, einen Tag nach dem Weltmeisterschaftsfinale, unterhält er sich auf der Straße mit einem alten Kumpel. Gemeinsam hatten sie schon länger überlegt, in naher Zukunft eine Reise nach Deutschland zu machen. »Mein Kumpel hat immer etwas gezögert, als es um die Reiseplanung ging, aber jetzt ist Deutschland Weltmeister und es kann ihm auf einmal nicht schnell genug gehen. Er würde am liebsten schon morgen fliegen«, sagt Eduardo grinsend.</p>
<p>Eduardo hat einen besonderen Bezug zu Deutschland. Seine Jugendliebe ist Deutsche und er hat dort immer noch einige Freunde. Er bezeichnet sich als Fan des 1. FC Köln. Das wissen in Leme aber nicht allzu viele Menschen. Für seine Freunde ist Eduardo derjenige, dessen Herz für den Club Flamengo Rio de Janeiro schlägt, seit er denken kann. Er war ein Junge damals, Anfang der 80er, als Flamengo mehrmals die nationale Meisterschaft gewann, die Copa Libertadores und sogar den Weltpokal im Finale gegen den FC Liverpool. Sein Lebensweg kreuzt sich immer wieder mit dem ehemaliger Flamengo-Legenden.</p>
<p>Eduardo erzählt, wie sein Onkel, ein Journalist, ihn einmal zu einem Bankett der brasilianischen Liga mitnahm und ihn dort Zico vorstellte, dem großen Star der damaligen Mannschaft. Eduardo brachte vor Aufregung kein Wort heraus. Ein anderes Mal besuchte er seine Tante in Leme sonntags nachmittags zum Kaffeetrinken und traute seinen Augen kaum, dass dort auf dem Sofa nicht die übliche Verwandtschaft, sondern Lico, einer von Flamengos Außenstürmern saß: »Da saß Lico, mein Lico, den ich ein paar Tage zuvor noch im Stadion angefeuert hatte«, erinnert er sich. Mit dem Nationalverteidiger Júnior, dessen Original-Trikot er besitzt, hat er öfters am Strand von Leme gekickt. »Auch die Profis genossen es, ab und zu mal bei uns Strandfußballern mitzuspielen, vor allem nach Beendigung ihrer Karriere«, sagt er. Jairzinho, gemeinsam mit Pelé der beste Spieler der Weltmeistermannschaft von 1970, wohnt bei Eduardo um die Ecke. »Jairzinho ist eine Legende. Ich treffe ihn ständig an der Tankstelle oder am Kiosk und dann quatschen wir.«</p>
<div id="attachment_542" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Edu_Junior_neu.jpg"><img class="size-large wp-image-542" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/Edu_Junior_neu-1024x578.jpg" alt="Eduardo mit seinem Flamengo-Idol Júnior am Strand (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo mit seinem Flamengo-Idol Júnior am Strand (Bild: privat)</p></div>
<p>Mit seinem Vater ist Eduardo schon von klein auf ins Maracanã-Stadion gepilgert, manchmal zweimal die Woche. Sein bewegendstes Spiel war das Meisterschaftsfinale 1980, das Flamengo gegen Atletico Mineiro vor 154.000 Zuschauern mit 3:2 gewann. Und auch das neue Maracanã kennt er. Er grämt sich nicht ob der Veränderung. »Ich habe fast mein ganzes Leben im alten Maracanã verbracht. Das neue ist eben moderner, sicherer, sauberer. So ist das Leben. Dinge ändern sich.« Dass er jedoch auch während der WM einmal in seinem Stadion sein würde, daran hat er nicht geglaubt.</p>
<p>»Ich hatte keine Tickets und dachte die WM würde vor meiner Nase verstreichen, ohne, dass ich ein Spiel live gesehen habe.« Doch dann kamen ihm seine Gastfreundschaft und der Zufall zu Hilfe. Während der WM haben viele ausländische Gäste auf Eduardos Couch geschlafen. Unter anderem auch ein Chinese, der Freund des Mannes seiner Schwester. Eines Abends saß er mit dem Chinesen in der Kneipe. Es war der Abend vor dem WM-Viertelfinale Deutschland gegen Frankreich in Rio.</p>
<p>»Im Verlauf des Gesprächs fragte der Chinese mich beiläufig, ob ich Fußball möge. Ich, der Fußball in Person, antwortete völlig perplex: Fuß-was?« Das schien dem Chinesen zu genügen. Er hatte tatsächlich zwei Tickets für das WM-Viertelfinale und eines bekam Eduardo. Couch gegen Ticket. »Das war der beste Deal meines Lebens«, sagt Eduardo, der es heute noch nicht begreifen kann: »Ich lief am nächsten Tag um das Stadion herum. Ich war mein ganzes Leben lang hier und jetzt bin ich es immer noch. Aber an dem Tag fühlte es sich so an, als würde ich Geschichte schreiben. Wie oft bin ich mit meinem Vater hierhergelaufen. Und jetzt findet die WM in meinem Stadion statt. Es war Wahnsinn.«</p>
<p>Dass in diesem Spiel der Grundstein für das 1:7 der brasilianischen Mannschaft gegen Deutschland wenige Tage später gelegt wurde, stört Eduardo nicht mehr. Die aktuelle Seleção hat ihn nicht berührt. Er trauert vielmehr immer noch der legendären Mannschaft von 1982 nach, um den Kapitän Sócrates und viele seiner Flamengo-Helden wie Zico, Júnior oder Leandro.</p>
<p>»Das war die beste Mannschaft, die wir jemals hatten. Als sie völlig unerwartet durch die drei Tore des Italieners Paolo Rossi ausgeschieden ist, sind unglaubliche Dinge passiert. Die Menschen auf den Straßen haben geweint. Und es war auch das einzige Mal, dass ich selbst beim Fußball geweint habe. Das war nicht zu vergleichen mit dem 1:7 gegen Deutschland. Damals hatte man noch nicht so viele Optionen im Leben. Der Fußball war allgegenwärtig.« Bis heute kann sich Eduardo die Spiele der 82er Mannschaft nicht ansehen, nicht einmal die grandiosen Siege. Es macht ihn zu traurig.</p>
<div id="attachment_543" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/gruppenbild_leme_neu.jpg"><img class="size-large wp-image-543" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/gruppenbild_leme_neu-1024x578.jpg" alt="Gruppenbild von Eduardos Team Colorado mit einigen Nationalspielern 1993. Mit dabei auch der junge (und etwas schlankere Ronaldo) und Leonardo. Im Hintergrund der markante Berg Morro do Leme. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Gruppenbild von Eduardos Team Colorado mit einigen Nationalspielern 1993. Mit dabei auch der junge (und etwas schlankere) Ronaldo und Leonardo. Im Hintergrund der markante Berg Morro do Leme. (Bild: privat)</p></div>
<p>Die WM 2014 jedoch analysiert er gerne. »Wichtig war vor allem, dass diese WM reibungslos verlaufen ist: Der Verkehr, die Metro und auch die Flughäfen funktionierten. Die Touristen mochten es, das Wetter war genial. Wir Cariocas haben uns gut um die vielen Gäste gekümmert. Die WM war auch fußballerisch super. Gute Tore wie das von James Rodriguez, gute Torwarte wie Neuer, Ochoa oder Navas. Teams wie Costa Rica oder Kolumbien, die den Etablierten Druck gemacht haben. Diese Überraschungen sind es doch, die den Fußball ausmachen.«</p>
<p>Am wichtigsten sei aber die Lehrstunde gewesen, die Brasilien im Halbfinale von Deutschland bekommen habe: »Immer hieß es, Felipão ist der beste Trainer, Neymar der beste Spieler. Wir dachten, wir sind die Besten. Aber das stimmt nicht. Die Mannschaft ist an dem durch solche Prophezeiungen entstandenen Druck zerbrochen. Da die Niederlage so drastisch war, weiß das jetzt auch der Letzte. Das Halbfinale war das Optimum für dieses Team. Jetzt müssen wir von vorne anfangen, den gesamten brasilianischen Fußball umkrempeln.«</p>
<p>Auch den Einfluss der WM auf die zukünftige brasilianische Gesellschaft hebt er hervor: »Finanziell gesehen war die WM für den Großteil der Menschen ein Desaster, da die Steuerzahler viel Geld für dieses Turnier ausgegeben haben, für nichts. Den WM-Titel, der das alles übertüncht hätte, haben wir nicht gewonnen«, sagt er. »Aber aus diesem Scheitern müssen wir lernen. Unsere Gesellschaft sollte professioneller werden. Die Deutschen sind so gut, weil sie so viel arbeiten und sich anstrengen. Das ist wichtig zu sehen, dass man mit harter Arbeit sein Ziel erreichen kann. Wir können nicht von vorneherein davon ausgehen, dass wir die Besten sind und sich alles schon irgendwie fügen wird, wie es die brasilianische Lebenseinstellung des »Jeitinho« besagt. Sondern wir müssen uns fokussieren und hart arbeiten. Das Leben schenkt einem nichts.«</p>
<div id="attachment_538" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_049.jpg"><img class="size-large wp-image-538" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140714_049-1024x578.jpg" alt="Eduardo heute mit dem Original-Trikot von Júnior: »Damals gab es die Trikots noch nicht zu kaufen, daher hat mein Onkel es für mich besorgt.« (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Eduardo heute mit dem Original-Trikot von Júnior: »Damals gab es die Trikots noch nicht zu kaufen, daher hat mein Onkel es für mich besorgt.« (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Viele dieser Eigenschaften habe er bei der deutschen Nationalmannschaft gesehen, daher sei sie verdient Weltmeister geworden. Und Eduardo ist sich sicher, dass diese Mentalität in den Köpfen vieler Brasilianer nicht nur Eindruck, sondern auch Spuren hinterlassen wird. »Wir werden noch lange über diese WM nachdenken“, sagt er.</p>
<p>Das Finale hat Eduardo gemeinsam mit vielen Deutschen am Strand von Leme, drei Minuten von seiner Wohnung entfernt, verfolgt. Als er sich auf dem Rückweg noch einmal umgedreht hat, sei er wehmütig geworden. »Ich dachte nur, wie schade, die WM hat uns verlassen. Und eine Freundin sagte mir noch am selben Abend: Morgen beginnt in Brasilien das Jahr 2014.«</p>
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		<title>»Wenig hat sich geändert«</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Jul 2014 03:12:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
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				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Betriebswirt Jan Tonio Schreiber Kruger (Bildmitte, mit Mikrofon), 29 Jahre alt, schreibt seit fünf Jahren in seinem Blog »Caoscarioca« über die Politik und Verwaltung in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. ecke:sócrates hat mit ihm im Nachgang der WM über sein Fazit der Veranstaltung, infrastrukturelle Veränderungen und die Zukunft Rios vor Olympia gesprochen.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was waren die Beweggründe dein Blog <a href="http://www.caoscarioca.com.br/">»Caoscarioca«</a> zu starten?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Das waren städtische Probleme, über die ich schon als Privatperson mit den Behörden gestritten habe. Mein Grundgedanke war damals, dass diese Probleme nicht nur mich stören. Daher dachte ich, dass ein Blog diese Probleme sichtbarer machen könnte und so einen viel stärkeren Druck auf die auf die Stadtverwaltung ausüben könnte.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was sind das für Probleme und wo setzt du deine Themenschwerpunkte?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Historisch gesehen sind das die Themen Mobilität, Wohnpolitik, oder besser gesagt, mangelnde Wohnpolitik, und auch die Verhaltensweisen der brasilianischen Gesellschaft. Ich glaube, die Brasilianer haben noch nicht die Kultur sich selbst ins Problem miteinzubinden. Sie weisen für gewöhnlich die Probleme einem anderen zu. Dem Bürgermeister, dem Gouverneur, der Präsidentin. Aber sich selbst als einen Faktor in die Formel einzubinden, die eventuell zu einem Problem führt, das tun nur die wenigsten.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie sieht dein persönliches Resümee der WM aus, sowohl in Brasilien als auch in Rio?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Ich hatte von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die Organisation klappen würde. Die Kapazitäten große Events zu hosten haben wir schon seit über 20 Jahren, das haben wir zum Beispiel 1992 bei der Weltklimakonferenz unter Beweis gestellt. Als Fußballfan war die WM super. Allerdings war es auch eine sehr teure WM, meist von Steuergeldern finanziert und ohne, dass die Versprechen, die vor sieben Jahren gemacht wurden, eingehalten wurden. Besonders im Bereich Infrastruktur. Die meisten Investitionen in die Mobilität, die versprochen wurden, sind nicht realisiert worden. Sportlich gesehen sieht es in Brasilien ähnlich aus. Die Idee ist es, dass in der letzten Minute ein »Neymar« auf gut Glück alles verbessert, was über die letzten Jahre hinweg nicht richtig abgearbeitet wurde.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was waren die gravierendsten infrastrukturellen Änderungen in Rio im Zuge der WM?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Rio ist zurzeit eine große Baustelle, aber das hat nur zweitrangig mit der WM zu tun. Die WM ist nur eine Etappe. Der Grund und die Ausrede für alles ist Olympia 2016. Aber im Grunde genommen werden da Projekte in Gang gesetzt die über die letzten 20, 30 Jahre hinweg einfach nicht realisiert wurden. Zurzeit ist sehr schwer zu sagen, ob all dies sich am Ende positiv oder negativ auswirken wird für Stadt.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie hast du als Carioca (so nennen sich die Einwohner Rios) die WM in deiner eigenen Stadt erlebt?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Da ich momentan meine Masterthesis schreibe war ich nicht hundertprozentig dabei. Aber von dem, was ich mitbekommen habe, war die Stimmung klasse. Im WM-Finale war ich sogar im Stadion, das war ein einzigartiges Erlebnis.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was wird die FIFA dem Land Brasilien hinterlassen?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Hinterlassen wird sie nichts. Das einzige, was wir Brasilianer von der Fifa hätten lernen können, wäre wie man den Fußball wieder interessant für mehr Zuschauer macht. Das ist nämlich das Problem unserer Liga. Sie zieht kaum Menschen an. Allerdings glaube ich, dass der brasilianische Fußball einfach noch nicht weit genug ist, um aus dieser WM positive Lektionen zu ziehen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie werden sich die WM und das Abschneidens Brasiliens auf die nähere politische Zukunft des Landes auswirken?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Die Opposition wird versuchen das Fiasko der brasilianischen 1:7-Niederlage gegen Deutschland auszunutzen, um die Wiederwahl der Präsidentin Dilma Rousseff zu behindern. Das Ergebnis verstärkt den allgemeinen Unmut der Bevölkerung noch und das ist problematisch für die aktuellen Politiker, die auf eine Wiederwahl hoffen.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Was ist deine Prognose für die Präsidentschaftswahl im Oktober?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Die Wahl wird sehr knapp. Aber höchstwahrscheinlich wird Dilma wiedergewählt, obwohl auch die ökonomischen Prognosen immer schlechter werden.</p>
<p><strong>ecke:</strong> Wie geht es in Rio de Janeiro jetzt weiter im Hinblick auf Olympia?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Obwohl die Beliebtheit des aktuellen Bürgermeisters Eduardo Paes stetig sinkt, weil die ganze Stadt zu einer Baustelle geworden ist, glaube ich, dass Rio de Janeiro nach 2016 grundsätzlich eine bessere Infrastruktur haben wird als zuvor. Der Bürgermeister setzt seine politische Karriere darauf. Allerdings haben wir eine Gesellschaft, die sehr kurzfristig denkt, also stellt sich die Frage, ob er überhaupt von seinen Leistungen politisch profitieren kann.</p>
<p><strong>ecke:</strong> In einem deiner Texte schreibst du über »die Kultur des Hinterfragens«, die in Brasilien nicht sehr ausgeprägt sei: Wie schätzt du diese aktuell nach dem Erleben dieser WM ein?</p>
<p><strong>Kruger:</strong> Wenig hat sich geändert. Sich einmal auf die Straße zu setzen mit einem Plakat in der Hand, das ist erst ein kleiner Schritt Richtung Mitverantwortung gegenüber dem Staat. Die nächsten Schritte wurden nicht gegangen. Wer etwas fordert, muss auch Verantwortung übernehmen. Diese wird in Brasilien aber weiterhin immer dem Nächsten zugeschoben.</p>
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		<title>»Das Finale ist noch nicht gespielt«</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Jul 2014 05:13:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Demonstrationen]]></category>
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		<description><![CDATA[Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans. (Rio de Janeiro) Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nun ist sie vorbei, die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Ein Rückblick auf das Finalwochenende in Rio de Janeiro jenseits von argentinischen und deutschen Fans.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Nach der historischen Niederlage der Seleção im Halbfinale gegen Deutschland mussten sich viele Menschen in Brasilien erst einmal sammeln. Am Samstagmorgen, dem Tag des ungeliebten Spiels um Platz 3 gegen die Niederlande, ziehen dann aber doch wieder Horden gelbgrüner Fans durch die Straßen von Rio. Sie wollen zumindest den dritten Platz erreichen und damit ihre Ehre retten, so der Tenor. Zwei jungen Männern ist dies völlig egal. Es sind die Filmemacher Fausto Mota und Henrique Ligeiro, 27 und 29 Jahre alt. Den Interviewtermin legen sie auf Punkt 17 Uhr. Anstoßzeit des letzten Brasilien-Spiels. Am Treffpunkt, einer Bar in der Nähe der Metrostation Largo do Machado, setzen sie sich demonstrativ mit Rücken zum Fernseher.</p>
<p>»Morgen ist die WM endlich vorbei«, sagt Fausto. Kurz vor Beginn WM hat er gemeinsam mit Henrique und dem dritten im Bunde, Raoni Vidal die viel beachtete Dokumentation »Domínio Publico“ veröffentlicht. In dem rund 90-minütigen Film geht es um die Situation in den Favelas von Rio und die Demonstrationen im Zuge der WM. Seit 2011 haben die drei Material gesammelt und Menschen interviewt. Vom Favelabewohner, über den bekannten brasilianischen Journalisten Juca Kfouri bis hin zu Romario, dem Weltmeister von 1994, der jetzt Politiker ist. Herausgekommen ist ein Film, der wie kaum ein anderer einen Einblick in Favela-Problematiken wie die »Befriedung« durch die UPP oder Vertreibungen von Anwohnern gibt, aber auch die Protestbewegung 2013 von Anfang an dokumentiert.</p>
<p><iframe width="640" height="360" src="http://www.youtube.com/embed/dKVjbopUTRs?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Während im Hintergrund Robin van Persie das 1:0 für die Niederlande schießt, beginnen Fausto und Henrique zu erzählen. Wie sie eigentlich 2011 nur eine Dokumentation über den Alltag in Rios Favelas drehen wollten. Wie sie dann immer tiefer in die Materie hineingezogen wurden. Wie sie im letzten Jahr entschieden die Recherchen auszudehnen und dafür per Crowdfunding rund 116.000 Reais (rund 39.000 Euro) gesammelt haben.</p>
<p>»Mit dem Film möchten wir so viele Menschen wie möglich auf die Missstände in Rio vor, während und natürlich auch nach der WM aufmerksam machen«, sagt Fausto. Schon rund eine Million Menschen haben die Kurzversion des Filmes gesehen. Die ausdrucksstarken Bilder der sozialen Proteste im letzten Jahr werfen die Frage auf, warum es dieses Jahr während der WM nur zu vereinzelten Demonstrationen kam, warum die Bewegung eingeschlafen ist. »Das liegt an verschiedenen Faktoren«, sagt Henrique, der die Bewegung von Anfang an begleitet hat. »Die Repressionen der Polizei gegen Demonstranten waren massiv und haben vielen Menschen Angst eingejagt. Außerdem gab es innerhalb der Bewegung viele innere Querelen, es wurde nicht an einem Strang gezogen. Und auch die Ablenkung durch den Fußball hat ihren Teil dazu beigetragen.«</p>
<p>Letzterer Punkt waren für Henrique, Fausto und auch für Raoni, der im Verlauf des Gesprächs dazustößt das geringste Problem. Sie interessieren sich nicht oder nicht mehr für Fußball. Und sie ärgern sich darüber, dass der Fußball während dieser WM noch mehr aufgebauscht wurde als sonst. »Eine zweistellige Zahl von Menschen, darunter auch Jugendliche ist während der WM, während nebenan im Maracana gespielt wurde, in Rios Favelas von der Polizei erschossen worden«, sagt Fausto. »Darüber hat keine einzige große Zeitung berichtet.«</p>
<div id="attachment_513" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-513" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140712_039-Kopie-1024x578.jpg" alt="Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Henrique, Fausto und Raoni während des Spiels um Platz 3 (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Die drei waren froh darüber, dass Brasilien im Halbfinale ausgeschieden ist. Sie hoffen nun auf andere Nachrichten als Neymars Verletzung oder Scolaris eventuellen Rücktritt, auf eine neue Art von Berichterstattung. Diese wollen sie in Zukunft mit ihren Filmen mitgestalten. Henrique ist sich sicher, dass die WM noch viele ähnliche soziale und journalistische Projekte inspiriert hat, dass viele Menschen sich nun besser organisieren werden. Das sei aber auch der einzige positive Punkt. Als später in der Bar die Fernseher ausgehen, hat keiner der drei das Endergebnis mitbekommen.</p>
<p>Am nächsten Tag, dem Tag des Finales, herrscht im Umkreis des Maracana-Stadions schon um 10 Uhr morgens geschäftiges Treiben. Wie immer ist das Stadion weiträumig von der Polizei abgesperrt, doch an den Sperren ballen sich die Menschen. Brasilianer, Deutsche, Argentinier. Viele wollen noch Tickets kaufen, trotz horrender Summen von bis zu 5000 Euro für maximal 120 Minuten Fußball.</p>
<p>Nicht weit vom Stadion entfernt liegt die <span class="st">Praça Sáenz Peña</span>. Rund 200 Militärpolizisten stehen an diesem Morgen auf dem ansonsten leeren Platz und warten. Sie sind bereit ihr eigenes Finale zu spielen. Für den Finaltag erwarten sie noch einmal Demonstranten. Diese trudeln nach und nach sehr spärlich ein. Um 13 Uhr haben sich schließlich rund 400 Menschen auf dem Platz versammelt und bereiten sich vor: Singen die ersten Anti-Copa-Lieder, rollen Banner aus, halten Reden. An einer Wand werden Fotos vom letzten Jahr ausgestellt. Die Polizisten stehen drumherum. Es ist friedlich.</p>
<div id="attachment_515" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie.jpg"><img class="size-large wp-image-515" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_053-Kopie-1024x578.jpg" alt="Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Auch die Polizisten sind zu Anfang der Demo an den ausgestellten Bildern interessiert (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Auch Eron Morais Melo ist vor Ort, besser bekannt als Batman. Er ist ein Symbol der Protestbewegung, ist seit einem Jahr bei fast jeder Demonstration dabei. Seine Atrappe des WM-Pokals mit der Aufschrift »Fuck Fifa« hält er verkehrtherum. Ob es jetzt nicht etwas spät ist gegen die WM zu demonstrieren? »Es ist nie zu spät«, sagt er. »Wir werden auch nach der WM weiter demonstrieren, solange unsere Forderungen nicht erfüllt sind. Außerdem ist das Finale ja noch nicht gespielt.« Das denken auch seine Mitstreiter. Der Plan ist es während des Finales bis vors Stadion zu marschieren.</p>
<div id="attachment_518" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048.jpg"><img class="size-large wp-image-518" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140713_048-1024x578.jpg" alt="Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Batman steht über den Dingen. Den Pokal hält er andersherum als Philipp Lahm kurz danach nur wenige Meter entfernt (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Als sich die Demonstranten, darunter auch einige Favela-Bewohner, schließlich nach einiger Zeit in Bewegung setzen, kommen sie nicht weit. Die Polizei hat in allen zum Stadion führenden Straßen Sperren errichtet und schon im Vorhinein laut Fausto Mota rund 80 Protagonisten der Bewegung festgenommen. Mit Tränengas und weiteren Festnahmen sprengt sie auch diese letzte Demonstration. Auf der <span class="st">Praça Sáenz Peña</span> wird laut der Facebookseite der Veranstaltung eine große Gruppe von Demonstranten während des gesamten Spieles festgehalten. Das große Finale nebenan soll nicht gestört werden.</p>
<p><em>Weitere Hintergrundberichte rund um das Ende der WM, die Tage in Rio, den deutschen-brasilianischen Jubel und Brasiliens Zukunft folgen.</em></p>
<div id="attachment_517" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048.jpg"><img class="size-large wp-image-517" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140715_048-1024x578.jpg" alt="Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Die Geschichte, die 2007 begann, ist zu Ende gegangen (Bild: T. Zwior)</p></div>
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		<title>Das Trauma kehrt zurück</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jul 2014 15:48:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Tobias Zwior]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[hintergrund:ecke]]></category>
		<category><![CDATA[Copacabana]]></category>
		<category><![CDATA[Halbfinale]]></category>
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		<category><![CDATA[Tragödie]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Tag begann, wie er endete. Merkwürdig. Schon am Morgen des 8. Juli ist Rio nicht wiederzuerkennen, denn es regnet. Die einzigen Menschen am Strand von Ipanema sind fünf Müllmänner. Der Cristo Redentor, das Wahrzeichen der Stadt, steckt bis zum...]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Tag begann, wie er endete. Merkwürdig. Schon am Morgen des 8. Juli ist Rio nicht wiederzuerkennen, denn es regnet. Die einzigen Menschen am Strand von Ipanema sind fünf Müllmänner. Der Cristo Redentor, das Wahrzeichen der Stadt, steckt bis zum Hals in einer Wolkenmasse. Er kann nicht beobachten, was an diesem Tag in seiner Stadt vor sich geht. Und wird so auch niemals verstehen, warum am Ende des Tages ein Bild von ihm mit Manuel Neuers Gesicht auf Twitter die Runde macht.</em></p>
<p>(Rio de Janeiro)</p>
<p>Was war passiert? Vor dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien waren doch alle so zuversichtlich. Nach der Verletzung von Neymar und der Sperre von Kapitän Thiago Silva, hatte sich nach einigen Tagen der Trauer spätestens gestern eine »Jetzt-erst-Recht-Stimmung“ breit gemacht. Die Menschen auf den Straßen, an ihren Arbeitsplätzen strahlen Zuversicht aus und tragen Gelb. So wie die Postbeamtin Ana. Sie ist sich sicher: »Die <em>Sele<span lang="pt">ç</span>ao</em> holt den Titel für unser Land, es gibt keine Alternative«, sagt sie. »Wir gewinnen heute 1:0 durch ein Tor von Fred.«</p>
<div id="attachment_497" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_005.jpg"><img class="size-large wp-image-497" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_005-1024x578.jpg" alt="Postbeamtin Ana beklebt die ecke:sócrates-Postkarten und ist fest von einem Sieg Brasiliens überzeugt (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Postbeamtin Ana beklebt die ecke:sócrates-Postkarten und ist fest von einem Sieg Brasiliens überzeugt (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Gegen 14 Uhr, drei Stunden vor dem Spiel, schließen viele Läden. Die Menschen bereiten sich mental auf den Finaleinzug vor. Im nassen Sand der Copacabana, wo wieder ein »Fanfest« stattfindet, stehen, sitzen und liegen tausende Brasilianer und starren in Vorfreude auf die Leinwand. Fliegende Händler lesen ihnen jeden Wunsch in Windeseile von den Augen ab. Das sind zunächst Bier und Caipirinhas und später improvisierte Regenmäntel aus Plastik. Ein Fan hält einen selbstgebastelten Sarg in Deutschland-Farben hoch und eine wilde Polonäse schließt sich ihm an. Deutsche Fans sind hier in der absoluten Minderheit. Nur eine kleine Traube von sieben, acht weißgekleideten Personen hat sich mitten in der gelben Menschenmasse einen Platz mit guter Sicht ergattert.</p>
<div id="attachment_499" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_018.jpg"><img class="size-large wp-image-499" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_018-1024x578.jpg" alt="Ein brasilianischer Fan möchte die deutsche Mannschaft zu Grabe tragen (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Ein brasilianischer Fan möchte die deutsche Mannschaft zu Grabe tragen (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Sekunden vor Anpfiff prasselt ein erneuter Regenschauer auf die Copacabana nieder, doch kaum einer scheint das wahrzunehmen. Dann geht es los. Jetzt gilt es für Brasilien. Die Fangesänge ebben ab und konzentrierte Spannung tritt ein.</p>
<p>Das frühe 1:0 von Thomas Müller ist ein erster Stich in das Selbstvertrauen der brasilianischen Fans. »Das biegen wir noch um, keine Sorge.«, sagt ein Mädchen mit viel grün-gelber Schminke im Gesicht. Sie versucht sich selbst und die Menschen um sich herum zu beruhigen.</p>
<p>Doch als dann in den Minuten 23, 24, 26 und 29 im Rhythmus eines Maschinengewehrs vier Bälle mitten ins brasilianische Herz treffen, ist es vorbei. Keiner kann begreifen, was in diesen sechs Minuten passiert ist. Einige beginnen zu weinen, andere schütteln fassungslos den Kopf. Und eine kleine Gruppe Jugendlicher macht ungläubig und trotzig lachend ein Erinnerungsfoto von sich vor der Leinwand. Halbvolle Bierdosen fliegen umher. Selbst die vereinzelten deutschen Fans, stehen anstatt zu jubeln nur mit offenen Mündern da. Es ist der absurdeste Moment der WM.</p>
<div id="attachment_500" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_034.jpg"><img class="size-large wp-image-500" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_034-1024x578.jpg" alt="Fassungslosigkeit an der Copacabana (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Fassungslosigkeit an der Copacabana (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Kurz vor der Halbzeit wird es plötzlich hektisch. Hunderte Menschen laufen mit Panik im Gesicht vom Strand aus Richtung Straße, immer mehr schließen sich ihnen an, ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist. »Wenn ich ein Deutschland-Trikot anhätte, würde ich es ausziehen und nur noch rennen«, schreit ein Brasilianer. Die deutsche Fan-Traube löst sich innerhalb von Sekunden auf.</p>
<p>Wenige Minuten später ist der Tumult vorüber, es ist merklich leerer geworden vor der Leinwand. Die zweite Halbzeit läuft, aber kaum jemand schaut noch hin. Die Menschen sind mit sich selbst beschäftigt. Einer der wenigen übriggebliebenen deutschen Fans versucht seine brasilianischen Freunde zu trösten: »Wir sind 2006 zu Hause auch im Halbfinale ausgeschieden und trotzdem hatten wir eine tolle WM. Wenn ihr das Spiel um Platz 3 gewinnt, könnt ihr wieder feiern, so wie wir damals.«</p>
<p>Der 19-jährige Lucas, der extra aus Sao Paulo angereist ist, entgegnet daraufhin: »Keiner der Ausländer hier kann verstehen, wie wichtig das Spiel hier für unser Land ist. Ganz ehrlich, ich habe Angst vor dem Spielende. Ich weiß nicht, was dann noch passieren wird. Deutschland hatte nach der WM 2006 eine Zukunft. Wir Brasilianer haben nur diese WM und danach nichts mehr.«</p>
<p>Also Oscar kurz vor Spielende das einzige brasilianische Tor schießt, werden auf der Leinwand kurz nacheinander der lachende Torwart Julio Cesar und der fluchende Manuel Neuer eingeblendet. Sicherlich ein verzerrtes Bild, aber Lucas kann es nicht fassen: »Es sollte andersherum sein«, sagt er leise.</p>
<p>Etwas abseits von der Menge in der Nähe der Dixie-Klos, sitzt ein junger Mann namens Rodolfo zugedeckt mit einer Brasilien-Flagge im Sand. »Mein Vater hat mir immer von den großen Mannschaften aus den 60er und 70er Jahren erzählt, von den Toren Pelés und Mané Garrinchas. Was soll ich später meinen Kindern erzählen von der Heim-WM in Brasilien? Dass wir im Regen an der Copacabana standen und 1:7 gegen Deutschland verloren haben?«</p>
<div id="attachment_503" style="width: 1034px" class="wp-caption alignnone"><a href="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_0541.jpg"><img class="size-large wp-image-503" src="http://www.eckesocrates.de/wp-content/uploads/2014/07/WP_20140708_0541-1024x578.jpg" alt="Brasilianische Kinder werden vom Fernsehen interviewt. Vielleicht werden sie noch eine weitere WM in Brasilien erleben. (Bild: T. Zwior)" width="1024" height="578" /></a><p class="wp-caption-text">Brasilianische Kinder werden vom Fernsehen interviewt. Vielleicht werden sie noch eine weitere WM in Brasilien erleben. (Bild: T. Zwior)</p></div>
<p>Sekunden nach dem Abpfiff wird die Leinwand schwarz. Erinnerungen an die letzte WM in Brasilien 1950 werden wach. Sie hat sich in das kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt. Damals erlebte Brasilien seine bislang schmerzhafteste WM-Niederlage zu Hause im Entscheidungsspiel gegen Uruguay. Das Spiel ging als so genannter <em>Maracanaço</em>, als Tragödie im Maracana-Stadion in die Geschichte ein. Schon während des Achtelfinales 2014 gegen Chile wurde, als die Mannschaft am Rande der Niederlage war, vom <em><span lang="pt">Mineiraço</span> </em>gesprochen, in Anlehnung an das Estádio Mineirão in Belo Horizonte. Dieser wurde im Elfmeterschiessen gerade so abgewendet. Nun holt er Brasilien auf der Zielgeraden doch noch ein.</p>
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